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Wie schwierig die Planung der Kita-Plätze für Kommunen ist, beleuchtete die Heimatzeitung am 23. August 2016 in einem Interview mit Robert Hobelsberger (56) und Stephan Mahlert (47) von der Beratungsagentur MUC-Consulting aus Planegg.
Mit den Sommerferien ist es geschafft. Die Prüfungen sind absolviert, die Zeugnisse verteilt. Doch auch bei Krippe, Kindergarten, Hort und nicht zuletzt deren Trägern bedeuten die Ferien einen Schlussstrich: Dort sind die Planungen für das neue Betreuungsjahr abgeschlossen – und das ist meist ein aufwendiges Unterfangen, denn die Nachfrage steigt oft schneller als das Angebot. Während für Eltern Planungssicherheit fundamental wichtig ist, kämpfen Kommunen vielfach mit Planungslücken. Warum dies fatale Folgen hat, erklären Robert Hobelsberger (56) und Stephan Mahlert (47) von der Beratungsagentur MUC-Consulting aus Planegg (Kreis München).
Stephan Mahlert: Weil es einfach eine sehr komplexe Materie ist.
Robert Hobelsberger: Weil die Verwaltungen nicht auf die Erhebung der richtigen Daten ausgelegt sind. Und weil die Kinderbetreuung nur isoliert, aber nicht zusammenhängend gesehen wird.
Mahlert: Die Situation bei den Gemeinden sieht so aus: Man hat kein Geld, man ist unsicher bei der Entscheidung, und es herrscht intern keine Einigkeit. Die Verantwortlichen in der Verwaltung können schlecht zugeben, dass sie nicht genug Überblick haben, obwohl sie fachlich dafür verantwortlich sind. Im Haushalt werden zudem die Kosten meist nicht getrennt – damit fehlt es an Transparenz. Aber nur mit Transparenz kann der Gemeinderat entscheiden.
„Großer Teil des Wachstums basiert auf Zuzug von außen“
Mahlert: Bei der demografischen Entwicklung muss man zunächst drei Punkte klären: Wie viele Kinder hat die Gemeinde? Woher kommen sie? Wie viele sind es künftig? Um das herauszufinden, haben wir spezielle Algorithmen entwickelt, denn jede Kommune ist anders. Die suburbanen
Räume, also der 20 Kilometer breite Streifen um die Großstädte, sind am Wachsen. Dabei muss man aber sehen, dass das organische Wachstum, also aus sich selbst heraus, weniger wird. Ein großer Teil des Wachstums basiert auf dem Zuzug von außen und dem Nachzug von Ausländern und Flüchtlingen.
Mahlert: Für Bayern würden wir die Demografie als dramatisch bezeichnen. Das geht schon in Richtung Ausbluten. Die große Aufgabe ist es deshalb für Gemeinden, den Wegzug der jungen Leute zu verhindern. Dazu müssen bestimmte Voraussetzungen vorliegen. Was bringt mir ein geerbtes Haus? Will ich da hinziehen? Wenn neue Strukturen da sind, ist das möglich. Dazu gehören neben Jobs der Breitbandanschluss und eine moderne Kinderbetreuung.
Hobelsberger: Und das bedeutet nicht nur einen Kindergarten. Moderne Kinderbetreuung besteht aus Krippe, Hort und weiterführenden Schulen. Dies gilt es im Zusammenhang zu sehen.
Mahlert: Der Freistaat Bayern hat viel in den Krippenausbau investiert. Die werden auch gut angenommen, aber was ist die Konsequenz daraus? Die erhöhte Nachfrage aus der Krippe setzt sich fort – im Kindergarten, im Hort. Das ist wie eine Bugwelle, die zeitverzögert die anderen Betreuungsformen erreicht.
Hobelsberger: Alle wollen viel tun, sie wissen aber nicht wie. Die Gemeinden entscheiden meist aus dem Bauch heraus. Erst wird lange nichts getan, dann herrscht akuter Handlungsbedarf, und es wird – meist teuer – gebaut. Da stimmt dann auch jeder Gemeinderat mit, denn wer ist schon gegen Kinder?
Mahlert: Um den Bedarf zu klären, braucht man Knowhow und Zeit. Das Thema Kinderbetreuung ist komplex. Deshalb bringen wir alle an einen Tisch, um einen Überblick über die gesamte Entwicklung zu bekommen.
„Eltern wollen Versorgungssicherheit“
Mahlert:
Für die Eltern geht es um Versorgungssicherheit. Sie müssen und wollen Arbeit und Familie unter einen Hut bringen. Und in den Firmen geht es um mehr Effizienz, um die Steigerung der Produktivität. Immer mehr Paare arbeiten. Die Familien, bei denen einer daheim bleibt, werden immer weniger. Job und Familie lassen sich aber nur in Einklang bringen, wenn die Kinderbetreuung funktioniert. Es gehört heute auch zu unserem Wertesystem, dass man arbeitet. Was teils zur Folge hat, dass das zweite Gehalt zum großen Teil allein für die Kita draufgeht.
Hobelsberger: Das war einmal. In der Praxis trägt der Staat heute weiterhin ein Drittel, die Eltern zahlen weniger, und die Gemeinde trägt den größten Teil. Durchschnittlich gesehen entfallen so pro Kind im Jahr 800 Euro auf die Eltern, 1200 Euro auf den Staat und 2500 Euro auf die Gemeinde. Miete, Gehälter, Gebäudeabschreibung – da kommt einiges zusammen.
Mahlert: Hinzu kommt, dass oft auch Konkurrenz über den Preis gemacht wird und nicht über die Betreuungsart.
Mahlert: Zentrale Einschreibetermine, um Doppeleinschreibungen zu vermeiden. Das erleichtert die Planung. Eine zentrale Gebührenverordnung, wobei die Kommune die Preisstruktur vorgeben sollte. Zudem braucht es gute
Kommunikation untereinander. Auch das ist Aufgabe der Kommune, zwischen Montessori-, Wald und kirchlichem Kindergarten zu moderieren. Letztlich ist eine gute Kinderbetreuung mit unterschiedlichen Angeboten auch ein Aushängeschild für die Gemeinde. Ein gemeinsamer Kindergartentag ist Marketing, bei dem die Kommune zeigen kann, was sie hat und dass sie kinderfreundlich ist. Wie gesagt: Jede Gemeinde lebt vom Zuzug – auch als Wirtschaftsstandort.
„Wirtschaftsstandort mit Kinderbetreuung ist das Zukunftskonzept“
- Wieso?
Mahlert: Weil das Gewerbe den Mangel an Fachkräften spürt und qualifizierte Mitarbeiter braucht. Wirtschaftsstandort mit Kinderbetreuung – das ist eigentlich das Zukunftskonzept. Umso überraschender ist es, dass hierbei so wenig Dialog herrscht. Kinderplanung in Kombination mit Gewerbe und Kaufkraft wird nicht gemacht. Auch wären flexible Betreuungszeiten gut, aber die sind eine große Herausforderung.
Mahlert: Der Staat fördert nach den Stunden, die für die Kinder belegt werden. Das ergibt einen Schlüssel. Was mache ich aber, wenn ich beispielsweise im Schichtdienst arbeite, im Krankenhaus? Ich brauche nicht jeden Tag bis 17 Uhr, nur manchmal, aber nicht regelmäßig. Also buche ich regelmäßig bis 17 Uhr, sichere mir diesen zeitlichen Spielraum und hole mein Kind zur Not einfach früher ab, wenn es mir passt. Doch solche sogenannten Luftbuchungen sind gefährlich, denn es kann sein, dass die Einrichtungen Geld an den Staat zurückzahlen müssen. Das Gesetz ist deshalb ein Damoklesschwert.
„Junge Familen bedeuten Kaufkraft am Ort“
- Weil es nicht flexibel genug ist?
Mahlert: Flexibler Bedarf ist gar nicht vorgesehen. Personal kostet Geld, das macht eine flexible Planung extrem schwierig. Und den Löwenanteil tragen eben die Kommunen. Ohne ein gutes Angebot verliert die Gemeinde junge Familien.
Hobelsberger: Und das kann man sich eigentlich nicht leisten. Keine jungen Familien mit Kindern am Ort, das bedeutet, dass auch Kaufkraft verloren geht und dem Ort auf lange Sicht das Aussterben droht. Deshalb ist es für einige Gemeinden auch ein Thema, über Zusammenschlüsse bei der Kinderbetreuung nachzudenken.
Mahlert: Eine durchgehende Kinderbetreuung hält Familien und Betriebe am Ort. Es geht um Standortkämpfe, und beispielsweise Miesbach würde ohne Schulen und Kinderbetreuung verlieren.
Hobelsberger: Früher gab es eine Landflucht, heute gibt es eine Stadtflucht. Aber wohin ziehe ich? Diesen Trend kann eine Gemeinde nur nutzen, wenn sie entsprechende Angebote hat. Sonst ziehe ich da nicht hin.
„Es ist sinnvoll, multifunktional zu bauen“
- Eine Kita zu bauen, ist aber eine langfristige Entscheidung. Da entstehen oft Zweifel, ob der Bedarf dauerhaft bestehen bleibt.
Mahlert: Deshalb ist es sinnvoll, multifunktional zu bauen. Dann kann der Kindergarten bei geändertem Bedarf mit geringem Aufwand für die Seniorenbetreuung umgebaut werden. Demografie ist ein komplexes Thema. Man muss seine Lücken rechtzeitig kennen und schließen.
Mahlert: Ja, das ist Lesen im Kaffeesatz. Wer bleibt? Wer geht? Wie viele Personen kommen im Nachzug? Bei Syrern kommen im Schnitt zwei bis drei Personen nach, bei Eritreern sind es sechs. Und jedes Flüchtlingskind hat einen Anspruch auf einen Kitaplatz.
Mahlert: Aus Selbstbetroffenheit. Wir kommen beide aus Großkonzernen und beraten Konzerne sowie mittelständische Unternehmen. Unser Kerngeschäft ist also nicht die Beratung in der Kinderbetreuung. Die ist ein Nebenprodukt, aber es ist für uns eine Herzensangelegenheit.
Mahlert: Weil wir aus eigener Erfahrung wissen, wie wichtig eine gute Kinderbetreuung ist, um den Rücken frei zu haben für den Beruf. Nachdem wir beide Kinder haben, kennen wir die Bedürfnisse der Eltern. Wir haben auch diesen Wertewandel in der Arbeitswelt miterlebt. Die beliebte Frage, warum man Kinder hat, wenn man arbeitet, stellt sich aber nicht. Die Kommunen müssen sich mit anpassen.
Hobelsberger: Kommunen, die kein durchgängiges Kinderbetreuungskonzept haben, werden das Nachsehen haben. Gemeinden geben viel Geld aus für externe Verkehrsgutachten, Rechtsberatung und städtebauliche Konzepte. Bei der Kinderbetreuung wird aber oft versucht, diese wesentlich komplexere Aufgabenstellung selbst zu lösen. Warum eigentlich?
ddy
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