50. Jahrestag der Grundsteinlegung in Penzberg

Als Roche noch von „Penzburg“ sprach - Historiker erzählt Anekdoten und spricht über brisante Zeiten

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Kurios mutet es an, wie vor einigen Jahrzehnten noch für Arzneimittel geworben wurde – das Boehringer-Beispiel zeigte Historiker Paul Erker bei seinem Vortrag unter der Rubrik „Kurioses“. Heute wäre so eine Werbung verboten.
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Vor 50 Jahren wurde in Penzberg der Grundstein für das Boehringer- und heutige Roche-Werk gelegt. Der Historiker Paul Erker, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, hat über die fünf Jahrzehnte ein Buch geschrieben. Einige Schlaglichter und Anekdoten präsentierte er am Mittwoch. Und einen Appell: das alte Pförtnerhaus zu erhalten.

Penzberg – 213 Seiten umfasst das Buch, das der Münchner Unternehmenhistoriker Paul Erker in einjähriger Recherche im Roche-Auftrag geschrieben hat. Es erzählt von den Anfängen im Tutzinger Werk bis zum heutigen Biotechnologiezentrum mit rund 7200 Mitarbeitern. Am Mittwoch, dem 50. Jahrestag der Grundsteinlegung, präsentierte er vor über 300 Mitarbeitern Ausschnitte. Darunter war auch Kurioses. Zum Beispiel, dass Boehringer Mannheim in den 1960er Jahren Tutzing als „idyllisches Dorf“ beschrieb, das „von Fischfang und Fremdenverkehr lebt“. Oder dass Roche in den 1990er Jahren in einer internationalen Präsentation von „Penzburg“ sprach.

„Vermannheimerung“ und „Horror Penzbergis“

Penzberg sei zunächst ein Zweigwerk des Tutzinger Boehringer-Standorts gewesen, das sich auf die Produktion konzentrierte, sagte Erker. Damals habe es auch Spannungen zwischen Penzberg, Tutzing und Mannheim gegeben. Worte wie „Vermannheimerung“ wegen der Vorgaben aus der Konzernzentrale und „Horror Penzbergis“ sind überliefert. Problematisch sei ebenso das Verhältnis zwischen Tutzing und Penzberg gewesen, Die Penzberger waren aus Tutzinger Sicht hemdsärmelige Produzenten, protzten aber mit immer neuen Gebäuden.

1989 kam McKinsey nach Penzberg - geharnischter Brief nach Mannheim

Der Historiker berichtete auch davon, dass 1989 Unternehmensberater von McKinsey nach Penzberg kamen, um Organisation und Produktion zu verbessern. „Das war große Mode“, so Erker. Was aber dazu führte, dass Werkleiter Gotthilf Näher einen geharnischten Brief nach Mannheim schrieb. Ihm gelang es damals, den McKinsey-Auftrag in eine Strategiestudie über die Wachstumsfolgen umzuändern. Im Werk selbst reagierte man laut Erker mit Witz, indem man den in der Branche üblichen Abkürzungswahn auf die Spitze trieb: „PROBE“ bedeutete zum Beispiel „Penzberger Reorganisation opfert Biotechnologie endgültig“.

Brisante Situation während der Gentechnik-Debatte

In den 1990er Jahren setzte die Gentechnik-Debatte dem Werk zu. Die Situation sei brisant gewesen, so Erker. Werkleiter Näher habe das Werk gefährdet gesehen, zumal andere Unternehmen ihre Standorte ins Ausland verlegten. Die Landtags-Grünen forderten die Schließung. Eine Anekdote dazu: Ein Regisseur wollte im Werk für die Verfilmung des Anti-Gentechnik-Romans „Mit den Clowns kamen die Tränen“ von Johannes Mario Simmel drehen – Näher lehnte ab.

Roche holt sich mit Penzberger Werk „ein Juwel“

Als Glücksfall für Penzberg bezeichnete der Historiker die Übernahme durch Roche. Bei Boehringer, das sich als Familienunternehmen bezeichnete, habe es eine knallharte Geschäftspolitik, Machtkämpfe und Bürokratismus gegeben. Und für Roche sei Penzberg „ein Juwel“ gewesen, mit dem der Konzern strategisch in die Offensive kam. Erker präsentierte dazu ein Zitat von Konzernchef Franz B. Humer aus dem Jahr 2007: Gebe es in den USA schwerwiegende Probleme mit der Produktion, schicke man Leute aus Penzberg.

Aus Bergwerkszeiten steht im Werk noch das alte Pförtnerhaus des Bergwerks. Historiker Erker appellierte, es zu erhalten und für eine Dauerausstellung zu nutzen.

Das Verhältnis zwischen Stadt Penzberg und Werk beschrieb Erker als komplex. Aus Bergwerkszeiten lebe die Angst vor einer Monokultur fort. Auch die Kritik an Problemen mit dem Wohnungsmarkt – durch das Wachstum des Unternehmens – habe es schon in den 1990er Jahren gegeben. Apropos Bergwerk: Erker verband seinen Vortrag auch mit einem Appell: „Erhaltet das Pförtnerhäuschen als letztes Bindeglied zum Bergwerk.“ In dem Pförtnerhaus des einstigen Bergwerks, das auf dem Werkgelände steht, sollte, so sein Vorschlag, eine Dauerausstellung zur Standortgeschichte gezeigt werden.

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