Buch über Sicherheitskultur

Penzberger Atomexperte hat lange in Saporischschja gearbeitet - was er zu Sicherheit und Atomausstieg sagt

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Ein Stromerzeugungsblock im Kernkraftwerk Saporischschja in der Stadt Enerhodar im Süden der Ukraine. Das Foto entstand im Juni 2008. Seit dem Krieg in der Ukraine machen sich auch in Deutschland viele Menschen Sorgen.
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Viele Jahre war Volker Hoensch ein gefragter Experte, wenn es um die Sicherheit von Atomkraftwerken ging. Unter anderem arbeitete der Penzberger im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja. Im Gespräch mit der Heimatzeitung bewertet er die Lage vor Ort und erklärt, warum er den Atomausstieg Deutschlands für falsch hält.

Penzberg – Der 26. April 1986 hat das berufliche Leben von Volker Hoensch verändert. Dass es an diesem Tag zu einer Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl kommen würde, „das hatte ich nicht für möglich gehalten“, räumt der heute 80-Jährige rückblickend ein. Als promovierter Maschinenbau-Ingenieur, der damals im Atomkraftwerk Neckarwestheim arbeitete, machte ihm dieser Unfall aber klar: „Wir müssen unsere Strategie im Bereich Atomenergie mehr auf Sicherheit ausrichten.“

Volker Hoensch arbeitete mehrere Jahre für das Atomkraftwerk Saporischschja

Als Experte für Kernenergetik ging Hoensch als Berater der europäischen Union nach Brüssel. Seine Aufgabe: die ehemaligen Sowjetländer nach dem Zerfall der UdSSR im Umgang mit den dortigen Atomkraftwerken zu schulen. Von 1990 bis 2004 lebte Hoensch dann als Projektmanager für das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine. Während dieser Zeit habe er den Eindruck gewonnen, dass weder die russische noch die ukrainische Bevölkerung Vertrauen habe in die Atomenergie – und daran habe sich bis heute nichts geändert.

Volker Hoensch hat unter anderem viele Jahre in Saporischschja gearbeitet. Gerade hat er ein Buch veröffentlicht, das sich mit der Sicherheit in Atomkraftwerken befasst.

Heute liegt das größte Atomkraftwerk Europas in einem Kriegsgebiet. Mehrfach wurde es in den vergangenen Monaten beschossen. Aktuell wird das Kraftwerk von Russland kontrolliert, und viele Menschen haben Angst, es könnte zu einem Atomunfall kommen. Hoensch bewertet die Lage vor Ort zwar als „kritisch“, denn die Front verlaufe in unmittelbarer Nähe. Absichtlich würden die russischen Streitkräfte die Anlage aber nicht zerstören, sagt er. „Das machen die Russen nie“, ist er sich sicher. „Sie würden das so sehen, als würden sie ihr Vaterland zerstören. Die Russen sind mit ihrem Land sehr verbunden.“ Das schließe auch das Gebiet der heutigen Ukraine mit ein.

Lage nicht ungefährlich: „Achillesferse“ sind die Container mit alten Brennstäben

Bei der Besetzung der Anlage gehe es den russischen Streitkräften vielmehr darum, das landwirtschaftliche Areal rund um das Kraftwerk zu beherrschen, das für die Versorgung der Region immens wichtig sei. Dabei gehe es hier nicht so sehr um die Lebensmittelsicherheit als um ein altes Trauma der Ukrainer: den sogenannten Holodomor. Der Begriff bedeutet übersetzt etwa „Tötung durch Hunger“ und steht für eine von Stalin herbeigeführten Hungersnot in den 1930er Jahren im Bereich der heutigen Ukraine, der schätzungsweise drei bis sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen. Dieses „Gespenst“ des Holodomor sei im kollektiven Gedächtnis der Ukrainer noch stark präsent, erläutert Hoensch.

Ungefährlich sei die Lage am Kraftwerk selbst aber nicht, so der Penzberger, der von 2008 bis 2014 im Stadtrat saß, einige Monate für die BfP, dann fraktionslos. Die „Achillesferse“ der Anlage seien die Container, in denen die alten Brennstäbe gelagert würden. Sie dürften keinesfalls beschädigt werden, weshalb Hoensch eine Sicherheitszone, wie die Internationale Atomenergiebehörde sie seit Längerem fordert, für sehr „sinnvoll“ hält.

Besuch in Tschernobyl: „Das ging mir unter die Haut“

Was das Kraftwerk in Tschernobyl angeht, sagt der 80-Jährige, sei er Anfang der 1990er Jahre einmal vor Ort gewesen. Viele der Bewohner seien damals trotz der radioaktiven Strahlung geblieben. Dass er ihnen nicht habe helfen könne, das sei ihm „unter die Haut gegangen“. Niemals hätte dieses Kraftwerk in Betrieb gehen dürfen, so Hoensch, da Sicherheitsprüfungen gefehlt hätten. Auch die Anlage in Fukushima nicht. Man habe gewusst, dass die Region tsunami-gefährdet sei. „Der Mensch stellt sich mit seinem Denken über die Naturgesetze. Das ist völlig falsch“, kritisiert Hoensch.

Störfälle wegen falschen Entscheidungen und Irrglauben

Die Störfälle in diesen Kraftwerken seien alle auf falsche menschliche Entscheidungen zurückzuführen und auf den Irrglauben, sich über die Natur hinwegsetzen zu können, sagt Hoensch, der zu diesem Thema gerade sein drittes Sachbuch veröffentlicht hat. Darin wolle er die Leser dafür sensibilisieren, sich nicht wie die Herrscher der Welt aufzuführen. „Man muss Respekt vor der Natur haben. Sie ist unerbittlich. Sie ist es, die uns die Vorgaben macht.“ Hoenschs Ansicht: Atomenergie ja, aber nur dort, wo es die geologische, politische und soziale Struktur eines Landes zulässt.

Hoensch kritisiert Abschalten der Atommeiler in Deutschland

Das für den 15. April geplante Abschalten der restlichen Atommeiler in Deutschland hält er deshalb für falsch. „Ich persönlich habe kein Verständnis dafür, stattdessen die Kohle- und Gaskraftwerke hoch zu fahren“. Wegen des Klimaschutzes, aber auch, weil er eine „Preisexplosion“ beim Strom befürchtet und Risiken für den Wirtschaftsstandort Deutschland sieht, der sich durch seinen europäischen Alleingang immer mehr isoliere. Kernkraftwerke sollten laut Hoensch in Deutschland zumindest so lange am Netz bleiben, bis es eine angemessene Speichertechnologie für Solarenergie und Co. gebe.

Das Buch „Entscheidungen unter Entropie – Sicherheitskultur in High Risk-Unternehmen“ von Volker Hoensch ist im Pabst-Verlag erschienen und kostet 35 Euro.

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