Der Lenggrieser Georg Kemser besetzt ein einzigartiges Historisches Zeugnis: Einen Cholera Brief, dessen Geschichte zeigt, welche Maßnahmen früher zur Seuchenbekämpfung herangezogen worden sind.
Lenggries – Die radikale Einschränkung des öffentlichen Lebens zur Bekämpfung der Seuche ist keine Erfindung der Corona-Zeit. Als 1634 in Tölz die Pest ausbrach, wurden alle Märkte abgesagt und möglicherweise Erkrankte bei Androhung des Galgens mit Hausarrest belegt. Anfang des 19. Jahrhunderts breitete sich von Asien und Russland her die Cholera aus und erreichte 1831 auch Deutschland. Die Behörden griffen zu radikalen Maßnahmen, um der in der damaligen Zeit nicht behandelbaren bakteriellen Infektionskrankheit Herr zu werden. Ein ausgesprochen rares Zeugnis aus dieser Zeit hat der Lenggrieser Postgeschichte-Sammler Georg Kemser vor einigen Jahren bei einer Auktion erwerben können.
„Der Lenggrieser Cholera-Brief ist der einzige seiner Art im Südlandkreis“, sagt Kemser. Der bei Briefmarkensammlern begehrte „Schwarze Einser“ sei deutlich leichter zu bekommen als so ein Cholera-Brief, auch wenn er finanziell bei Weitem nicht so viel kostet.
„Der Lenggrieser Cholera-Brief ist der einzige seiner Art im Südlandkreis“
Der Hohenburg-Lenggrieser Cholera-Brief wurde am 22. März 1832 als portofreie Regierungssache nach Rattenberg in Tirol geschickt. Dafür wurde er zunächst mit Boten nach Tölz gebracht und dort gestempelt. Da die Cholera zu der Zeit den Grenzen von Bayern und Österreich schon bedrohlich nahe kam, ordneten die Behörden an, dass nur solche Post die Grenzen des Landes passieren dürfe, welche vorschriftsmäßig desinfiziert wurde. „Dabei“, erklärt Georg Kemser, „bediente man sich der Methode des Räucherns“. Die Briefe wurden mit Nadeln perforiert, was bei dem Hohenburger Brief deutlich zu erkennen ist, und dann über chemikalisch-durchsetztem Rauch geschwenkt beziehungsweise „geräuchert“.
Verwendet wurden dazu, so kann man auf der Internetseite des Deutschen-Apothekenmuseum nachlesen, Räucherpulver mit stark riechenden Stoffen und Chemikalien wie Wacholder, Lorbeer, Essig, Salpeter oder Schwefel. Ebenso wurden Briefe mit Essig bespritzt.
Kam ein Brief dabei zu Schaden, gab es Verfahren, die Tinte wieder sichtbar zu machen. Das geschah nicht etwa vor Ort, sondern in sogenannten Contumaz-Anstalten. Das waren spezielle Prüf- und Bearbeitungsstellen für Seuchenpost, von denen es viele im Nordosten Bayerns gab.
„Netto di fuora e di dentro“
Der Hohenburg-Lenggrieser Cholera-Brief weist aber eine weitere Besonderheit auf, die auf eine österreichische Contumaz-Anstalt deutet. Er trägt nämlich den Stempel „Netto di fuora e di dentro“, auf Deutsch: „Innen und außen gereinigt.“ In Österreich, so weiß Sammler Kemser, „war Italienisch die gängige Sprache in der Medizin, weshalb auch die entsprechenden Stempel in Italienisch verfasst wurden“.
Hat das Räuchern geholfen? „Eher nicht“, meint Georg Kemser. Lange gab es diese Cholera-Briefe auch nicht. Nach Abklingen der Seuche im Laufe des Jahres 1832 sei von den zuständigen Behörden angeordnet worden, das umständliche Brieferäuchern wieder zu unterlassen.
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