Aufführungen in der Alten Madlschule

Neues Stück der Komischen Gesellschaft: Weniger wäre mehr gewesen

+
Brillante Darsteller: Verena Peck, Susanne Pienkowski, Stefan Riedl und Adnan Erten (v. li.) geben ihren Figuren und dem ganzen Stück Dichte und Tiefe.

Die Komische Gesellschaft zeigt noch bis Anfang Dezember das Stück „Wir sind keine Barbaren“. Nach Ansicht des Kurier-Kritikers hat die Truppe das Beste aus dem Stoff gemacht, der ihm aber insgesamt zu laut und schrill ist.

Bad Tölz – Wie fest man dasteht und wie schnell man doch den Boden verliert! Zwei Paare treffen als neue Nachbarn aufeinander. Beide leben in gesicherten Verhältnissen. Das System gerät aus den Fugen, als eine der Frauen einen afrikanischen Flüchtling bei sich aufnimmt. Am Ende wird sie ermordet. War es der Afrikaner oder doch ihr Mann?

Darum geht es im Stück „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Löhle, mit dem die Tölzer Komische Gesellschaft nun Premiere in der Alten Madlschule feierte.

Die beiden Paare sind klischeehaft, aber doch ironisch treffend gezeichnet als gelangweilte Wohlstandsbürger aus der Mitte der Gesellschaft. Eine der Frauen ist vegane Köchin, deren Mann die Geräusche von Elektroautos designt; die andere eine überdrehte Yogalehrerin mit tausend Hobbys, deren Mann den Proll gibt.

Das Stück beginnt mit der Deutschland-Hymne, die eine gemeinsame Identität beschwört. Entsprechend pressen die vier höchst unterschiedlichen Charaktere alle ihre Verschiedenheiten in unzählige formelhafte „Wir“-Botschaften.

Lesen Sie auch: KG-Premiere vor einem Jahr: Frauentrio mit tragischem Abgang

Das 2014 entstandene Stück mit seinen plakativen, lauten und schablonenhaften Botschaften in der Art eines groben Holzschnittes erscheint inzwischen wie aus der Zeit gefallen: Das im Grundton der Überzeugung immer wieder gleich einem Mantra vorgetragene „Wir sind reich, sehr reich, denn wir haben viel“ der vier Protagonisten ist doch längst ihrer bestürzenden Erkenntnis gewichen, dass in einer globalisierten Welt superreiche, politisch einflussreiche Shareholder bei ihrer Jagd nach den besten Renditen nicht nur die Dritte Welt ausbeuten, sondern längst begonnen haben, auch der Mittelschicht den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Zu viel Lautstärke und Protz offenbaren die Schwächen dieses Stückes. Mit leiseren Tönen, sehr viel subtiler und tiefer ist es vor 40 Jahren Rainer Werner Fassbinder in seinem „Angst essen Seele auf“ gelungen, die Befindlichkeiten bei der Begegnung von Einheimischen und Fremden zu ergründen.

Lesen Sie auch: Das zeigte die KG 2016: Die Unsterblichkeit der Seegurke

In einer Schlüsselszene räkeln sich die zwei Frauen auf dem Sofa, reden über den Flüchtling und die Größe seines Penis’. Da hat die in ihrer Ehe gelangweilte Barbara bereits ein Verhältnis mit jenem Afrikaner angefangen, den sie bei sich aufgenommen hat. So entlarvt der Autor, dass es bei ihrer Mitmenschlichkeit in Wahrheit auch um ihr eigenes Vergnügen geht und um die Macht über einen Abhängigen.

Die vier sehr engagierten Darsteller der Komischen Gesellschaft gestalten ihre Rollen mit allergrößter Intensität – machen das Stück besser, als es in manchen Teilen ist. Es gelingt ihnen, der verunsicherten Gemütslage von Menschen ein Gesicht zu geben, die allesamt in ihren Mustern gefangen sind. Stefan Riedl und Susanne Pienkowski, Adnan Erten und die umwerfende Verena Peck, die das Potenzial für größere Herausforderungen hat, verleihen dem Stück und seinen Figuren Dichte und Tiefe. Regisseurin Ulla Haehn gelingt es, mit wenigen Requisiten die ganze Brüchigkeit der Existenz zu versinnbildlichen: hohe Stapel und Mauern aus weißen Kartons, die im Wandel der Veränderung keinerlei Schutz bieten können. R

Rainer Bannier

Weitere Aufführungen

am Freitag, 23. November, 20 Uhr; Sonntag, 25. November, 19 Uhr; Freitag, 30. November, 20 Uhr; Samstag, 1. Dezember, 19 Uhr. Karten im Vorverkauf gibt’s bei der Buchhandlung Winzerer und an der Abendkasse.

Kommentare