VonChristian Masengarbschließen
Etwa 80 Miesbacher Schüler demonstrieren für den Klimaschutz, statt zur Schule zu gehen. Die Rektoren drohen mit Verweisen, selbst wenn sie den Anlass unterstützen.
Miesbach – Max Dietrich (18) steht auf einem Schneehaufen und schreit gegen den Klimawandel an. „Das ist unser Freitag“, ruft er in sein Megafon. „Den nehmen wir uns für unsere Zukunft.“ Dann jubeln die Schüler, die vor dem Schneehaufen im strömenden Regen stehen. Sie blasen Trillerpfeifen und halten Pappschilder hoch. „Ihr sägt den Ast ab, auf dem wir alle sitzen“, steht da. Und: „Das Klima ist aussichtsloser als unser Mathe-Abi.“ Links und rechts, im Miesbacher Gymnasium und in der Realschule, starren die aus dem Fenster, die nicht mitlaufen wollen. Und die, die sich nicht trauen, weil sie Angst vor Verweisen haben.
Seit gestern ist die Bewegung „Fridays for Future“ (Freitage für die Zukunft) in Miesbach angekommen. Etwa 80 Schüler von Gymnasium und Realschule demonstrierten für den Klimaschutz, statt zur Schule zu gehen. Wie Schüler in ganz Europa folgen sie dem Beispiel der Schwedin Greta Thunberg, die seit August 2018 jeden Freitag dem Unterricht fern bleibt. Sie will, dass ihr Land die Ziele des Klimaabkommens von Paris einhält.
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Miesbacher Schüler protestieren für Klimaschutz
Das will auch Dietrich. Er war es, der den Klima-Streik nach Miesbach brachte. Von Thunberg inspiriert versammelte er Mitstreiter in einer Whatsapp-Gruppe, warb bei Freunden um Unterstützung. Nach drei Treffen stand das Konzept und die Anmeldung beim Landratsamt. „Die Idee hat sich schneller verbreitet, als wir erwartet hatten“, sagt eine Mit-Organisatorin. Die Schüler trafen sich zuhause zum Plakate basteln, mindestens ein Lehrer gab ihnen dafür auch im Unterricht Zeit.
Kurz nach 10.30 Uhr setzt sich der Zug Richtung Rathaus in Bewegung. Die Polizei sperrt die Straßen, die Schüler bleiben penibel in den für sie vorgesehen Bereichen. Kurz hinter dem Marktplatz schreit eine Frau in Jogginghose die Gruppe an: „Geht zu Schule! Geht zur Schule!“ Die Schüler laufen weiter. Streiten will keiner.
Die Organisatoren versuchten sogar, der Schule entgegenzukommen: Sie legten den Protest auf den letzten Freitag vor den Ferien, weil an dem Tag ohnehin kaum Unterricht gemacht wird. Dadurch macht sich der Ausfall weniger bemerkbar, so der Gedanke. Die Schulleiter ließen sie über ihre Pläne aber im Dunkeln. Auch, weil sie fürchteten, das Projekt könne sonst scheitern. Dietrich sagt: „Wir wollten es unter der Hand halten, bis wir vor der Schule stehen.“
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Klima-Demo in Miesbach: Das sagen die Schulleiter
Weil das auch fast gelungen wäre, stehen die Schulleiter jetzt vor schwierigen Entscheidungen. Rainer Dlugosch, Leiter des Gymnasium Miesbachs, unterstützt zwar das umweltpolitische Engagement seiner Schüler – am Gymnasium gibt es sogar das Seminar „Weltretten für Anfänger“. „Aber es muss in geordneten Bahnen bleiben“, sagt er. Dafür brauche es gemeinsame Planung. Schließlich müssten auch rechtliche Dinge geklärt werden, wie Betreuung und Aufsicht.
Derzeit gilt die Demonstration daher als Schwänzen. Dafür kann es Verweise geben. Das hatte Dlugosch am Donnerstag in einem Elternbrief noch einmal deutlich gemacht. Auch Thomas Kaspar, Leiter der Realschule, hatte einen ähnlichen Brief verfasst. Wie es jetzt weiter geht, will Dlugosch aber erst in einigen Tagen entscheiden, nach einer gründlichen Bestandsaufnahme.
Unterstützung erhalten die Schüler derweil von den Eltern. Einige laufen bei der Demonstration mit. So wie Veronika Castiglione. „Es ist wichtig, dass sich die Schüler mit dem Thema auseinandersetzen“, sagt sie. Trotzdem hat sie auch für die Schulleitung Verständnis: „Lehrer haben Vorschriften, an die sie sich halten müssen. Die machen ihren Job und die Schüler machen ihren.“
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Das sagen die Schüler:
Filiz Eskilet (18): „Von der Aktion habe ich durch meinen Freundeskreis erfahren. Da ist Umweltschutz ein Thema. In München demonstrieren Schüler öfter für den Klimaschutz, aber hier in Miesbach bisher nicht. Also habe ich die Chance genutzt und mache mit. Ich achte auch selbst darauf, Verpackungsmüll zu vermeiden und mache andere in meinem Umfeld darauf aufmerksam.“
Katrin Grießbeck (18): „Ich finde es wichtig, dass man sich auch in Miesbach für den Klimaschutz engagiert. Wir leben in der grünen Idylle, dürfen aber nicht vergessen, dass das nicht überall so ist. Es ist schade, dass man uns mit Verweisen droht. Nach dem WM-Finale gab es auch morgens schulfrei. Aber bei einer Demonstration, bei der es um unsere Zukunft geht, ist es ein Problem.“
Max Dietrich (18): „Wir müssen jetzt handeln. Ich rechne damit, dass wir dafür einen Verweis kriegen. Das ist auch jedem hier klar. Dass wir trotzdem so viele sind, zeigt, wie wichtig es uns ist. Wenn ich einen Verweis bekomme, werde ich ihn mir einrahmen. Deutschland verfehlt seine Klimaziele und bricht damit alle Regeln. Wenn die Erwachsenen das dürfen, dann dürfen wir das auch.“
Rebecca Lehmann (18): Kleine Schritte können Großes bewirken. Zum Beispiel mal das Radl zu nehmen statt das Auto oder den Stecker zu ziehen. Das mache ich selbst und dafür möchte ich heute Aufmerksamkeit schaffen. Deswegen finde ich es super, dass wir das organisiert haben. Einen Verweis könnte ich mit mir vereinbaren. Meine Eltern unterstützen mich. Die wissen: Ich bin alt genug.“
