VonKlaus-Maria Mehrschließen
Tegernsee – Er ist durch seine geniale Tourismuskritik per Fotokunst berühmt geworden. Die SGT hat ihn neulich an den Tegernsee geholt. Wir haben ihn nach dem Almdorf gefragt.
Der Fotokünstler Lois Hechenblaikner (58) hält der Tiroler Tourismusindustrie den Spiegel vor. Gnadenlos zeigt er seinen Landsleuten die ganze Hässlichkeit der Branche – von Aprés-Ski-Wahnsinn über Hinterseer-Konzerte bis hin zu den Bauexzessen in den Tiroler Gebirgstälern. Die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT) hat den Heimatkritiker an den See geholt. Für einen Vortrag und eine Besichtigungstour. Wir haben ihn nach seinen Eindrücken vom Tegernseer Tal gefragt.
Hechenblaikner: Apokalypse kann man nicht sagen. Was man hier sieht: Das Kapital hat die Neigung und die Kraft, dahin zu gehen, wo die Gunstplätze sind.
Hechenblaikner: Da geht es um die schöne Aussicht, den erhabenen, den fürstlichen Blick auf den See. Wenn Menschen etwas erreicht haben, dann wollen sie den Platz an der Sonne im doppelten Wortsinn. Von denen wird keiner freiwillig in eine Betonwüste ziehen. Das große Geschenk des Alpenraums ist die Topographie. Dass man nicht nur nach oben, sondern auch nach unten ins Tal schauen kann. Das Flachland kann das nicht bieten.
Hechenblaikner: Lebenswert ist es auf alle Fälle. Die Tragödie ist, dass das Kapital mit seiner Kraft so viel Druck auf die Entscheidungsträger ausübt, dass eine Ruinierung der Wahrnehmung stattfindet. Dann entstehen Gebäude, die kein Gesicht haben, sondern eine Fratze. Das Antlitz eines Gebäudes zeigt die Absicht des Bauherrn recht deutlich.
Hechenblaikner: Die gibt es im ganzen Alpenraum, und gleichzeitig sind die Berge eine Projektionsfläche für die Menschen. Nach dem Motto: In der Stadt ist der Karies. Im Alpenraum leben die schönen und guten Menschen. Da stimmt das Leben noch. Und wir Tiroler nutzen genau dieses Bild, um den Städter zu bewirtschaften, der in Massen zu uns kommt. Dabei sind schon viele kulturverräterische Dinge passiert.
Hechenblaikner: Genau das ist es. Der Alpenraum hat ein gewisses Bild. Und dieses Bild wird von Touristikern immer wieder strapaziert. Wie ein alter Putzfetzen, den man immer wieder ins Wasser taucht. Die Tinktur verkaufen sie.
Hechenblaikner: Die einzige Konkurrenz für die Berge ist das Meer.
Hechenblaikner: Ich hoffe, er beweist dabei mehr Geschmack als in Ischgl. Ich hätte nie gedacht, dass sich ein Mensch, der nur mit feinsten Produkten arbeitet, auf eine derart gröhlende Barackenkultur einlässt.
Hechenblaikner: Eine lächerliche Bretterbude im Piratenschiffstil.
Hechenblaikner: Sondern auch wieder in Richtung Abgrenzung. Das sind die Orte, wo sich die botoxfrisierte Edel-Diva nochmal vor dem Verwesungsprozess rettet. Und das nennt man dann Almdorf. Ich hab da oben keinen einzigen Senner gesehen, geschweige denn ein Dorf.
Hechenblaikner: Und es muss auch nicht so werden. Ich habe nichts gegen touristische Infrastruktur, wenn sie sauber verarbeitet ist, wenn das Gebäude sind, die dann auch in internationalen Architekturmagazinen stehen können. Was das angeht, ist in Bayern die Situation viel besser als bei uns.
Hechenblaikner: Mit Gewalt geht nichts. Sie müssen Investoren einbinden und sich fragen, was habe ich anzubieten? So können Sie verständlich machen, dass Demut gegenüber der Natur einen Mehrwert hat. Ich mag Tourismus. Aber er muss mit Qualität passieren. Tourismus muss einen Sinn haben.
Hechenblaikner: Sicher. Aber ich würde ihn auch fordern, ernsthafte Architektur verlangen. Wenn er nur Absolution will, ist er bei mir an der falschen Adresse.
kmm
