- VonWolfgang Schörnerschließen
Vor zehn Jahren floh eine syrische Familie vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land. Monatelang dauerte die Flucht, begleitet von Todesangst. Die Familie gab nie auf, auch jetzt nicht in Penzberg, wo sie ein Lebensmittelgeschäft eröffnet hat. Benannt ist der Laden nach dem 18-jährigen Sohn, der auf der Flucht im Mittelmeer ertrank. Er wurde nie gefunden.
Penzberg – Vor über zehn Jahren lebte die Familie Methiab noch auf einem Bauernhof im Südwesten Syriens. Der Vater war selbstständiger Fliesenleger, der zwischen Syrien und Libyen pendelte, die Kinder brachten gute Schulnoten nach Hause. Ein normales Leben. So erzählen sie es heute. Alles änderte sich 2011, als in Syrien Unruhen ausbrachen, die in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. Ausgangspunkt der Proteste war Dara, der Ort, in dem die Familie lebte. Dort gab es im 2011 die ersten Toten.
Alle Risiken, die wir eingegangen sind, waren für die Kinder.
Elf Jahre später sitzen Vater Imad (52), Mutter Intesar (51) und Tochter Nwara (21) im Büro der früheren Penzberger Streetworkerin Bettina Alsters, die sie über die Integrationsgruppe „Open Mind“ kennen gelernt haben. Sie erzählen von ihrer Flucht, von Ängsten und der ersten Zeit in Deutschland, in der sie versuchten, wieder auf die Füße zu kommen. In Penzberg haben sie sich nun einen Traum erfüllt: einen Fachmarkt für orientalische Lebensmittel. „Alle Risiken, die wir eingegangen sind, waren für die Kinder“, sagt Vater Imad Al Miziab (sein Name lautet wegen eines falsch ausgefüllten Dokuments nicht Methiab).
Von den Dächern wurde auf Menschen geschossen
2011 in Syrien hatten die Eltern Angst um ihre Kinder. Der fast 18-jährige Sohn sollte in Assads Armee eingezogen werden – die Familie schickte ihn zum Vater, der gerade in Libyen arbeitete. „Es wurde immer gefährlicher“, erzählt Nawra. Von den Dächern sei auf Menschen geschossen worden. Ihr 14-jähriger Bruder sei nur knapp verfehlt worden. Ihr Vater habe deshalb gesagt, „dass wir alle nach Libyen kommen sollen.“ Wo aber auch Unruhen begonnen hatten. Im Juli 2012 stieg die Familie ins Flugzeug nach Kairo. Von dort ging es im Auto drei Tage durch die Wüste ins libysche Misrata.
„Libyen sollte die Endstation sein, wir wollten später zurück nach Syrien“, erzählt Nawra. Sie und ihre damals fünfjährige Schwester besuchten die Mädchenschule. Für ihre zwei Brüder („Sie wollten einen guten Schulabschluss machen“) sei der Schulbesuch aber zu gefährlich gewesen, da in der Schule wegen der Unruhen alle bewaffnet gewesen seien.
Der 18-jährige Sohn ertrank im Mittelmeer
Über ein Jahr lebte die Familie in Libyen, als sich ihr 18-jähriger Bruder und sein Onkel, der auch nach Libyen geflohen war, entschlossen, es übers Mittelmeer nach Europa zu versuchen. Die Familie hat sie nie wieder gesehen. Das Boot sei gesunken, sagt Nawra. Genaueres weiß die Familie nicht. „Sie wurden nie gefunden.“
Damals entschied sich die Familie zunächst, in Libyen zu bleiben. „Die Lage wurde aber immer schlimmer.“ Ihr anderer Bruder sei auf der Straße bedroht worden. Viele Syrer seien eingesperrt worden. „Auch für uns Mädchen wurde es unsicherer.“
Mit 250 Menschen in einem Holzboot
Im Sommer 2014 entschloss sich die Familie doch zur Flucht übers Meer. „Wir dachten uns, entweder leben oder sterben wir.“ Vier Versuche misslangen, von Schleusern wurden sie betrogen. Beim fünften Mal saß die Familie mit 250 Menschen in einem Holzboot, darunter Kleinkinder und Schwangere. „Wir hatten die ganze Zeit Angst.“ Nach zwölf Stunden habe eine Art Tanker sie entdeckt. Die Besatzung habe sie erst nach vielen Bitten aufs Schiff gelassen. Später wurden sie von einem Rettungsschiff übernommen und nach Palermo gebracht.
Zwei Wochen blieb die Familie in Italien, dann zog sie weiter nach Norden. In München brachte die Polizei sie in einer Kaserne unter, danach lebte sie bis zur Anerkennung als Asylbewerber in Lenggries. Im März 2016 zog sie nach Kochel. Und die Kinder konnten wieder in die Schule gehen.
Nawra hat in Penzberg die Mittlere Reife gemacht und lernt für das Fachabitur. Sie würde gern Wirtschaft und Politik studieren, sagt sie. Ihre 15-jährige Schwester steht vor der Mittleren Reife. Ihr 25-jähriger Bruder hat eine Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen.
Vater Imad arbeitete anfangs erst in der Altenpflege, später als Kochhelfer. Bettina Alsters vermittelte ihn damals zu einem Fliesenleger aus Penzberg, der einst selbst vor einem Krieg geflüchtet war. Eine Arbeit, die der Vater wegen Knie- und Rückenproblemen aber wieder aufgeben musste. Damals entstand die Idee, ein orientalisches Lebensmittelgeschäft zu eröffnen. Der Vater belegte über das Jobcenter einen Kurs über Betriebswirtschaft und Geschäftspläne und arbeitete in einem Lebensmittelmarkt, um den Verkauf kennenzulernen.
Seit August gibt es diesen Laden nun, etwas versteckt in der Passage, die Karlstraße und Philippstraße verbindet. Zwischen Kampfkunstschule Fichtner und einem VHS-Raum geht es den Gang hinein. Dort im Laden bietet die Familie unter anderem Oliven, Datteln, Humus, Fladenbrot, Nüsse, Obst, türkisch-syrische Pralinen, Teesorten und vakuumverpacktes Halal-Fleisch an. Penzberg sei für ein solches Geschäft strategisch gut, sagt Nawra, Es liege zentral, habe eine islamische Gemeinde am Ort und sei eine bunte Stadt.
Die Kinder sollen eine bessere Zukunft haben
„Wir wollen dem Land, das uns herzlich aufgenommen hat, keine Belastung, sondern nützlich sein“, sagt sie. Mutter Intesar möchte besonders dem Helferkreis in Lenggries danken, der einst mit „Seele und Herz“ geholfen habe. Vater Imad sagt, sein Traum sei, dass die Kinder sich weiter bilden und an einem „sicheren Ort eine bessere Zukunft“ haben.
Die Flucht aus Syrien und Libyen wird aber im Gedächtnis bleiben. Die Familie hat das neue Geschäft „Al Fares“ genannt. Fares hieß der 18-jährige Sohn, der 2013 im Mittelmeer ertrank.