„Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit“

Nach Extremwetter-Schäden: Waldbesitzer fürchten nächsten Angriff

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Die Spuren des Schneebruchs: Abgebrochene Äste und umgestürzte Bäume zeugen in diesem Waldgebiet am Taubenberg vom Extremwetter.
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Gleich vier Extremwetter-Ereignisse in nur einem Jahr haben den Wäldern im Landkreis massiv zugesetzt. Jetzt muss das Holz schnell aufgearbeitet werden. Die nächste Gefahr droht.

Landkreis – Je weiter sich die Schneedecke zurückzieht, desto stärker stechen die Schäden im Wald ins Auge. Umgeknickte Bäume, abgebrochene Wipfel und Äste lassen den Forst mancherorts wie ein Schlachtfeld aussehen. Die Waffe, die dafür verantwortlich zeichnet, ist das Wetter der vergangenen Monate. Die Folgen bekommen nun die Waldbesitzer und Förster zu spüren. Sie müssen das Holz aufarbeiten, ehe sich der nächste Feind darin verbeißt: der Borkenkäfer. „Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagt Stephan Breit, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Schliersee. „Es brennt“, bestätigt Michael Lechner, Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung (WBV) Holzkirchen.

Gleich vier Extremereignisse haben den Wäldern im Landkreis innerhalb von nur einem Jahr massiv zugesetzt, berichtet Lechner: die Trockenheit im Sommer 2018, der Föhnsturm im Oktober, der Schneebruch im Januar – und dann dir weiteren Starkwindereignisse im Frühjahr 2019. „Eine nie gekannte zeitliche Dichte extremer Wetterphänomene“, sagt der WBV-Chef. Die Waldbesitzer seien damit Hauptbetroffene der Folgen des Klimawandels. Erschwerend hinzu komme ein massiver Preisverfall durch die erzwungenen Einschläge und das daraus resultierende Überangebot auf dem Holzmarkt im gesamten Alpenraum.

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Die umgestürzten Bäume einfach im Wald liegen lassen ist aber keine Option, betont Lechner. „Das ist die ideale Brutstätte für den Borkenkäfer.“ Der sitzt quasi schon in den Startlöchern. Damit tickt auch die Uhr für die Waldbesitzer. In drei bis vier Wochen müsse das Holz aus dem Forst entfernt sein, mahnt der Experte.

Das sei jedoch angesichts der teils noch durch Altschnee blockierten Wege und der höchst unterschiedlichen Wurfsituation ein aufwendiges Unterfangen. Zumal viele Waldbesitzer hauptberuflich anderweitig eingespannt seien – beispielsweise in der Landwirtschaft. Unterstützungsangebote durch spezialisierte Unternehmer habe die WBV an ihre Mitglieder kommuniziert. Letztlich sei aber jeder selbst für seine Flächen verantwortlich und auch dazu verpflichtet, dafür Sorge zu tragen.

Auch im Staatswald sind bereits die Forstarbeiter unterwegs, um Schäden per Smartphone-App zu dokumentieren und deren Beseitigung in die Wege zu leiten, berichtet Breit. „Das hat sich im Vorjahr bestens bewährt.“ Die Aufarbeitung passe man an die örtlichen Gegebenheiten an. „Man braucht die richtige Technik für die richtige Stelle“, erklärt der Vize-Forstbetriebsleiter. In leicht zugänglichen Gebieten mit großflächigen Baumwürfen komme die Harvester-Maschine zum Einsatz, sonst die Motorsäge und gegebenenfalls ein Pferd, das die Stämme und Äste zum nächsten Fahrweg zieht.

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Langfristig führt laut Lechner aber kein Weg an einer neuen Strategie im Umgang mit dem Wald vorbei. Neben dem verstärkten Anpflanzen der Tanne brauche es auch ein Umdenken in der Politik. „Der Wald ist von gesellschaftlicher Bedeutung und muss daher Vorrang vor dem Wild haben“, fordert der WBV-Vorsitzende. Christian Webert, Bereichsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen, rückt dabei auch den Schutzwald in den Bergen in den Fokus. Junge Bäumchen könnten den Schnee im Winter wie ein Nagelbrett fixieren und damit Lawinenabgänge verhindern. „Vorsorgen ist besser als heilen“, sagt Webert. Die WBV setzt in diesem Bereich verstärkt auf Aufklärungs- und Beratungsangebote.

Dass plötzlich wieder ganz normale Bürger zum Holzsammeln gehen, wie es in der Nachkriegszeit üblich war, davon geht Vorsitzender Lechner aber nicht aus. „Ich kann da keine große Bereitschaft erkennen“, sagt er. Sich einfach so für den heimischen Kachelofen eindecken dürfe man sich ohnehin nicht – auch dann nicht, wenn die Äste auf dem Boden liegen. Wer etwas mitnehmen will, erklärt Lechner, müsse zuerst mit dem Waldbesitzer sprechen. Vielleicht ist der angesichts der knappen Zeit ja ganz dankbar für ein bisschen Untersützung.

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