VonJosef Hornsteinerschließen
Die zerstörte Kabine der Seilbahn Zugspitze wurde Freitagvormittagsicher in die Bergstation gezogen. Fest steht: Der Schaden ist siebenstellig. Klaus Schanda hat jetzt einen Wunsch ans Christkind: Die neue Gondel soll schon an Weihnachten fahren.
Grainau – Es sind jene Sekunden, die Martin Hurm wohl sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Der Betriebsleiter der Zugspitzbahn sitzt vor einem großen Flachbildschirm auf der Sonnenterrasse der Bergstation. Neben ihm stehen zahlreiche Ingenieure, darunter Erwin von Allmen von der Schweizer Seilbahnhersteller-Firma Garaventa. Es ist mucksmäuschen still. Sie hören nur das leise Surren des Zugseiles. Die Anspannung ist fast greifbar. Alle warten auf den einen entscheidenden Moment. Plötzlich ruckelt es auf dem Bildschirm. „Sie fährt“, ruft Hurm. „Sie bewegt sich wie ein Kätzchen!“
Nach über einer Woche des Stillstands fährt die demolierte neue Kabine der Bayerischen Zugspitzbahn Bergbahn AG (BZB) endlich wieder. Dass sich Hurm darüber wie ein kleines Kind freuen würde, hätte er vor über einer Woche wohl selbst nicht geglaubt. Den ersten, großen Schritt haben er und sein Team geschafft. Die Kabine hat keine Teile verloren und sie lässt sich fahren. Aus Sicherheitsgründen wurde die neue Kletterroute „Eisenzeit“ zur Zugspitze unterhalb der Bahn gesperrt.
Deutschlands höchster Berg im Fokus der Medien
Kurzzeitig sind die vielen Sorgen der vergangenen Tage wie weggeblasen. Am 12. September rauschte nach Betriebsschluss bei einer Notfallübung ein 2,5 Tonnen schwerer Bergewagen in die 15 Tonnen schwere Kabine. Die unhaltbarsten Gerüchte kursierten seither im Ort. Dass die Gondel nur mehr am „seidenen Faden“ hänge oder polemische Aussagen von Kommunal-Politikern. Unzählige Anrufe aus ganz Deutschland musste BZB-Pressesprecherin Verena Lothes seit dem Unfall beantworten. Der höchste Berg Deutschlands geriet – mehr wie gewohnt – in den Fokus der Medien. Wann wird die Seilbahn wieder fahren? Welcher Schaden ist entstanden? Und gibt es trotzdem eine Möglichkeit, auf die Zugspitze zu gelangen? Lothes konnte stets beruhigen. „Der Betrieb ist gleich am nächsten Tag für die Gäste ganz normal weitergegangen.“ Sie fuhren nicht mehr mit der neuen Seilbahn, sondern mit der Zahnrad- und Gletscherbahn auf den Gipfel. „Die Gondeln waren jeden Tag voll.“ Klaus Schanda, BZB-Marketing- und Vertriebsleiter, will sogar einen Trend erkennen: „Man merkt schon ein wenig eine Art Sensationstourismus“, sagte er am Abend vor der Bergung gegenüber dem Tourismusausschuss Garmisch-Partenkirchen. Wie auch immer: Sonderliche Einbußen oder Fahrgast-Rückgänge seien trotz des Un- und Ausfalls mit einem Schaden in siebenstelliger Höhe nicht zu beklagen.
Mit zehn Zentimetern in der Sekunde 280 Meter in die Höhe
Auch am Freitag sind wieder hunderte Schaulustige auf dem Gipfel. Sie filmen und fotografieren mit Handys, wie die Gondel mit zehn Zentimetern in der Sekunde in Richtung Bergstation gezogen wird. 280 Meter im steilsten Teil der Strecke muss sie nun hinter sich bringen. Eine kleine weiße Drohne umschwirrt sie. Ihre Bilder in Echtzeit werden von Hurm und seinen Kollegen verfolgt. Nach nicht einmal einer Stunde ist der fast 18 Tonnen schwere Trümmerhaufen in der Bergstation. Dort wird er jetzt auf Herz und Nieren geprüft. „Als Erstes haben wir die Kabine gesichert“, sagt Hurm. Jetzt wird der Bergekorb aus der Kabine geschnitten. Die Gondel präparieren sie dann soweit, dass sie sicher bis zur Talstation fährt. Experten zerlegen und entsorgen sie dann.
Wann die neue Gondel kommt, ist noch offen. Für die Schweizer Herstellerfirma Garaventa hat sie höchste Priorität, versichert Schanda. Seinen Wunschzettel für das Christkind hat er jedenfalls schon geschrieben: dass „die neue Kabine an Weihnachten wieder fährt“. Diesen Traum haben jetzt natürlich viele. „Aber wir sollten dennoch realistisch bleiben.“
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