VonPatrick Staarschließen
Fabian Schlager setzt bei den den Tölzer Löwen auf einen anderen Umgang mit Mannschaft und Sponsoren. Im Interview erklärt der neue Geschäftsführer, was er darunter versteht und warum er sich nicht zu schade dafür ist Möbel zu schleppen.
Bad Tölz – Vor fünf Monaten wurde Fabian Schlager Nachfolger von Ralph Bader als Geschäftsführer der Tölzer Löwen. Der 28-Jährige hat sich vorgenommen, einiges zu verändern – vor allem den Umgang mit Sponsoren und Spielern. Im Interview spricht der ehemaligen Spieler der Tölzer Löwen und Geretsrieder River Rats über Altlasten, die Vertragsverlängerung mit Trainer Ryan Foster und die Stärke der umgekrempelten Mannschaft.
Herr Schlager, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie gefragt wurden, ob Sie Geschäftsführer werden wollen?
Erst mal war ich völlig überfahren. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass wir über meine Arbeit als Nachwuchstrainer sprechen.
Und was hat Ihre Freundin gesagt?
Wir haben festgestellt, dass Eishockey und Finanzen bei mir gut zusammenpassen. Mir machen Finanzen wahnsinnig viel Spaß. Und mir macht Eishockey wahnsinnig viel Spaß. Abgesehen davon war ich jeden Tag im Stadion und krieg einiges mit. Natürlich habe ich auch geschimpft – wie wahrscheinlich jeder. Wenn du dann die Möglichkeit kriegst, was zu verändern – und das auch noch mit einem guten Umfeld – dann sollte man das machen.
Über was haben Sie geschimpft?
Über den Umgang mit den Spielern. Auch mit den jungen Spielern. Ich weiß, wie es bei mir war: Mein Traum war, in der Ersten Mannschaft zu spielen. Und dieser Traum soll nicht ausgenutzt werden.
Meinen Sie damit den Umgangston oder die Bezahlung?
Beides.
Wie sieht Ihre Tätigkeit zwischen Sparkasse, Nachwuchstrainer und Geschäftsführer jetzt aus?
Meine Arbeit bei der Sparkasse ist beendet. Die erste Priorität liegt auf der Arbeit als Geschäftsführer. Ich möchte aber auch weiter auf dem Eis stehen. Viermal pro Woche eine Stunde mit der U 15. Das ist Zeit, in der ich regenerieren kann und nicht an die Arbeit als Geschäftsführer denke. Ich bin aber nicht der Hauptverantwortliche bei der U 15. Mein Ziel ist, die Nachwuchsspieler in die Erste Mannschaft zu integrieren. Die Kooperation zwischen den Tölzer Löwen und dem EC Bad Tölz muss wieder mehr gelebt werden. Das muss eine Einheit sein – natürlich nicht finanziell.
Was hat Sie in den ersten Monaten in Ihrer neuen Tätigkeit am meisten überrascht?
Nicht viel. Schwierig war, dass in den ersten Monaten sehr viel gleichzeitig passieren musste. Sei es Wohnungen zu finden, weil alle davor gekündigt worden sind. Sei es den Kader zusammenzustellen, in enger Abstimmung mit Ryan (Löwen-Trainer Ryan Foster, d. Red.). Ich habe den Spielern auch beim Aufbauen der Möbel geholfen.
Das macht wahrscheinlich auch nicht jeder Geschäftsführer ...
Wahrscheinlich nicht. Aber ich hab’s halt gemacht. Wir haben drei Tage damit verbracht, Möbel durch Tölz zu fahren. Miteinander, ich bin super unterstützt worden.
Warum haben an Trainer Ryan Foster festgehalten? Die vergangene Saison war ja sportlich nicht der Weisheit allerletzter Schluss?
Wenn Ryan seine Arbeit machen darf, ist er ein sehr, sehr guter Trainer für Tölz, weil er Spieler besser macht. Er gibt jungen Spielern eine Chance und sieht sie nicht als Auffüller. Ihm ist egal, wie alt ein Spieler ist – entweder sie sind gut oder weniger gut. Er muss seine Arbeit nur machen dürfen, ich will mich nicht einmischen.
Es soll Vorgänger als Geschäftsführer gegeben haben, die sich gerne ins Sportliche eingemischt haben ...
Hab ich auch gehört. Weiß ich aber nicht, ich war nicht dabei.
Außergewöhnlich ist, dass die Tölzer Löwen als dritten Kontingentspieler einen 18-Jährigen aus dem eigenen Nachwuchs bauen. Was sind die Gründe?
Erstens haben wir ein Nachwuchskonzept und zweitens soll Leistung belohnt werden. Jakob Oberhöller war letztes Jahr der beste und stabilste Verteidiger in der U 20. Genau wie Isi Sahanoglu der beste Stürmer in den Playoffs war. Daher kriegt er auch eine Chance. Wenn sie’s nicht schaffen, weil es zu früh ist, dann ist es auch in Ordnung. Sie haben Zeit, sie sollen sich langsam an das Herren-Eishockey gewöhnen. Wenn es dieses Jahr nicht klappt, dann nächstes Jahr. Wir machen ihnen keinen Druck, aber sie bekommen die Chance, sich zu beweisen.
Kann Ryan Forster auch mit erfahrenen Spielern umgehen?
Auf alle Fälle. Er kann eine Mannschaft formen, aber letztes Jahr gab es kein richtiges Mannschaftsgefüge. Es waren sehr viele junge Spieler dabei und sehr viele alte. Die Bindeglieder dazwischen haben gefehlt. Schon beim ersten Gespräch waren wir uns einig, dass wir auch Spieler im Alter zwischen 25 und 28 Jahren brauchen. Leute, die Erfahrung haben, aber auch sehr hungrig sind und die jungen Spieler leiten können.
Timo Sticha hat in einem Interview die Spielidee von Ryan Forster kritisiert. Sinngemäß hat er gesagt, dass er Rumpel-Eishockey spielen lässt – Scheibe ins gegnerische Drittel und hinterher.
Ein Spieler hat das System zu spielen, das der Trainer vorgibt. Punkt. Rumpeln ist schon immer 100 Prozent Tölzer Eishockey. In der DNL spielen wir genau das gleiche System, und da hat’s scheinbar gepasst. Daher finde ich seine Aussagen ... schwierig. Ein Nachtreten.
Wie sieht es mit einem Co-Trainer aus?
(lacht) Fredi Ford. Wird noch vorgestellt.
Fredi Ford, nanu?
(lacht) Er heißt nicht wirklich so, das ist sein Alias. So hat er sich selbst vorgestellt. Wenn man ein bisserl überlegt, kann man draufkommen, wer das ist.
Wie schätzen Sie die Leistungsstärke der Mannschaft im Vergleich zum Vorjahr ein?
Es ist eine ganz andere Mannschaft als in der vergangenen Saison. Da hatten wir drei Spieler unter den besten Scorern der Oberliga. Und wo sind wir gelandet? Neunter. Jetzt haben wir die Verantwortung ganz bewusst auf mehrere Schultern verteilt. Breiter aufgestellte Mannschaften sind effektiver, besser und schwieriger auszurechen. Vier Reihen können Vollgas geben.
Wenn es nicht eine einzelne Top-Reihe gibt, bleibt mehr Geld für die anderen Sturmreihen...
Das Gehaltsgefüge in der Mannschaft ist jetzt wesentlich angenehmer. Ich übertreibe bewusst: Es ist nicht so schön, wenn junge Spieler 200 Euro verdienen und der der andere 10 000 Euro. So ist es in der Oberliga oft, und das ist nicht gut. Auch in Firmen ist es nicht gesund, wenn Du Deinen Job machst, und der neben Dir verdient zehnmal so viel.
Und motivationsfördernd ist es auch nicht.
Richtig.
Es gibt viele Vereine, bei denen es finanziell kriselt – zum Beispiel Füssen und Bayreuth. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Die ganze Oberliga hat schwierige Jahre hinter sich. Seit Corona sind einfach weniger Leute in den Stadien. Das merkt jeder Verein.
Es wird gemunkelt, dass auch die Tölzer Löwen eine Bürgschaft im hohen fünfstelligen Bereich hinterlegen mussten?
Natürlich haben auch wir Auflagen bekommen. Das ist ja nicht verkehrt. Der DEB sieht das rational und objektiv. Wir haben eine Bilanz, wir haben eine Planung. Beides liegt sehr weit auseinander. Und das, obwohl wir sehr, sehr konservativ planen. Mehr will ich dazu nicht sagen. Die Nachforderungen waren nachvollziehbar und machbar. Der DEB hat die Unterlagen als sehr fundiert eingestuft – fundierter als bei manchem DEL2- und DEL-Verein.
Die Probleme der Löwen liegen also im Altlasten-Bereich?
Nur im Altlasten-Bereich, klar.
Wie läuft der Dauerkarten-Verkauf?
Ich habe keine offiziellen Zahlen, weil das Büro im Urlaub ist. Soweit ich es mitgekriegt habe, läuft es ganz okay.
Mit welchen Zuschauerzahlen kalkulieren Sie?
Wir rechnen mit 400 verkauften Dauerkarten und einem Schnitt von 1250 Zuschauern. Wenn es mehr werden, freut es mich brutal.
Im Bereich Social Media sind die Löwen recht aktiv. Wie kommt’s?
Die Videos macht ein Spezl von mir mit seinem Geschäftspartner. Er will in dieser Branche Fuß fassen und ist sehr motiviert. Ich kenne seine Videos schon lange und habe ihn gefragt, ob er beim Neustart dabei sein will. Wir haben die Verantwortung, für die Zuschauer ein Erlebnis zu schaffen.
Durch den Rückzug des Mega-Hauptsponsor Wee haben sich die Voraussetzungen gewaltig verändert ...
Klar. Es ist ja gut, wenn man einen großen Hauptsponsor hat. Aber nur weil man einen großen Hauptsponsor hat, darf man seine treuen Sponsoren nicht vergessen. Doch genauso so war es bei uns. Wir kommen jetzt wieder ins Gespräch. Um 9 Uhr, 10 Uhr, 11 Uhr, 12 Uhr hab ich Termine, jede Stunde einen. Mit allen Sponsoren konnte ich noch nicht reden, obwohl ich von Montag bis Sonntag arbeite. Das ist in Ordnung so, ich arbeite gerne viel. Ich hoffe, dass ich es in den nächsten Monaten hinkriege, mit jedem einzelnen Sponsor zu sprechen.
Wie war bisher die Resonanz?
Ich habe gehört, dass es in den letzten Jahren nicht so einfach war, vor allem mit der Kommunikation. Ich habe mir vorgenommen, dass ich in diesem Jahr zwei Netzwerk-Veranstaltungen organisiere. Aber alle Sponsoren, mit denen ich gesprochen habe, sehen die Zukunft sehr positiv.
Nehmen Sie Ihre Freundin mit zu Sponsoren-Terminen, damit Sie sich gelegentlich sehen?
(lacht). Wir kriegen das ganz gut hin. Ich schau, dass ich mittags heimkomme. Und es ist schön, wenn ich abends heimkomme. Wir versuchen, die freien Stunden zu nutzen. Wir haben einen VW-Bus, fahren ein paar Stunden in die Eng. Das reicht, um Kraft aufzutanken.
Ist ein größerer Sponsor in Sicht?
Wir haben mehrere neue Partner ins Boot geholt. Sehr viele Partner haben ihr Sponsoring erhöht. Wir arbeiten an einem neuen Sponsoring-Konzept, das nicht nur berücksichtigt, wie hoch die aktuelle Sponsoring-Summe ist, sondern auch, wie lange ein Sponsor schon dabei ist. Wir fangen neu damit an, weil anhand der vorhandenen Unterlagen nicht nachvollziehbar ist, wie lange ein Sponsor schon dabei ist.
Red Bull zieht in München ein ganz großes Projekt auf. Wie sehen Sie das?
Auch wenn München jetzt groß wird: Wir haben die besten jungen Eishockeyspieler, vom Einzugsgebiet, von der Motivation, von der Ausbildung. Wenn Abeltshauser, Pföderl und Ehliz nicht verletzt gewesen wären, hätten wir sieben WM-Silbermedaillengewinner aus Tölz gehabt. Das musst du auch erst mal schaffen. Egal wie groß München wird: Es wird immer junge Leute geben, die hier spielen wollen. Natürlich muss man ihnen Perspektiven geben, auch nach oben. Wir sind in guten Gesprächen mit einigen Vereinen.
Natürlich freut sich jeder, wenn wieder ein Tölzer den Sprung in die Nationalmannschaft schafft. Aber die meisten schauen dann doch nur auf die aktuellen Ergebnisse der Tölzer Löwen.
Nicht nur das Ergebnis. Natürlich ist es schön, wenn man gewinnt. Ich mag auch immer gewinnen. Aber genauso wichtig ist, dass die Mannschaft alles gibt. Wenn 1:2 verliere, aber ich habe mir den Arsch aufgerissen, dann honoriert das der Zuschauer auch.
Wie schätzen Sie die Perspektiven der Tölzer Löwen ein?
Im Moment ist die Oberliga definitiv die richtige Liga für uns. Jetzt geht es darum, die richtigen Strukturen aufzubauen. Wenn dann die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen passen, warum sollen wir dann nicht aufsteigen wollen? Wichtig für uns sind die Derbys – mit Riessersee, mit Rosenheim, mit Regensburg. Man muss sich nur mal Ambri-Piotta anschauen: Die haben auch nicht viele Einwohner und viel Industrie. Aber da gehen die Fans ins Stadion, da sind die Fans der Hauptsponsor. Sie tragen die Mannschaft. Genauso ist es bei uns: Wir brauchen die Fans in Halle und Leute, die Dauerkarten kaufen.
Ist ein Aufstieg ohne einen Mega-Hauptsponsor wie Wee möglich?
Natürlich ist es nie verkehrt, wenn ein Großer dabei ist. Aber ich bin ein großer Fan vom breit Streuen. Wie in der Anlageberatung. Lieber habe ich 100 Sponsoren, die 5000 Euro geben als einen Sponsor, der mir 500 000 Euro gibt. Man sieht ja, was passiert, wenn der eine Sponsor weg ist.
Wenn man sich die Nachhaltigkeit ansieht: Da hat Wee wenig gebracht, das Geld ist quasi verpufft.
Richtig. Das hat gar nichts gebracht. Ein kurzes „Hurra“ – das war’s.
Wie schwierig ist es, wirtschaftlich den Abstieg von der DEL 2 in die Oberliga in den Griff zu bekommen und einen Klub vom Profi-Eishockey auf halbprofessionelles Eishockey umzustellen?
Das ist ein Riesenthema. Du hast hohe Kosten, die alten Verträge laufen teilweise weiter – mit Spielern, aber auch mit Kooperationspartnern. Die Berufsgenossenschaft berechnet die Umlage nach den alten DEL2-Gehältern, und, und, und. Daher ist es für viele Vereine schwierig, den Abstieg wirtschaftlich zu meistern.
Sehen Sie die Oberliga als Ausbildungs- oder Profiliga?
Für mich ist es eine gesunde Mischung aus beidem. Ich bin aber ein großer Verfechter davon, dass die Oberliga mehr Ausbildungsliga wird. Wir müssen den jungen Spielern wieder eine Chance geben zu spielen. Unsere U 18-Nationalmannschaft ist abgestiegen, auch deshalb, weil die U18-Nationalspieler keine Chance bekommen, in der Oberliga zu spielen. Wo sollen sie sonst spielen?

