Bad Tölz - Der Vergleich mit dem sinkenden Schiff „Titanic“ fiel mehr als einmal. Kein Wunder: Auch im Tölzer Jodquellenhof herrschte ein Hauch Untergangsstimmung in stilvollem Ambiente. Eindrücke vom letzten Tag eines Traditionshotels.
Als die letzten Gäste gegangen sind, sitzt Sabine Kroh allein in einer Ecke des Restaurants. Ihr Blick wandert über die leeren Tische. Es ist vorbei. Das Hotel Jodquellenhof schließt nach über 125 Jahren. Eben noch sah es aus, als sei es ein Tag wie jeder andere. Die Gäste ließen sich Kaffee bringen, holten sich Lachs, Müsli und Mini-Weißwürste vom Buffet. Morgen werden sich die Plätze nicht mehr füllen. Das muss der Service-Mitarbeiterin durch den Kopf gehen.
Sie hat ihren letzten Arbeitstag absolviert, herzlich, freundlich, professionell wie immer. Für die Gäste. 60 sind es an diesem Tag. Eine schwangere Frau ist dabei und ihr Mann, der ein Hohlkreuz macht, als sei er es, der den dicken Bauch vor sich herträgt. Drei befreundete Pärchen Mitte 50, die sich zum Wellness-Wochenende verabredet haben. Ein Münchner Familienoberhaupt, das alljährlich zu seinem Geburtstag Kinder und Enkel in den Jodquellenhof einlädt.
Morgens läuft das Lied aus dem Film "Titanic"
„So tun, als ob nichts wäre, das kann ich nicht“, sagt Sabine Kroh am Morgen, an der Espressomaschine in der Küche. „Kaffeepulver brauche ich jetzt nicht mehr auffüllen.“ Als sie in der Früh die Tische eingedeckt habe, da sei im Radio das Lied aus dem Film „Titanic“ gelaufen. Sie muss nicht erklären, was sie fühlte. „Es ist nicht wegen mir“, sagt sie. „Es ist wegen diesem Haus, das so viel erlebt hat.“
1867 wurde der erste Gebäudeteil des heutigen Jodquellenhofs erbaut, die „Villa Piccola“. Im Lauf der Jahrzehnte sollten ein drittes und viertes Stockwerk daraufgesetzt werden, ein zweites Haus dazukommen, dazwischen ein Mittelbau. Ab 1934 hieß der Komplex – zuvor als „Kurhotel“ geführt – „Badhotel Jodquellenhof“. 1893 stieg hier der Schriftsteller Mark Twain ab, viel später waren unter anderem Eierlikör-König Verpoorten, Rudolf Scharping und Angela Merkel da. Die heutige Kanzlerin aber schlief nicht hier, drehte nur einen Wahl-Spot mit Edmund Stoiber.
So, wie der Jodquellenhof heute dasteht, ist er als nicht mehr zeitgemäß zum Abbruch verurteilt. Wollte man sanieren, müsste das altehrwürdige Haus im Jahr 2014 die Energieeinsparverordnung erfüllen und Brandschutzauflagen, an die Architekten vergangener Jahrhunderte nie gedacht hätten. „Das ist nahezu unmöglich“, sagt Dr. Anton Hoefter, Chef der Jod AG, der das Hotel seit 1910 gehört.
Im Juli hat er die Schließung des Hotels zum 30. November angekündigt. Wahr ist aber auch, dass die Jod AG sich am Standort Bad Tölz vom Tourismus abwendet, stattdessen auf Wohnungsbau setzt. Auch das Aus des ans Hotel angeschlossenen Spaßbads Alpamare ist besiegelt.
Christel Ilg gefällt das Haus, wie es ist. „Dieser Jugendstil hat was für sich. Überall Legohäusle, das ist nicht das Wahre.“ Mit gepackten Koffern steht sie neben ihrem Mann Gerhard im Foyer. Achtmal hat sich das Paar aus dem schwäbischen Esslingen im Jodquellenhof einquartiert.
„Früher haben wir mit den Kindern in Wackersberg Urlaub auf dem Bauernhof gemacht und Ausflüge ins Alpamare unternommen. Als sie aus dem Haus waren, haben wir ein Zimmer im Jodquellenhof genommen.“ Gleich morgens um 7, vor dem Frühstück, gingen die Ilgs immer zum Baden – „genial, dass man direkt im Bademantel rüber ins Alpamare kann“, finden sie. Tagsüber ging’s oft zum Einkaufen, „die Marktstraße hoch und runter“, erzählen sie. Ob sie jetzt noch einmal nach Bad Tölz kommen, wissen sie nicht. „Wegen dem Christkindlmarkt fahren wir nicht her“, sagt Christel Ilg. „Das haben wir in Esslingen auch.“
"Alles ist verkauft", sagt der Eigentümer
Im Jodquellenhof war jeder Gast ein alter Bekannter. Aß einer gern Leberwurst, gab’s an den Tagen seines Aufenthalts am Frühstücksbuffet Leberwurst. Bevorzugte ein Ehepaar einen speziellen Wein, wurde er kredenzt. Bevor das Hotel schloss, haben einige von denen, die immer wiederkamen, Teile der Einrichtung für sich reserviert. Bilder, Kissen, Sessel aus der Lobby: „Alles ist verkauft“, sagt Hoefter.
Auch die Müllers aus Remchingen bei Pforzheim geben jetzt den Schlüssel ab – „wehmütig“, wie sie sagen. Dreimal im Jahr waren sie hier. Abschalten vom Stress im eigenen Baugeschäft. Beim Checkout bekommen Müllers ein Glas Marmelade zum Abschied. Rezeptionist Alexander Kugler erklärt, dass sie heute noch einmal freien Eintritt ins Alpamare haben. „Alles Gute“, sagt Gina Müller.
Gute Wünsche können die Mitarbeiter gebrauchen. Kugler hat beste Aussichten: Der Wechsel ins Wellnesshotel Lanserhof am Tegernsee ist fix, Kugler ganz auf den neuen Arbeitgeber eingestimmt. „Die sahnen einen Preis nach dem anderen ab.“ Am Mittwoch fängt er an. Ganz so konkret sind die Perspektiven seiner Rezeptionskollegin Jule Drüeke nicht. „Ich will ein halbes Jahr ins Ausland, Abstand gewinnen“, sagt sie. „Am liebsten in die Karibik.“ Die Wohnung in Tölz behält sie – als Ankerpunkt.
Bei vielen ist die Zukunft völlig ungewiss. „Vielleicht“, „ich hoffe“, „ich hatte ein Gespräch“ hört man unter den Damen vom „Housekeeping“. Die Betten müssen sie heute nicht mehr überziehen, stapeln stattdessen die Wäsche, die Decken, die Kissen im Konferenzsaal.
„Schauen Sie mal, wie unser schönster Raum jetzt aussieht“, sagt Anabela Pegado. Die gebürtige Portugiesin lässt sich von ihrer Fröhlichkeit nicht abbringen, lacht, als sie sagt: „Wer wird mich mit meinen 45 Jahren noch nehmen?“ Vor 24 Jahren, als sie nach Deutschland kam, fing sie als Aushilfe in der Wandelhalle an, arbeitete sich hoch. Heute ist sie Chefin der Reinigungsabteilung, verantwortlich für die Sauberkeit in Jodquellenhof und Alpamare. Jeden Morgen stand sie um 4 Uhr auf, putzte von 5 bis 7 Uhr im Spaßbad, trank Kaffee, machte sich im Hotel an die Arbeit. „Hier sollte jetzt der Sechs-Meter-Baum stehen“, sagt Pegado, während sie durch die Halle eilt. Die Christbaumkugeln haben sie und ihre Kolleginnen in den vergangenen Wochen in Kartons verpackt. „Ich weiß nicht, wie viele tausend das waren.“
Um 11 Uhr gehen die letzten Gäste
Vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in Portugal, holte Anabela Pegado zwei junge Neffen nach Tölz, brachte sie in ihrem Putzteam unter. „Einer ist jetzt schon im Schwarzwald, und der andere – na, er ist 23, er wird etwas finden.“ Auf Pegados Wagen liegen die kleinen Seifen, die Näh-Sets, die Shampoo-Fläschchen und ein Schuhlöffel – alles mit dem Aufdruck „Jodquellenhof“. „In einem Vier-Sterne-Haus muss das sein.“
Fast alle Zimmer sind jetzt geräumt. Die Gäste wurden gebeten, bis 11 Uhr abzureisen. Renate Sawilla zieht eines der letzten Laken ab. Auf der Matratze kommt ein Aufkleber zum Vorschein, darauf das Datum „6/2016“. „Gerade milbengereinigt“, stellt Sawilla fest – das hätte noch eine Zeitlang gehalten. „Wir haben immer noch gehofft, dass der Chef hereinkommt und sagt, es geht doch weiter“, sagt ihre Kollegin Karin Mühlmann. Sawilla macht sich Mut: „Lenggries hat jetzt den neuen Sechser-Sessellift.“ Es gibt immer noch Perspektiven. Hier, in der Region. Nicht in der Karibik.
Andreas Steppan