Heute vor 150 Jahren: Tölz war noch ein Markt und kein „Bad“, der Bürgermeister hieß Baumgartner, und es gab noch keine Bahn. Wer von A nach B kommen wollte, nutzte Pferd und Kutsche - oder die Sänfte. Für Sesselträger in Tölz gab es klare Tarife, wie ein Fund im Stadtarchiv deutlich macht.
Bad Tölz – Am 26. Juni 1868, also heute vor 150 Jahren, hat der Tölzer Marktmagistrat einen Vorschriftenerlass herausgegeben, den Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr zeigt. Darin wird den Sesselträgern zum einen „anständiges Benehmen“ und eine ständige Verfügbarkeit „an ihrem Aufstellungsplatz“ zur Pflicht gemacht.
Die „Taxifahrer des 19. Jahrhunderts“ mussten laut dem Papier stets ein Exemplar der Tarifordnung mit sich führen und dem Kunden auf Verlangen vorzeigen. Die Gebührentabelle ist aufschlussreich und bestätigt, was Stadtmuseumsleiterin Elisabeth Hinterstocker sagt. Die große Zeit der Sänften war in der Mitte des 19. Jahrhunderts eigentlich schon vorbei. Man ritt, nahm Kutsche oder den Landauer. Außer, so Hinterstocker, „in Kurorten und dort, wo es auf die Berge geht“. Denn der Herr marschierte nicht persönlich auf „Gämsenjagd“ am Blomberg, und eine Madame wollte sich auf dem Wege zur Trinkkur im Tölzer Badehaus bestimmt auch nicht ihre schmucken weißen Leder-Stiefeletten beschmutzen.
Die Tölzer Tarifordnung vom 26. Juni 1868 zählt rund 30 Ziele für die Sesselträger in und um Tölz auf. Für einen „Gang in eines der beiden Badehäuser nebst Abholen nach dem Bade“ durften die beiden Sesselträger 36 Kreuzer verlangen. Das ist etwas mehr als ein halber Gulden. Ein Gulden entspricht laut einem Kaufkraftvergleich der Deutschen Bundesbank heute etwa 15 Euro. Das macht deutlich, dass die Nutzung der Tölzer Sesselträger nichts für arme Leute war. Sich auf den Blomberg bis zum Kreuz tragen zu lassen, ließen sich die Männer hin und zurück mit sechs Gulden bezahlen. Der auch damals schon äußerst beliebte Aussichtsberg Zwiesel kostete sogar sieben Gulden, also rund 105 Euro.
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Die Tarifordnung gibt auch Auskunft über die damaligen Tölzer Sehenswürdigkeiten: Zum Beispiel der Kalvarienberg etwa (hin und zurück 1 Gulden), die Quellen in Sauersberg (2 Gulden, 30 Kreuzer), die Pestkapelle Wackersberg (3 Gulden) und der Walgerfranz (2 Gulden). Bei einem Aufenthalt über einer halben Stunde wurden für jede Viertelstunde sechs Kreuzer (rund 1,50 Euro) aufgeschlagen.
Dafür mussten die Sesselträger selbst für ihre Verpflegung aufkommen. „Der Badegast ist hierfür keine Vergütung schuldig“, heißt es in der Tarifordnung. „Ein Trinkgeld ist lediglich dem Belieben anheimgestellt.“ Wahrscheinlich hatten die Träger noch eine Zusatzfunktion. Sie erklärten ihren Klienten Weg und Ziel. „Das waren die Stadtführer von heute“, sagt Elisabeth Hinterstocker.
Die Museumschefin, die erst jüngst eine einzigartige Prunksänfte im Dachstuhl des Tölzer Stadtmuseums entdeckt hat (wir berichteten), weiß noch mehr Spannendes zu Sänften- und Sesselträgern zu berichten. Nachdem „der blaue Kurfürst“ Max Emanuel während der Türkenkriege die Osmanen vor Wien hatte zurückschlagen helfen, sei es in Bayern große Mode geworden, sich türkische Gefangene als Sänftenträger zu halten. „Das waren keine billigen Arbeitssklaven. Mit denen renommierte man“, erklärt die Museumsleiterin. Die meisten Türken seien zwangsgetauft und umbenannt worden.
Dieses Schicksal hatte auch eine gewisse Renata zu ertragen, die wohl die erste Tölzer Türkin gewesen ist. Sie kam Mitte des 17. Jahrhunderts im Gefolge des Tölzer Pflegers Crivelli in den Markt Tölz und sei hier, so Hinterstocker, mit einem Süßwarenbäcker verheiratet worden.
Christoph Schnitzer