VonAndreas Steppanschließen
Mit den Wirtsleuten Evi und Michael Raphelt ist aus der 2009/10 aufwendig renovierten Traditionswirtschaft Kramerwirt wieder ein echter Mittelpunkt von Arzbach geworden. Das ist jetzt vorbei.
Arzbach – Es ist ein Schritt, den sich Evi und Michael Raphelt alles andere als leicht machen. Nun aber steht für das Wirte-Ehepaar fest: Spätestens bis Ende des Jahres werden sie im Arzbacher „Kramerwirt“ aufhören – gut acht Jahre, nachdem sie die Traditionsgaststätte übernommen haben. Der Grund dafür ist, dass Michael Raphelt aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten muss. Hauseigentümer Kilian Willibald ist derzeit auf der Suche nach geeigneten Nachfolgern.
„Das Ehepaar Raphelt war für mich eine Idealbesetzung für den ,Kramerwirt‘“, sagt Willibald. Selbst hat der Lenggrieser Bauunternehmer eine persönliche Bindung zu dem 1865 errichteten Wirtshaus an der Arzbacher Hauptstraße. „Meine Oma Ursula Bartl war Wirtstochter und wurde 1904 in diesem Haus geboren“, berichtet Kilian Willibald. Deren Großvater habe einst den „Kramerwirt“ gegründet, ihm folgten Ursulas Vater, schließlich, bis ungefähr 1980, ihr Bruder Kilian Bartl.
2009, nachdem der „Kramerwirt“ drei Jahre leer gestanden hatte, beschloss Kilian Willibald, an die Familientradition anzuknüpfen. Er kaufte das Gebäude, sanierte es für 2,7 Millionen Euro – und fand für das nach hohen Standards frisch erneuerte Gasthaus engagierte Wirtsleute, nämlich das aus Lenggries stammende Ehepaar Evi und Michael Raphelt.
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Beide hatten als Quereinsteiger den Weg in die Gastronomie gefunden: Evi (46) ist gelernte Industriekauffrau, Michael (49) ausgebildeter Kfz-Mechaniker – wenn er auch später seine Berufung in der Küche fand. Die Raphelts hatten zuvor die „Hochtannerstuben“ in Wackersberg geführt und waren gerade auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Und eine solche bot sich ihnen im „Kramerwirt“ – und zwar keine kleine.
Schnell wurde aus dem „Kramerwirt“ wieder ein lebendiger Mittelpunkt Arzbachs. In der „Tenne“, dem großen Saal, werden in der Saison von Frühjahr bis Herbst fast jedes Wochenende Hochzeiten gefeiert, bis zu 200 Gäste finden dort Platz. Für kleinere Feiern oder separate Runden steht das „Salettl“ für 80 bis 100 Personen zur Verfügung. In der Gaststube herrscht ohnehin meist reger Betrieb, Stammtische und örtliche Vereine haben hier ihren Treffpunkt. Der Biergarten mit seinen etwa 100 Sitzplätzen ist beliebt bei Wanderern und Radfahrern, ob nun Einheimische, Ausflügler oder Urlauber. Seit einigen Jahren ist der „Kramerwirt“ auch ein kulturelles Zentrum des Isarwinkels – seit die Lenggrieser Kleinkunstbühne „KKK“ von Familie Pfister viele ihrer Kabarettveranstaltungen und Konzerte hier veranstaltet. Der Bayerische Rundfunk übertrug schon mehrmals Sendungen wie „Jetzt red i“ aus dem „Kramerwirt“.
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Für das Ehepaar Raphelt war der „Kramerwirt“ in den vergangenen Jahren ihr Leben. „Es steckt sehr viel Herzblut drin“, sagen sie. Mit ihren beiden Kindern – heute 17 und 11 Jahre alt – zogen sie in die Wohnung über der Wirtschaft ein. Sie führen den „Kramerwirt“ als echten Familienbetrieb, bei dem auch ihre Eltern noch mithelfen. „Familiär“, wie sie sagen, geht es aber auch zwischen ihnen und den drei festangestellten Mitarbeitern sowie den Aushilfen zu. Auf „gute Zeiten und schlechte Zeiten“ in Arzbach blicken sie nun zurück und geben zu, dass sie sich phasenweise auch „durchgebissen“ haben – nämlich dann, wenn es Michael Raphelt körperlich nicht gut ging. Jetzt ist das Paar allerdings an einem Punkt angelangt, an dem die Gesundheit ganz klar vorgeht. Von der gastronomischen Bildfläche der Region verschwinden werden die beiden aber nicht, wenn sie den „Kramerwirt“ weitergeben, da sie nach wie vor auch das „Café Love“ am Tölzer Amortplatz führen.
Hauseigentümer Willibald ist zuversichtlich, dass der Betrieb im „Kramerwirt“ weitergeht – auch wenn derzeit noch kein neuer Wirt gefunden ist. Gut eine Woche nach den ersten Zeitungsanzeigen im Tölzer Kurier hätten sich bislang sechs Interessenten bei ihm gemeldet, sagt Willibald. „Mit zweien davon werde ich die Sache weiterverfolgen.“
Er legt Wert darauf, dass die künftigen Inhaber deutschsprachig sind und mit den Menschen im Isarwinkel, ihrem Dialekt, ihren Vorlieben und ihrer Mentalität vertraut sind. „Der ,Kramerwirt‘ wird auf alle Fälle eine bayerische Wirtschaft bleiben. Am wichtigsten ist, dass die Einheimischen kommen.“ Der Saal sei dabei das Herzstück. Mit zu vermieten ist die 185 Quadratmeter große Sechs-Zimmer-Wohnung, die eine mögliche Wirtsfamilie selbst bewohnen oder als Personalwohnung zur Verfügung stellen könne.
