Waldkirchenforum in Lenggries

Lenggries diskutiert über Regeln im Netz: „Soll Google und Amazon uns diktieren, was wir wollen?“

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Müssen im Internet Regeln gelten? (Symbolbild)
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Künstliche Intelligenz kann nicht alle Probleme lösen, wird aber auch nicht alles verschlechtern: Das ist das Fazit des Ethik-Experten Thomas Zeilinger in Lenggries.

Lenggries – Im Internet müssen Regeln gelten, genau wie im Alltagsleben. Und Digitalisierung braucht mündige Bürger, die selbst entscheiden, welche Nachrichten sie zur Kenntnis nehmen wollen – und welche nicht: Diese Meinung vertrat Prof. Thomas Zeilinger im Lenggrieser Waldkirchenforum. Diese Themen sind für den Experten Alltag: Zeilinger ist der Beauftragte der evangelischen Kirche für „Ethik im Dialog mit Technologie“.

Zeilinger verwies auf die galoppierende technische Entwicklung. Der erste IBM-Computer habe einen ganzen Raum gefüllt. Seine Rechenleistung sei nicht größer gewesen als heutzutage eine elektronische Glückwunschkarte. Ganze Horden an Zukunftsforschern beschäftigen sich mit der Frage, wann die künstliche Intelligenz welche Leistungen erbringen kann. So gebe es Forscher, die davon ausgehen, dass künstliche Intelligenz schon 2026 in der Lage ist, ein Buch zu schreiben, das es in die Bestsellerlisten schafft. Andere Forscher glauben, dass dies erst im Jahr 2086 der Fall ist.

Löst Technologie unser demokratisches Verständnis ab? Prof. Dr. Thomas Zeilinger referierte im Lenggrieser Waldkirchenforum über Segen und Fluch der Digitalisierung.

Die Probleme stecken aber oft im Detail. Zeilinger verwies auf das autonome Fahren, dessen Durchbruch viele schon längst vorhergesagt haben. „In Bad Dürnbach fährt tatsächlich ein autonomes Fahrzeug vom Bahnhof zum Kurhaus. Aufgrund der Verkehrsvorschriften muss da lustigerweise immer ein Schaffner mitfahren, obwohl der gar nichts zu tun hat.“

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In anderen Ländern ist die Digitalisierung teilweise schon viel weiter fortgeschritten. Zeilinger verwies auf „Social Scoring“ in China. Überwachungskameras zeichnen auf, wer bei Rot über die Ampel geht. Wer dies regelmäßig mache, dessen Gesicht werde auf einem Bildschirm gezeigt: „Das ist also quasi ein sozialer Pranger, mit dem die Staatsführung das Wohlverhalten ihrer Bürger erreichen will.“ In Europa lehne man die staatliche Variante der Digitalisierung ebenso ab wie die kapitalistische Variante in den USA, wo Google und Facebook mit Sammeln riesiger Datenmenge ihr Geld verdienen. Zeilinger: „Paradoxerweise ist mit dem digitalen Zeitalter ein starker Glaube an die Weltbesserung entstanden.“ Tatsächlich müsse man sich aber die Frage stellen: „Wird die Technologie zu einer Größe, die unser demokratisches Verständnis ablöst, weil Google und Amazon uns diktieren, was wir wollen sollen?“ Fairerweise müsse man auch sagen, dass es in den USA eine sehr große kritische Öffentlichkeit gebe: „Gerade die Universitäten beschäftigen sich sehr intensiv mit der Frage, welche Geister da gerufen werden.“

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Zeilinger fordert eine gesellschaftliche Diskussion, in welche Richtung es gehen soll. Zudem seien Forscher notwendig, „die die Potenziale nicht vergöttern und blind idealisieren“. Zeilinger plädiert für einen europäischen Weg. Wettbewerbskommissarin Margarethe Verstager sei bei einer Internet-Konferenz in Texas „der Star“ gewesen, weil sie für eine Gestaltung der Digitalisierung und eine Regulierung der großen Plattformen plädiert habe.

Einer der Zuhörer beim Waldkirchenforum sagte nach Zeilingers Referat, es gebe Studien, die besagen, dass aufgrund der Digitalisierung mit 21 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen zu rechnen ist. „Wie steht die Politik dazu?“, wollte der Zuhörer wissen. „Mir sind diese Prognosen bekannt“, entgegnete Zeilinger. Tatsächlich seien Vorhersagen aber sehr schwierig, weil durch die Digitalisierung auch neue Arbeitsfelder entstünden.

Ein weiterer Zuhörer merkte an, dass gerade Jugendliche sehr sensibel mit ihren Daten umgehen und vor allem Zensur fürchten – Stichwort Upload-Filter. „Ein brisantes Thema“, bestätigte Zeilinger. Staatliche Organe hätten selbstverständlich ein großes Interesse, einen weitreichenden Daten-Zugriff zu haben. Gerade eben habe er mit Berufsschülern über dieses Thema diskutiert. Sein Eindruck: „Da gibt es viel Hysterie. Die Politik muss die Rahmenbedingungen vorgeben. Wir merken gerade, wie schwierig das ist.“

Es gebe viele interessante Ansätze. Beispielsweise eine Art „Daten-TÜV“, den die „Allianz“ vorschlägt. Der Hintergedanke: Eine neutrale Instanz soll die Daten sammeln, die im Zusammenhang mit autonomem Fahren anfallen: „Das ist der plausibelste Weg, weil die Daten weder mir als Fahrer noch dem Versicherer gehören.“ Europaweit werde ein Modell „Open City“ der Stadt Barcelona beobachtet. Demnach haben sowohl Bürger als auch Stadtplaner Zugriff auf Daten.

Zeilinger kam zu dem Fazit: „Künstliche Intelligenz wird weder alle Probleme der Menschheit lösen, noch wird sich durch künstliche Intelligenz alles verschlechtern.“ Dieses Feld müsse gestaltet werden – gerade mit Blick auf soziale Aspekte. Ein Spruch des Amerikaners Edward H. Weiss bringe es auf den Punkt: „Die größere Gefahr geht nicht von Maschinen aus, die wie Menschen denken, sondern von Menschen, die wie Maschinen denken.“

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