VonVeronika Ahn-Tauchnitzschließen
Alle sollten momentan so gut es geht die eigenen Vier-Wände nicht verlassen. Barbara Stärz von der Caritas erklärt, welche Möglichkeiten es in der aktuellen Lage für obdach- und wohnungslose Menschen gibt.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Am besten sollte man derzeit zu Hause bleiben, um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus zu minimieren. Was aber ist mit den Menschen, die kein Zuhause haben? Über die Situation der Obdach- und Wohnungslosen hat Kurier-Redaktionsleiterin Veronika Ahn-Tauchnitz mit Barbara Stärz von der Caritas Bad Tölz-Wolfratshausen gesprochen.
Frau Stärz, die Empfehlung lautet, möglichst zu Hause zu bleiben. Für obdachlose oder wohnungslose Menschen ist das kaum möglich. Wie gehen sie mit der Situation um?
Unsere Klienten sind weitgehend untergebracht, in kommunalen Notunterkünften, im Hotel oder im Haus Jakobus. Denen geht es ähnlich wie Menschen in Wohnungen. Diejenigen, die „Platte“ machen – das sind Personen, die freiwillig im Freien schlafen wollen –, ziehen sich von der Öffentlichkeit zurück, so gut es geht. Da sind uns in Tölz aktuell zwei Fälle bekannt. In großen Städten wie München ist die Situation noch viel schwieriger. Einige unserer obdachlosen Klienten sind im Moment in Kliniken.
In großen Städten ist die Situation viel schwieriger
Wie ist die Lage in den Unterkünften, in denen Platz ja oft eher Mangelware ist?
In den Unterkünften ist es natürlich eng, und es kommt mit Sicherheit zu Konflikten. Andererseits gibt es durch die gemeinschaftliche Unterbringung soziale Kontakte und Unterstützung. Natürlich ist dies in Zeiten von „social distancing“ extrem ungünstig, aber nicht vermeidbar.
Wie ist die medizinische Versorgung ihrer Klientel zu gewährleisten?
Die medizinische Versorgung gelingt über Hausärzte, Kliniken und den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst. Die Hausärzte sind sehr bemüht, und wir erfahren zunehmend Unterstützung. In der Vergangenheit fanden unsere Klienten zum Teil keine Hausärzte am Ort und mussten mit öffentlichen Verkehrsmitteln in andere Städte fahren. Dies ist neben dem finanziellen Aspekt auch schwierig, wenn man in einem schlechten Zustand ist. Wir haben sie zum Teil gefahren, um überhaupt eine medizinische Versorgung sicherzustellen. Dies hat sich jetzt etwas verbessert.
„Es geht um die Existenzsicherung“
Welche Hilfe brauchen Ihre Klienten jetzt vor allem?
Im Grunde geht es auch jetzt wieder und wie immer um Existenzsicherung: ein Zuhause, ausreichend Geld für die Grundbedürfnisse, eine sinnvolle Beschäftigung, soziale Kontakte. Durch Spenden können wir die Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten sicherstellen, und es wurde der Einkaufsdienst von Bayerischem Roten Kreuz, der Caritas und der Stadt auf die Beine gestellt. Der ist für unsere kranken Klienten eine große Hilfe. Ansonsten halten wir telefonisch Kontakt zu unseren Klienten, um die persönlichen Gespräche ein Stück zu ersetzen.
Ist Corona überhaupt ein Thema, das Ihre Klienten umtreibt?
Natürlich beschäftigt Corona diesen Personenkreis und trifft sie härter als Menschen mit Haus, Garten, einer Gefriertruhe und finanziellen Rücklagen. Viele haben Angst, verdrängen es, so gut es geht. Dadurch steigen leider auch die Probleme mit Alkoholkonsum. Psychische Probleme werden verstärkt. Vereinsamung nimmt zu. Oder es kommt eben auch zu Ordnungswidrigkeiten mit Blick auf die Ausgangsbeschränkungen, weil sie sich trotzdem treffen. Eine Rückzugsmöglichkeit gerade bei Personen in Gemeinschaftsunterkünften wie dem Haus Jakobus wäre von Vorteil. Neben der Eindämmung der Ansteckung im Krankheitsfall könnten die Bewohner sich zurückziehen, Schlaf finden oder persönliche Telefongespräche führen. Dafür ist aber leider nicht genügend Platz vorhanden.
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