In „Das Museum der Welt“ greift der aus Königsdorf stammende Autor Christopher Kloeble einen historischen Stoff auf: die Expedition der Brüder Schlagintweit.
Königsdorf/München - Im August 1855 stellt ein indischer Bub einen Rekord auf. Er erreicht auf dem Berg Ibi Gamin im Himalaya einen Punkt in 6785 Metern Höhe. Nie zuvor ist ein Mensch so hoch hinaufgestiegen. Doch bis heute ist in keinem Geschichtsbuch der Welt der Name des Burschen verzeichnet. Berühmt werden nur die bayerischen Forscher, in deren Tross der Bub unterwegs ist: die Brüder Schlagintweit aus München.
Jetzt aber erhält der Junge, der auf den Schultern von Adolph Schlagintweit sogar noch ein wenig höher hinaufragt, wie er frech anmerkt, zumindest im neuen Roman von Christopher Kloeble ein Gesicht und einen Namen: Bartholomäus. „Das Museum der Welt“ setzt so den zahllosen vergessenen Bergführern, Gepäckträgern und Übersetzern ein Denkmal, die viele große Expeditionen erst ermöglichten und doch im Schatten blieben.
„Das Museum der Welt“ steht im Zeichen der Verbindung zwischen Bayern und Indien
Zunächst einmal aber steht „Das Museum der Welt“ im Zeichen der eher unwahrscheinlichen geografischen Verbindung zwischen Bayern und Indien. Die prägt nicht nur das Buch, sondern auch Kloebles Biografie. Der Autor wuchs in Königsdorf auf und ging in Bad Tölz zur Schule. Mittlerweile ist der 38-Jährige zu einem renommierten, vielfach preisgekrönten Schriftsteller avanciert und lebt gemeinsam mit seiner Frau, Schriftstellerin Saskya Jain, und der gemeinsamen Tochter abwechselnd in Delhi und Berlin. Wie kompliziert, bereichernd und letztlich selbstverständlich dieses Leben zwischen den Kulturen ist, schilderte er 2017 im autobiografischen Werk „Home made in India“.
In diesem Buch beschäftigen sich einige Passagen auch mit Grenzüberschreitungen beim Tölzer Knabenchor.
Christopher Kloeble: „Geschichte der Brüder Schlagintweit klingt wie ein Film“
Nun also greift er einen historischen Stoff auf. Darauf gestoßen hat ihn seine Schwiegermutter, die Kunsthistorikerin Jutta Jain-Neubauer, wie Kloeble im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet. „Komisch, dass ich bis dahin noch nie von den Brüdern Schlagintweit gehört hatte“, sagt er. Dass in deren Geschichte ein Romanstoff schlummert, lag für den Autor auf der Hand. „Es klingt wie ein Film: Drei bayerische Brüder brechen auf, um Indien zu erforschen, sie erzielen viele Erfolge, aber nur zwei von ihnen kehren zurück.“
Tatsächlich erlangten die drei Münchner Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit einige Berühmtheit durch eine Expedition, zu der die Alpinisten, Gletscherforscher und Botaniker 1854 auf Empfehlung ihres Vorbilds und Förderers Alexander von Humboldt aufbrachen. Kloeble aber gibt dem Stoff einen neuen Dreh. „Solche Geschichten sind aus den Augen des weißen Mannes, der in der Fremde das Exotische entdeckt, oft genug erzählt worden“, sagt er.
Geschickter Perspektivwechsel macht „Das Museum der Welt“ besonders
Der Autor wechselt daher bewusst die Perspektive, macht den „mindestens“ zwölfjährigen Waisenjungen Bartholomäus zum Erzähler. Ihn, der bei bayerischen Jesuiten in einem Waisenhaus in Bombay aufgewachsen ist und daher neben etlichen lokalen Sprachen auch Deutsch spricht, heuern die Brüder als Übersetzer an. Bartholomäus betrachtet die Männer aus München ihrerseits als wunderliche Gestalten, schmunzelt über Ausdrücke von „Gaudi“ über „Schmarrn“ bis zu „O-asch“, hinterfragt respektlos ihre Motivation und schwankt zwischen Bewunderung und Misstrauen. „Die Forscher werden also zum Forschungsobjekt“, stellt Kloeble fest.
Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Buch, das vielerlei Lesarten anbietet. „Das Museum der Welt“ ist ein unterhaltsamer Abenteuer-, Schelmen- und Spionageroman, der ein buntes Bild von Indien im 19. Jahrhundert entwirft. Doch Kloeble verhandelt eben auch unaufdringlich große moralische Fragen des Kolonialismus, und wie er das Verhältnis des „Westens“ zu anderen Teilen der Welt bis heute prägt.
„Das Museum der Welt“ rückt Thema Kolonialismus nahe an den deutschen Leser heran
Sinnbildlich dafür steht das titelgebende Museum. „Museen wie das British Museum sind als koloniale Institutionen entstanden“, berichtet Kloeble. Die Zurschaustellung von Beutestücken aus exotischen Gefilden habe stets auch der Untermauerung des eigenen Machtanspruchs gedient – und der Rechtfertigung der rücksichtslosen, grausamen Durchsetzung desselben.
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Dem setzt der Roman ein „Museum der Welt“ entgegen, das sich Bartholomäus in Form eines Notizbuchs anlegt. Es steht einerseits für den Versuch, dem kolonialen Blick von außen ein eigenständiges indisches Selbstbewusstsein entgegenzusetzen – und offenbart in der Wahl der Mittel doch gleichzeitig eine „Kolonialisierung der Seele“. Mit der fechte Indien bis heute einen inneren Kampf aus, weiß Kloeble.
Christopher Kloeble zeichnet die Forscher-Helden ambivalent
Mit den drei Brüdern rückt er das Thema ganz nah auch an deutsche Leser heran. „Wenn ich mit Menschen über Kolonialismus spreche, stelle ich fest, dass viele nicht wissen, dass Deutschland auch Kolonien hatte.“ Zum einen aber hätten die relativ kurze Dauer und der begrenzte Umfang des deutschen Kolonialismus ausgereicht, „um viel Schaden anzurichten“. Zum anderen zeigt Kloeble, wie sich auch deutsche Forscher unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu Komplizen eines ausbeuterischen Systems machten, „einen Pakt mit dem Teufel“ eingingen – indem sie sich ihre Expedition von der informellen britischen Kolonialmacht East India Company finanzieren ließen.
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Nicht zuletzt lässt sich von der oft chauvinistischen Einstellung der sehr ambivalent gezeichneten Forscher-„Helden“ der Bogen spannen bis hin zum nationalsozialistischen Rassenwahn – und auch bis zu nur vermeintlich netten Bemerkungen gegenüber dunkelhäutigen Menschen heute, nach dem Motto: „Du sprichst aber gut Deutsch!“
Das Buch
Christopher Kloeble, „Das Museum der Welt“. dtv, München, 528 Seiten; 24 Euro.
