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Die Stiftung Nantesbuch investiert in eine neue Technik: Gerät schafft zehn Hektar in zehn Minuten
Bad Heilbrunn – Beim Anblick eines Rehkitzes schmelzen selbst gestandene Mannsbilder dahin – es sei denn, dem Jungtier fehlen ein- oder mehrere Beine. Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jedes Jahr rund 100 000 Kitze einen qualvollen Tod, wenn im Frühjahr die Wiesen gemäht werden. Die Stiftung Nantesbuch hat eine Technik mitentwickelt, die das verhindern kann.
Seit dem Frühjahr 2017 kommt auf den etwa 500 Hektar Grünflächen mit Reviernachbarn rund um das Lange Haus eine Drohne zum Einsatz. Ausgestattet ist das Fluggerät mit einer Infrarot-Kamera und GPS-Technik. So spürt der „Oktokopter“ die Kitze im mannshohen Gras bis auf den Meter genau auf. Zeitaufwändige und personalintensive Suchaktionen gehören seitdem der Vergangenheit an. „Ich wage zu behaupten: Es handelt sich um die beste Technik zur Rehkitzrettung in ganz Deutschland“, sagt Stiftungs-Mitarbeiter Johann Rothkirch.
Der Fluggerätemechaniker und Maschinenbautechniker mit seinen Kollegen Sven Ott und Martin Nicklbauer hat zusammen mit dem Jäger Peter Pelz aus Herrnhausen und Entwickler Martin Israel die Drohne Schritt für Schritt perfektioniert. Das neueste Modell geht in diesem Frühjahr an den Start – und Rothkirch hofft, dass künftig so viele Landwirte wie möglich die neue Technik nutzen, auch wenn der Anschaffungspreis nicht ganz billig ist. „Vielleicht können sich einige Jäger und Hegegemeinschaften zusammenschließen“, sagt Rothkirch. Der Preis liegt unter 10 000 Euro, teilt Entwickler Israel mit.
Aus Sicht von Johann Rothkirch lohnt sich die Investition allemal. Als Jäger hat er selbst schon viele verstümmelte Kitze gesehen, ihre Schmerzensschreie klingen ihm noch in den Ohren. „Das geht einem schon sehr an die Nieren“, sagt der 32-Jährige aus dem Königsdorfer Ortsteil Schwaighofen.
Früher streiften Rothkirch und bis zu zehn Mitstreiter vor der ersten Mahd den ganzen Tag lang durchs Gelände. Die Suche nach den Kitzen glich der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen: Die Geißen verstecken ihren Nachwuchs gut im hohen Gras. Die Jungtiere selbst verharren reglos in ihrer Position, wenn sie Gefahr vermuten. „Die Kitze können bloß einen halben Meter neben einem liegen, aber man bemerkt sie nicht“, sagt Rothkirch. Viel zu viele Tiere kamen trotz der aufwendigen Suchaktionen ums Leben.
Damit ist Schluss: Die Stiftung hat ihre Pächter inzwischen verpflichtet, jede Mahd 24 Stunden im Voraus anzumelden. So kann die jeweilige Wiese zuvor abgesucht werden. Los geht es um 4 oder 5 Uhr morgens, wenn die Temperaturen noch niedrig sind. „Je wärmer es wird, desto mehr Fehlalarme haben wir“, sagt Rothkirch. In nur zehn Minuten sucht die Drohne rund zehn Hektar ab und liefert die GPS-Position der Rehkitze. Die Jungtiere werden von einem Suchtrupp in eine Holzkiste gelegt und in den Wald gebracht, bis die Mahd vorüber ist. „Dann lassen wir sie wieder frei“, sagt Rothkirch. 42 Kitze und einige Junghasen konnten 2017 auf diese Weise gerettet werden.
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„Die Zusammenarbeit mit den Landwirten funktioniert gut“, lobt Rothkirch. Die Bauern haben nicht nur aus moralischen Gründen ein Interesse daran, beim Mähen kein Tier zu verstümmeln oder zu töten. Denn die Kadaver können unter Umständen das Futter für die Nutztiere verunreinigen, Stichwort Botulismus. Durch diese Vergiftung können trächtige Kühe zum Beispiel ihre Kälber verlieren – oder selbst daran sterben. Aber auch das Tierschutzgesetz nimmt die Landwirte in die Pflicht: In Paragraf 18, Absatz 1 heißt es, dass sich derjenige, der die Tiere fahrlässig tötet, strafbar macht. Das muss nicht sein, findet Rothkirch. „Die Technik wäre ja da, man muss sie nur nutzen.“
Weitere Infos: Auf www.fliegender-wildretter.de steht alles Wissenswerte.
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