Der Mayr Karl und sein Mühlbach

Kraftwerk oder Biotop? Es geht beides, beweist ein Kreuther

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Karl Mayr neben seinem Mühlbach. Im Hintergrund sein Kraftwerk.
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Weißach - Zwei Wasserkraftwerke, ein kerzengerader Bachlauf und doch Lebensraum für Forelle, Biber und Eisvogel – geht das? Das geht, wenn sich Karl Mayr darum kümmert.

Ein paar Brocken Fischfutter reichen. Dann brodelt das Wasser, der sonst so klare Mühlbach verdunkelt sich, und man sieht nur noch schwarze Flossen und silbrig schimmernde Fischleiber. Es sind riesige Tiere, die sich im Mühlbach am Rainerhof tummeln – obwohl direkt darüber die Turbine des Wasserkraftwerks von Karl Mayr dröhnt. Wenn der große, kräftige Mann mit Schnauzer auf seine Forellen im Mühlbach schaut, bekommt sein Blick etwas Seliges. Fast sieht der 55-jährige Campingplatzbetreiber dann so aus, als hätte er sich gerade frisch verliebt.

Dabei kennt der Mayr Karl den Mühlbach, der an der Fußgängerbrücke unterhalb der Wallbergstraße von der Weißach abzweigt, durch die Kreuther Ortsteile Oberhof, Reitrain und Weißach bis in den Tegernsee fließt und früher einmal mehrere Mühlen betrieben hat, schon sein Leben lang. Als Bub ist Mayr nach der Schule nicht direkt nach Hause gegangen, sondern zu seinem Mühlbach und hat den Fischen zugeschaut. „Du wirst keine zwölf Jahre alt“, hat sein Vater dann geschimpft, „weil Du vorher ersäufst.“ Aber das hat den Karl nicht abgehalten: „Ich war damals fischnarrisch und bin es heute noch.“

Umso schlimmer waren für den kleinen Karl die jährlichen Bachauskehren. Denn durch einen Industrielauf, so lautete damals die gängige Meinung, muss das Wasser hindurchschießen, da darf kein Stein auf dem anderen liegen bleiben, jedes Kraut, jede Pflanze, jeder Ast, alles muss raus. Damals legten die Anlieger den ganzen Bach trocken und fuhren mit einer Raupe durch. Da wuchs wortwörtlich kein Gras mehr. Die kleinen Fischlein, die geschützte Mühlkoppe, der Bachforellennachwuchs und alles andere, was sich so über den Sommer angesiedelt hatte, war dann tot. Mayr ist als Kind mit seinem Eimer vorne weg gelaufen und hat gerettet, was ein Achtjähriger eben retten kann. Viel war es nicht.

Als Mayr älter wurde, hat er versucht, seinen Vater und die anderen Turbinenbetreiber zu überzeugen. „Wir haben den Bach immer ausgeräumt, warum soll das jetzt schlecht sein?“, haben sie ihn dann gefragt. Die Alten wollten nicht verstehen, dass sie damit ein Massensterben auslösen. „Wenn Fische schreien könnten“, sagt Mayr, „dann hätten die schon früher damit aufgehört.“ Aber Fische sterben still. Mayr blieb hartnäckig, übernahm nach dem Tod seines Vaters das Fischereirecht und kämpfte weiter für seinen Mühlbach. Inzwischen wird der Bach nur noch alle zwei Jahre ausgekehrt, und das nicht mehr maschinell, sondern per Hand. Auch trockengelegt wird er nicht mehr. Nur noch abgestaut.

„Heute bin ich der Alte“, scherzt Mayr. Aber die Jungen hören ihm heute zu. Denn Mayrs behutsame Methode hat sich über die Jahrzehnte ausgezahlt. Der Mühlbach ist in vielen Abschnitten wieder ein richtiger Bach. Da liegen Steine drin. „Und jeder Stein bedeutet Leben.“ Da wachsen Wasserpflanzen, und an den Ufern macht sich der Biber zu schaffen. „Der Stromertrag wird dadurch sicher nicht höher“, räumt Mayr ein. „Aber jedes Loch, das der Biber ausgräbt, ist wieder ein neuer Laichplatz.“ Und diese Laichplätze werden genutzt, genauso wie die Fischtreppen, die um Mayrs Kraftwerk und um das des E-Werks an der Weißachmühle herumführen. Das weiß Mayr deshalb, weil er seine Fische praktisch namentlich kennt, gerade die großen Männchen mit ihren Riesenschädeln.

Nicht selten hat er den ein oder anderen erst unterhalb seines Kraftwerks und wenig später im Vorlauf angetroffen. Der Fisch lernt, auch, wie eine Fischtreppe funktioniert. Selbst so eine große Treppe wie beim E-Werk. Sechs Meter Gefälle muss sie überwinden, und hat so viele Stufen, dass sie selbst auf Google Maps deutlich zu sehen ist. Viel Überredungskunst hat Mayr nicht gebraucht, bis das E-Werk die Treppe 2011 gebaut hat. „Das ist ein toller Partner, genauso wie das Wasserwirtschaftsamt.“ Neulich hat das E-Werk sogar Betonrohre im Mühlbach versenkt – zum Schutz von Mayrs Fischen.

Denn der Mühlbach ist so fischreich, dass eine andere gefährdete Tierart auf ihn aufmerksam geworden ist: der Gänsesäger (wir berichteten). Ein Viertel des Bestands, sagt Mayr, hätte er dem Vogel schon gegönnt. Aber der hat mit seinem Sägeschnabel gleich alles erledigt. In den Betonrohren, glaubt Mayr, können sich die Fische jetzt verstecken. In Zeiten von Extremhochwassern und Energiewende stehen die Bachläufe wieder im Fokus. In der öffentlichen Diskussion, so scheint es, muss man sich für eine Seite entscheiden: entweder Wasserkraftwerk oder ökologisch wertvolles Bachbett. Entweder Hochwasserschutz oder natürlicher Bachlauf. Der Alpbach in Tegernsee sei ein Extrembeispiel, sagt Mayr. Da schießt das Wasser nur so durch, „aber leben tut da gar nichts mehr“. Karl Mayr beweist mit dem Mühlbach seit Jahrzehnten: Es geht beides, und das sogar ziemlich gut.

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