VonSascha Karowskischließen
Am 20. Juli 1944 scheiterte ein Attentat auf Adolf Hitler, die Verschwörer wurden hingerichtet. Der Münchner Autor Tim Pröse hat über die Kinder der Ermordeten ein Buch geschrieben.
München – Das missglückte Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler wird vor allem mit Graf von Stauffenberg verbunden. Der Anschlag zur Rettung Deutschlands und der Beendigung des Nazi-Gräuels misslang, Dutzende Männer, die den Widerstandskreisen zugerechnet wurden, wurden ermordet. Doch was ist mit den Hinterbliebenen? Der Münchner Autor Tim Pröse hat die „Kinder des 20. Juli“ befragt und ihnen sein neues Buch gewidmet.
Herr Pröse, Hand aufs Herz, hätten Sie ein Attentat auf Adolf Hitler verüben können?
Pröse: Nein, auf keinen Fall hätte ich das jemals vermocht. Gerade weil ich weiß, dass ich einer von denen gewesen wäre, die mitgegangen wären. Umso mehr darf ich diese Frauen und Männer verehren, die aus der Reihe ausgetreten sind und etwas Besonderes gewagt haben. Und weil ich ein ganz normaler Mann gewesen wäre, versuche ich mir vorzustellen, woher einige diesen Mut genommen haben. Und diese Vorstellung beflügelt mich.
Wie kam es zur Idee für das Buch, ist sie im Rahmen „Jahrhundertzeugen“ entstanden?
Pröse: Jahrhundertzeugen war vor neun Jahren mein Erstlingswerk. Und ja, Sie haben Recht, es ist nun im Grunde die Fortsetzung. All das, was ich noch sagen wollte oder zu kurz kam. Ich habe mich auch neun Jahre jeden Tag mit dem Thema beschäftigt.
Sie waren eingeladen, in Berlin am alljährlichen Treffen der Kinder des 20. Juli teilzunehmen. Und Sie beschreiben das in deinem Buch auch eindrücklich. Was geht einem als Beobachter da durch den Kopf?
Pröse: Einige Väter der Kinder sind am 8. September 1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet worden. Und an dem Todestag trifft sich rund ein Dutzend der Nachfahren an der heutigen Gedenkstätte. Es ist ein großer Vertrauensvorschuss, das wissen Sie selbst. Als Reporter bei so einer intimen Sache dabei zu sein, Menschen in ihrem Kern zu erleben, in ihren tiefen Gefühlen, wenn man sich erinnert an den toten Vater und dann noch unter dem Galgen steht, an dem er gehangen hat. Die Kinder des 20. Juli haben mir ein Geschenk gemacht, mich hineinzuversetzen in ihre Seelen.
Welche Geschichte eines Nachfahren hat bei dir am meisten Eindruck hinterlassen, lässt sich da etwas rausgreifen?
Pröse: Nein, das kann ich nicht. Ich denke da familiär. Ich bin ein Gast geworden dieser Kinder des 20. Juli, dieser Familie. Ich habe ein Dutzend Menschen porträtieren dürfen, alle haben mich gleichermaßen begeistert, völlig begeistert für dieses Thema. Was ich aber schon sagen kann, ist, dass mir die Schilderung jener Kinder von den Prozessen gegen ihre Väter besonders in Erinnerung geblieben ist. Als sie vor dem Blutrichter Roland Freisler standen und wie sie sich dort verhalten haben. Anton Wirmer hat zum Beispiel erzählt, dass sein Vater Josef Wirmer, von Freisler niedergebrüllt wurde: Sie werden bald zur Hölle fahren, Wirmer. Josef Wirmer deutete eine Verbeugung an und sagte: Es wird mir eine Ehre sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident.
Anton Wirmer hat auch einen Satz gesagt, der mir in Erinnerung geblieben ist: „Hat er dabei auch an mich gedacht?“ Wie ist das in Ihrer Wahrnehmung, schwingt in der Rückblende auch der ein oder andere Vorwurf mit, schließlich haben die Widerstandskämpfer ihre Familien zurückgelassen?
Pröse: Frauke Hansen hat das ähnlich formuliert wie Anton Wirmer. Es beinhaltet, dass die jungen Kinder, die ohne Vater aufwuchsen, sich natürlich gefragt haben, warum hast du mich verlassen? War es das wert, dass du deine Frau, deine Kinder zurückgelassen hast? Dafür brauchten sie manchmal ein ganzes Leben, um zu verstehen, dass der Vater das für sein Land – unser Land – getan hat. Dass er es für etwas Größeres getan hat als für sich und seine Familie. Für die Freiheit eines Landes.
Es bestand für die Hinterbliebenen aber auch die Gefahr einer Verfolgung.
Pröse: Ja, die gab es natürlich. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Frau Nina haben daher darauf geachtet, dass ihre Kinder als Mitläufer erzogen wurden und nicht als kleine Widerstandskämpfer. Heinrich Himmler hatte damals angeordnet, dass die ganze Familie Stauffenberg bis ins letzte Glied ausgerottet wird. Dass es nicht so kam, lag daran, dass die Kinder nichts wussten. Sie verstanden die Welt nicht mehr, als sie aus ihren Familien herausgezerrt und in Sippenhaft genommen wurden. Dieses Nicht-Wissen hat ihnen vermutlich das Leben gerettet.
Sie haben für ihr Buch nicht nur mit Nachfahren gesprochen, sondern auch mit einem Widerstandskämpfer. Ewald-Heinrich von Kleist stellte sich seinerzeit mit gezogener Waffe vor Stauffenberg, als dieser von Generaloberst Fromm abgeholt werden sollte. Da hatte ich beim Lesen Gänsehaut, wie waren die Gespräche für Sie, Sie haben ihn zu Lebzeiten in Grünwald getroffen?
Pröse: Er war ein tapferer und mutiger Mann. Als Philipp Freiherr von Boeselager 2008 starb, schrieben sogar Fachleute, dass der letzte der Stauffenberg-Widerstandskämpfer gegangen sei. Viele, auch ich, wussten gar nichts von Ewald-Heinrich von Kleist. Er lebte unerkannt am Isarhochufer. In einer Gegend, die man sonst nur aus Derrick-Filmen kennt: eine weiße Villa verborgen hinter Thujenhecken und einer weißen Mauer. Ewald-Heinrich von Kleist war es egal, wie die Nachwelt ihn sieht. Er war unabhängig in seinem Tun, er legte keinen Wert auf Öffentlichkeit. Es war unheimlich schwierig, überhaupt Einlass bei ihm zu bekommen. Ein imposanter Mann in seiner Demut und gleichzeitigen Größe. Als ich ihn nach der Geschichte mit Stauffenberg und Fromm fragte, sagte er: Ach, Sie meinen diese kleine Revolvergeschichte.
Hat Ihr Buch eine Moral, gibt es einen Lerneffekt?
Pröse: Das müssen die Leser entscheiden. Was ich aber schon sagen kann, dass ich mit meinen Büchern schon an 250 Schulen zu Lesungen war. Ich hoffe auf einen Lerneffekt. Mein Freund Udo Lindenberg hat mal gesagt, die Menschen in Tims Büchern tragen ein Feuer bei sich. Wir dürfen nicht die Asche anbeten, sondern müssen das Feuer weitertragen. So sehe ich das auch, die Schüler sollen es ebenfalls weiterreichen. Darum geht es, möglichst viel Licht in die Welt zu bringen.
Der Untertitel Ihres Buches lautet „Gegen das Vergessen“. Heute wichtiger denn je?
Pröse: Ja, denn das darf uns nicht passieren. Auch potenzielle AfD-Wähler sollten nicht vergessen und müssen genau solche Geschichten vor Augen haben. Wir sind aufgefordert, das ist keine Bürde oder eine Qual. Es ist doch wunderbar, dass wir in unserem Land von Heldinnen und Helden erzählen können, die durch die ganze Misere durchgegangen sind, die näher rückte. Wir verzagen, wir verzweifeln, sind gelähmt ob der aktuellen Entwicklungen, des Rechtsrucks in Europa. Aber wir können zurückschauen auf all jene, die das alles unter Einsatz ihres Lebens geschultert haben. Und wir dürfen als Münchner stolz sein, dass sich viele dieser Widerstandskämpfer in der damaligen Hauptstadt der Bewegung engagiert haben: Sophie und Hans Scholl, Alexander Schmorell oder Christoph Probst, um nur einige zu nennen.
Wie würden die Widerstandskämpfer von damals das Deutschland von heute bewerten?
Pröse: Das ist natürlich spekulativ, aber durch die Gespräche mit den Töchtern und Söhnen glaube ich schon, dass sich die Widerstandskämpfer von damals nicht gemein machen würden, auch nicht mit den guten Dingen, die wir erreicht haben. Sie würden reflektieren und zweifeln. Aber sie würden die Werte, die wir erreicht haben, höher halten, als wir das tun. Allein schon unsere Freiheit, das würden sie nicht als selbstverständlich ansehen.
Gibt es heute noch Helden oder braucht es welche?
Pröse: In unserem Land ist das – aktuell zumindest – nicht notwendig. Aber ja, es gibt Helden. Ich denke da an Alexej Nawalny. Er hat unser Land verlassen, um in seinem Heimatland gegen ein autoritäres Regime zu kämpfen. Und zwar in dem Wissen, scheitern zu werden. Ich sehe ihn gerne in der Reihe der Widerstandskämpfer vom 20. Juli. Es braucht jemanden, der vorangeht, ohne Aussicht auf Erfolg. Ich spreche vom Lohn der Vergeblichkeit, dass es all diesen Menschen nicht ums Siegen ging, sondern ums Tun. Nawalny ist nach Russland gegangen und hat sich jenen Werten geopfert, für die auch die Widerstandskämpfer des 20. Juli stehen. Solche Menschen braucht es heute einmal mehr.

