VonVeronika Ahn-Tauchnitzschließen
Bad Tölz-Wolfratshausen arbeitet weiter an der MVV-Verbunderweiterung auf den Süden des Landkreises. In der Sitzung des Infrastrukturausschusses am Dienstag gab es einen aktuellen Sachstand.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Neun Landkreise und zwei kreisfreie Städte haben ihr Interesse daran bekundet, künftig Teil des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) zu sein. Um herauszufinden, ob das in allen Fällen sinnvoll ist und welche dauerhaften Kosten durch die Erweiterung entstehen, fordert der Freistaat eine Grundlagenstudie – übernimmt aber auch 85 Prozent der Kosten. Die liegen im siebenstelligen Bereich, sagte Landrat Josef Niedermaier (FW) in der Sitzung des Kreis-Infrastrukturausschusses. Was nicht durch den staatlichen Zuschuss gedeckt wird, wird von den interessierten Landkreisen und Städten finanziert.
Weilheim-Schongau zieht auch mit
Dass sich in der Liste der Interessenten Weilheim-Schongau findet, freut Thomas Holz (CSU). Allein, der Kochler Bürgermeister hat immer noch leise Zweifel, dass die Nachbarn wirklich davon überzeugt sind, dem MVV beitreten zu wollen. Es sei ja schön, dass es immer wieder Bilder von Niedermaier mit dem Miesbacher Landrat Wolfgang Rzehak gebe, die mit dem MVV verhandeln. „Ich würde mir diese Bilder aber auch mal mit der Weilheimer Landrätin wünschen“, sagte Holz. Denn nur wenn der Nachbar im Westen mitzieht, wird die Kochelseebahn im MVV-Tarif fahren können. „Und das ist zwingend notwendig“, sagte Holz. Niedermaier sah bei den Weilheimern nun tatsächlich „gute Anzeichen, dass sie mitarbeiten. Auch wenn es am Anfang zaach war.“
Der Schienenpersonennahverkehr (SPNV) ist überhaupt ein Thema, das Niedermaier auf den Nägeln brennt. Sowohl Kochelseebahn als auch Bayerische Oberlandbahn müssten in den MVV. Das ist allerdings mit einigen Hürden und vor allem Kosten verbunden. Angestrebt wird die Verbundraumerweiterung bis spätestens Ende 2023. Beide Bahnlinien sind aber deutlich länger vergeben. „Wenn der MVV-Tarif kommt, entstehen Einnahmenverluste im siebenstelligen Bereich, die den Betreibern jemand ersetzen muss“, sagte Niedermaier. Träger des SPNV sei der Freistaat, daher müsse er auch das Defizit übernehmen. Und davon rückt Niedermaier auch keinen Millimeter ab. „Wir können nicht bei Aufgaben mitbezahlen, die uns nichts angehen.“
Für eine „Schnapsidee“ hält der Landrat das von Ministerpräsident Markus Söder vorgeschlagene 365-Euro-Ticket. Das soll nun zwar „nur“ für unter 18-Jährige angeboten werden. „Es bedeutet aber jährliche Kosten in Höhe von 30 Millionen Euro.“ Zwei Drittel zahlt der Freistaat, ein Drittel die Stadt München und die jetzt im MVV zusammengeschlossenen acht Landkreise, also auch Bad Tölz-Wolfratshausen, da der Norden bereits Teil des Verbundgebiets ist. Weite man das Ticket auf die Münchner Studenten aus – und davon, so Niedermaier, sei auszugehen – steigt das Defizit auf 50 Millionen.
Ein zweites Problem sieht Niedermaier bei der Schülerbeförderung. Die bezahlt derzeit zu den weiterführenden Schulen der Landkreis. Allerdings übernimmt er nur die Beförderung zu der Einrichtung, die mit den geringsten Kosten erreicht werden kann. Das habe eine Lenkungsfunktion. Die entfalle, wenn Kinder mit einem 365-Euro-Jahresticket auch relativ preiswert jede andere Schule erreichen können.
Kostenloser ÖPNV ist utopisch
Schon das Defizit aus dem 365-Euro-Ticket zeigt für Niedermaier, dass die Forderung nach einem kostenlosen Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) utopisch ist. Das gelte auch für alle Überlegungen, Stadtbusfahrten kostenlos anzubieten, sagte Niedermaier. Vielmehr brauche man jede Einnahme, um das Angebot im ÖPNV deutlich erweitern zu können. „Hier werden wir sowieso viel Geld reinstecken müssen. Kostenlos geht das alles nicht.“
Mit welchen Ausgaben man überhaupt rechnen müsse, wenn der MVV-Tarif künftig im Landkreis-Süden gelten soll, wollte Michael Häsch (CSU) wissen. Das sei schwer zu sagen, antwortete Niedermaier. Letztlich hänge es davon ab, welche Linien der Landkreis ausschreibe, von der Frequenz, in der die Busse fahren und von den Einnahmen aus den Ticketverkäufen. Genau dafür gebe es aber die Grundlagenstudie, erklärte Matthias Schmid, ÖPNV-Experte am Landratsamt. Hier würden beispielsweise auch Fahrgastzahlen erhoben und – zumindest grob – die finanziellen Auswirkungen berechnet.
Warum kostet die MVV-Erweiterung so viel?
Warum ist die Erweiterung des MVV-Gebiets auf den Süden des Landkreises für Letzteren so teuer? Bislang werden die Buslinien im Süden in erster Linie eigenwirtschaftlich betrieben. Das heißt, ein Busunternehmen schaut, wo es sich lohnt, eine Verbindung einzurichten, beantragt bei der Regierung von Oberbayern eine Konzession und fährt auf eigene Rechnung. Auch die Ticketpreise werden selbst festgelegt und so gestaltet, dass kein Defizit entsteht. Meist fahren diese Busse Strecken, auf denen mit vielen Schülern, Pendlern und/oder Touristen als Fahrgäste zu rechnen ist. Im Gegensatz dazu werden im MVV-Verbundgebiet alle Linien gemeinwirtschaftlich ausgeschrieben. Das heißt, hier legt der Landkreis fest, wo und in welcher Frequenz Busse fahren sollen. Der MVV schreibt die Linien aus, Busunternehmen können sich bewerben. Das mit dem besten Angebot bekommt den Zuschlag. Der Landkreis überweist dem Unternehmen monatlich seine Betriebskosten und bekommt im Gegenzug die Einnahmen aus den Ticketverkäufen. Der Tarif ist verbundweit einheitlich. Das Defizit – und die meisten Buslinien haben eines – trägt der Landkreis. Derzeit steckt der Kreis jährlich rund 1,4 Millionen Euro in den Öffentlichen Personen-Nahverkehr. Ein Großteil der Mittel fließt in die MVV-Buslinien im Landkreis-Norden. Nach der Erweiterung wird es deutlich mehr sein.
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