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An einem Küchentisch in Penzberg legten Yannick Timo Böge und seine Kollegen den Grundstein für ihr Start-up-Unternehmen. Sie haben eine Lösung gefunden, dass Blutproben digital überwacht vom Arzt ins Labor kommen. Die Europäische Union unterstützt ihre Idee mit fast vier Millionen Euro. Jetzt wollen die Jungunternehmer den Markt aufrollen.
Penzberg – Es klingt wie ein Klischee aus der Start-up-Szene. An einem Küchentisch in Penzberg, zu Hause bei Yannick Timo Böge, befassten sich vier Jungunternehmer mit der Frage, wie sich die Lieferketten für Blutproben digital überwachen lassen. An der Wand hingen vollgeschriebene Blätter; auf dem Tisch der Laptop, über den sie mit einem spanischen Informatikprofessor sprachen; der erste Prototyp entstand aus Legosteinen. Im eigenen Kühlschrank testeten sie die Röhrchen. Und wenn sie unterwegs waren, übernachteten sie in Jugendherbergen.
Die vier Jungunternehmer gründeten „S4DX“
Yannick Timo Böge erinnert sich mit einem Schmunzeln an die vier Monate im Jahr 2018, die den Grundstein für das Unternehmen „Smart 4 Diagnostics“ legten, kurz „S4DX“. Der 36-jährige Familienvater ist Molekularbiologie. Seit vier Jahren lebt er in Penzberg. Die anderen drei Jungunternehmer sind die Informatikerin Julia Flötotto (42) aus Berlin, Betriebswirt Hans Maria Heyn (38) aus Reichersbeuern und der Arzt Malte Dancker (30), der früher am Unfallkrankenhaus Murnau arbeitete und jetzt in Augsburg tätig ist. Alle vier sind promoviert, tragen also einen Doktortitel.
Der Transport von Blutproben ins Labor wird bisher nicht überwacht
Das Problem, für das die Vier eine Lösung am Küchentisch suchten: Wenn Blutproben vom Arzt ins Labor geschickt werden, muss während der gesamten Lieferzeit die richtige Temperatur herrschen. Sie dürfen nicht zu warm werden, sonst sind sie unbrauchbar. „Jedes Schnitzel in der Tiefkühltruhe wird besser überwacht“, sagt Böge. Eine Überwachung während Blutproben-Lieferung fehlt dagegen. Das Labor weiß nicht, in welchem Zustand die Blutprobe bei ihm ankommt.
Allein in Deutschland werden im Jahr 690 Millionen Blutproben verschickt
Es werden viele Blutproben verschickt. In Deutschland sind es laut Böge allein 690 Millionen im Jahr, in Europa 4,2 Milliarden. Es gibt Studien, dass bis zu zwölf Prozent fehlerhaft sind. Und drei Viertel der Fehler entstünden durch falsche Temperatur bei Lagerung und Transport, Zeitverlust und dem Vertauschen von Röhrchen oder Barcode. Für ein Labor, in dem bis zu 50 000 Proben am Tag eintreffen, ist es ein Zeit- und Kostenfaktor, wenn erst bei der Analyse der Fehler bemerkt wird.
„Erstmals über das Problem gestolpert“ sind Yannick Timo Böge und Hans Maria Heyn, als sich noch in Habach beim Unternehmen „Triga-S“ arbeiteten, das in der Gesundheitsbranche tätig ist und die Start-up-Gründer später unterstützte. Damals habe er die Erfahrung gemacht, so Timo Böge, dass Blutproben, die quer durch Deutschland verschickt wurden, verloren gingen oder zu spät und aufgetaut ankamen. Auf der Suche nach einer Lösung war auf dem Markt jedoch nichts zu finden, „was vom Arbeitsaufwand und von der Zeit her“ sinnvoll ist.
Start-up-Gründer fanden Lösung, Lieferkette digital zu kontrollieren
Eine Lösung, bei der die gesamte Lieferkette digital kontrolliert wird, haben die vier Start-up-Unternehmer entwickelt. Die Krankenschwester legt die Blutproben-Röhrchen in eine kleine Box, in der ein Barcode ausgelesen wird und die anzeigt, ob alles in Ordnung ist. „Ein Kontrollsystem, das die Schwester unterstützt“, so Böge. Die Box ist zugleich per Internet mit dem Labor verbunden. „Beide Seiten wissen, was losgeschickt wird und was ankommt.“ Für den Transport haben die Start-Up-Unternehmer ein Blutprobenröhrchen entwickelt, in dem Elektronik verbaut ist und die Temperatur aufzeichnet. Im Labor werden die Zeit und Temperatur der Lieferung per Bluetooth auf den Computer gespielt. Wird angezeigt, dass irgendwann auf dem Lieferweg die Temperatur zu niedrig war, kann das Labor die Blutprobe gleich beseitigen.
Über 450 Gespräche habe man mit Ärzten, medizinisch-technischen Angestellten und Logistikern auf dem Weg zu dem Produkt geführt, erzählt Böge. Sie machten Versuche und nahmen Kontakt zum Penzberger Roche-Werk auf, das durch Erfahrung und Wissen half.
Europäische Union unterstützt Idee mit fast vier Millionen Euro
Ganz am Anfang stand zudem ein Erfolg, der den Vier ungeahnte Möglichkeiten eröffnete. Sie gewannen im Sommer 2018 mit ihrer Idee einen Preis der Europäischen Union als bestes europäisches I-Health-Start-up. Damit verbunden waren zwei Millionen Euro Förderung über zwei Jahre für die Entwicklung der Software, Geräte und Röhrchen. Anfang März folgte nun der zweite „Ritterschlag“: Die EU schießt weitere 1,5 Millionen Euro zu, um den Jungunternehmern beim Marktzugang unter die Arme zu greifen. Europaweit hatten sich um diese Förderung für mittelständische Unternehmen rund 1800 Firmen beworben. 120 wurden genommen. „S4DX“ landete auf Platz 3.
Mittlerweile hat das Start-up elf Mitarbeiter, darunter sechs junge Informatiker der Technischen Universität. Und richtige Firmenräume. Nach drei Umzügen ist der Sitz seit diesem Januar in München-Obersendling. Das Nahziel ist, zunächst kleinere Labore als Kunden zu gewinnen, so Böge. Und das Fernziel? Das wäre, sagt er, 2021 oder 2022 große internationale Labors zu bekommen.
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