Interview

„Sie sind doch der junge Bürgermeister“ - Dominik Krause verrät, wie seine ersten 100 Tage im Amt waren

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Bürgermeister Dominik Krause beim Interview in unserer Redaktion.
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Seit rund 100 Tagen ist Dominik Krause Bürgermeister in München. Im Gespräch verrät er, was sich für ihn geändert hat und warum er kein Motorrad mehr fährt.

München - Dominik Krause (33) kommt gerade von einem Termin mit der Handwerkskammer. Der Grüne trägt einen schicken hellblauen Anzug. Beim Rundgang durch die Redaktion zeigt sich der neue Bürgermeister interessiert, im Interview offen. Auch wenn er nicht verrät, ob er nun wirklich OB-Kandidat wird.

Herr Krause, Sie sind jetzt etwa 100 Tage als Bürgermeister im Amt. Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert?

Auf alle Fälle nicht zum Negativen. Die größte Veränderung ist, dass ich häufig angesprochen werde, zum Beispiel in der U-Bahn.

Sagen die Leute nur „Hallo, Herr Bürgermeister, wie geht’s Ihnen“ oder wird’s aggressiv?

Die meisten sagen, „Sie sind doch der junge Bürgermeister“. Eigentlich sind die Reaktionen durch die Bank positiv.

Kommen auch konkrete Anregungen oder Ideen?

Eher Appelle, dass die Stadt mehr beim Thema Wohnen oder Mobilität machen soll.

Wie ist denn so der Alltag als Bürgermeister?

Der Kalender ist auf alle Fälle voller geworden, mit vielen Abendveranstaltungen . . .

Lassen Sie doch mal eine Woche Revue passieren.

Samstag war ich auf einem Ball des deutsch-amerikanischen Frauenclubs, am Freitag bei einem Neujahrsempfang in Pasing, am Donnerstag beim Bund Naturschutz, am Dienstag habe ich ein Grußwort beim Jubiläum des Frauenbundes gehalten.

Wie wird man da als Mann empfangen?

Ich glaube, sie waren schon gespannt, was ich sagen werde. Ich bin in meiner Rede darauf eingegangen, wie wichtig es ist, auch als Mann Gleichstellungspolitik zu machen, also zum Beispiel für die gerechte Bezahlung von Frauen einzutreten.

Wir sehen, Sie sind mittendrin im Alltag und brauchen sich offenbar keine Tipps von Ihrer Vorgängerin zu holen. Oder wie oft stehen Sie in Kontakt mit Katrin Habenschaden?

Immer wieder mal. Vor einigen Wochen waren wir Mittagessen. Manchmal hole ich mir auch eine Einschätzung von ihr.

Über was? Zum Beispiel zum OB?

(lacht) Das bleibt unter uns, aber um den OB ging’s nicht, den kenn ich ja gut.

Hat Frau Habenschaden Sie beglückwünscht oder bedauert?

(zögert) . . . beglückwünscht.

Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit dem OB?

Gut. Das Verhältnis ist vertrauensvoll. Wir haben die Bürgermeister-Runde wieder aufleben lassen und tauschen uns regelmäßig aus. Klar verkörpern wir unterschiedliche Generationen, was sich vielleicht im Politik-Stil ausdrückt. Deswegen kann man trotzdem gut miteinander auskommen.

Inwiefern unterscheidet sich der Politik-Stil?

Zwischen uns liegt ein Altersunterschied von über 30 Jahren. Natürlich hat man da andere Sicht- und Herangehensweisen – es wäre ja komisch, wenn das nicht so wäre.

Dieter Reiter könnte bald Ihr Konkurrent im Wahlkampf sein. Man hört, dass Sie ziemlich sicher als OB-Kandidat für die Grünen antreten werden?

Das entscheidet die Partei.

Und wann?

Ich denke Ende des Jahres.

Würden Sie denn kandidieren?

Ich schließe es nicht aus. Aber ich bin jetzt gerade 100 Tage im Amt und will erst mal gute Arbeit machen, bevor ich mich mit dem nächsten Schritt beschäftige

Was haben Sie in 100 Tagen als Bürgermeister bewegt?

Das große Paket zum Klimaschutz halte ich für sehr wichtig. Wir haben in Zeiten klammer Kassen eine halbe Milliarde Euro für die energetische Sanierung der Gebäude unserer städtischen Wohnungsbaugesellschaft zur Verfügung gestellt. Ein weiterer großer Erfolg ist die Sanierung des Gasteigs.

Sie haben in einem Ihrer ersten Interviews als Bürgermeister die Wiesn als größte legale Drogenszene der Welt bezeichnet . . .

(lacht) . . . auf diese Frage habe ich schon gewartet . . .

. . . Würden Sie diese Aussage noch mal so treffen?

Ich würde es nicht wieder so formulieren, weil nicht rüberkam, dass es mit einem Augenzwinkern gemeint war. Aber inhaltlich bleibe ich dabei: Es ist eine Doppelmoral, dass man eine Droge als Volkskultur feiert, während die andere Droge – Cannabis – weiter kriminalisiert wird. Dabei ist wissenschaftlich bewiesen, dass sie keine schädlichere Wirkung hat als Alkohol.

Wäre ein Cannabis-Zelt auf der Wiesn denkbar, anstelle des Landwirtschaftsfestes zum Beispiel. Das fällt ja heuer aus.

(schmunzelt) Das würde ich mit einem großen Fragezeichen versehen. Ich glaube, der Fokus der Wiesn liegt beim Thema Konsum schon auf Bier.

Sie haben keinen Dienstwagen. Was machen Sie, wenn Sie bei strömendem Regen um 11 Uhr einen Termin in der Messestadt Riem haben und eine Stunde später am anderen Ende der Stadt in Allach?

Ich würde mit U- und S-Bahn fahren, wie das die meisten anderen Menschen auch tun. Bislang gab es kaum Termine, bei denen ich mit dem Auto schneller gewesen wäre.

Die Luftwerte in München haben sich nicht in dem Maße verbessert wie erwartet. Drohen nun weitere Diesel-Fahrverbote?

Wir müssen abwarten, welche Maßnahmen das Referat für Klima- und Umweltschutz empfiehlt. Uns ist wichtig, verhältnismäßig vorzugehen, es geht hier nicht um Verkehrspolitik, sondern um den Gesundheitsschutz.

Wir haben gehört, Sie sind früher Motorrad gefahren, jetzt aber nicht mehr. Darf man das als Grüner nicht?

Ich bin sehr gern Motorrad gefahren, dann aber vor zehn Jahren aufs Auto umgestiegen. Das war ein Wunsch meiner Familie, weil Motorradfahren gefährlich ist.

Auf welcher Maschine waren Sie unterwegs?

Eine Kawasaki ER6n.

So eine giftgrüne?

Ja. Aber nicht aus politischen Gründen (lacht).

Wie hat denn Ihr familiäres Umfeld auf den Jobwechsel zum Bürgermeister reagiert?

Meine Eltern leben auch schon immer in München. Bei ihnen war die Freude groß, dass der Sohnemann jetzt Bürgermeister ist.

Der OB verweist gerne darauf, dass ihm seine Mutter ab und zu die Leviten liest, wenn ihr eine Stadtratsentscheidung nicht gefallen hat. Welchen Arbeitsauftrag gab es von Ihren Eltern.

(lacht) Bislang noch keinen.

Glauben Sie, dass die aktuellen Proteste gegen die AfD Wirkung zeigen, also die Partei dauerhaft an Zuspruch verlieren wird?

Erstens machen diese Großdemos Mut. Viele Menschen hatten – auch ich – einfach einen Frust, dass man immer nur Negativmeldungen hört. Zweitens ist es ein deutliches Zeichen, dass ein Großteil der Bevölkerung für eine weltoffene und vielfältige Gesellschaft steht. Drittens geht es darum, klar zu machen, dass die Bevölkerung es nicht hinnehmen wird, wenn nach den Landtagswahlen im Osten mit der AfD zusammengearbeitet würde. Ich hoffe, die Union hat diese Botschaft verstanden

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