„Über Kirche schimpfen kann jeder; ich will, dass man sich einbringt“: Pfarrer Rainer Maria Schießler in Oberammergau

+
Pfarrer Rainer Maria Schießler und das Quartett Vollholz unterhielten das Publikum im Ammergauer Haus bestens.

Pfarrer Rainer Maria Schießler, der unkonventionelle Pfarrer aus München, lud zur Brotzeit ins Ammergauer Haus. Es wurde ein Abend mit Humor und viel Musik.

Etwas ungewöhnlich war die Situation schon: zahlreiche Besucher kamen am Sonntagabend ins Ammergauer Haus, um dem Pfarrer zuzuhören. Das könnten sie sonst in der Kirche tun. Aber die „Brotzeit“ war dann doch etwas anderes als ein Gottesdienst ohne Liturgie. Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München kam nach Oberammergau, um von seinen Erfahrungen mit und in der Kirche zu berichten. Und das war ein Thema, das, wie der rege Andrang zeigte, die Menschen interessiert. Viele kommt die Person Schießlers in den Sinn, wenn es darum geht, Kirche etwas „anders“ und vor allem positiv zu denken.

Monika Pflüger, die diesen Auftritt des bekannten Münchener Pfarrers organisiert und „erkämpft“ hatte, gab sich alle Mühe, eine perfekte und freundliche Gastgeberin zu sein. Ihre Gagen spendeten Pfarrer Schießler und die Musiker, die ihn begleiteten – das Vollholz-Quartett – zu Gunsten des Kinderhospizes in Polling.

Der eloquente und lebensfrohe Gottesmann plauderte ganz schön aus dem Nähkästchen. Schießler berichtete von eigenen Erfahrungen, von denen er viele als Kaplan in Bad Kohlgrub machen durfte. Er erinnerte sich an seine Zeit und an seine Freundschaft mit dem 2014 verstorbenen, ehemaligen Miesbacher Stadtpfarrer Axel Meulemann und beschrieb, wie ein guter, moderner Seelsorger sein könnte, wie Kirche sein kann, nämlich offen und zugewandt. Ohne Ressentiments und Zurückweisung und ohne darauf zu schauen, ob ein Mensch das richtige Parteibuch beziehungsweise den richtigen Taufschein vorweisen kann. Damit sprach er vielen Besuchern ins und aus dem Herzen. „Kirche ist Heimat“, machte der Münchner deutlich und er demonstrierte auch, was er damit meint. Er wundere sich, warum Kirche häufig als negativ wahrgenommen wird. Man müsse sich nur einmal die Gotteshäuser in Bayern anschauen: Kirche ist eine spirituelle Gemeinschaft, „mit Sinn für das Schöne im Leben und für das Feiern“.

Auf die Kirche schimpfen, das kann jeder. Ich möchte, dass man sich einbringt

Pfarrer Rainer Maria Schießler

Und so kam Schießler zu seinem wichtigen Appell: „Auf die Kirche schimpfen, das kann jeder. Ich möchte, dass man sich einbringt.“ Denn die Kirche sei nicht die Amtskirche, sondern eine Gemeinschaft, bei der es auf jeden Einzelnen ankommt. Sie ändert sich nicht dadurch, dass man nicht mehr mitmacht. Und dass sich Kirche verändert, ist für Pfarrer Schießler eine Selbstverständlichkeit: „Kirche war für mich immer in Prozess gewesen.“ Den Zölibat und andere Dinge, die manchen stören, kann freilich auch der unkonventionelle Pfarrer aus der Landeshauptstadt nicht abschaffen. Aber er kann die Frage stellen, was wichtiger ist, Seelsorge und Eucharistie oder Zölibat.

Den humorvollen Auftritt, der beim Publikum bestens ankam, ergänzten eine Geschichte vom Heiligen Sturmius, ein Gedicht von Kurt Tucholsky sowie ein Text von Hans Dieter Hüsch. Einige Besucher freuten sich besonders darüber, dass Schießler die Menschen, die er in seiner Zeit in Bad Kohlgrub kennengelernt hatte, nicht vergessen hat.

Das Vollholz-Quartett, Monika Langeder, Karin Wild, Theresa und Hubert Schwingshandl, das ebenfalls auf der Bühne stand, begleitete den Auftritt. Die Vier boten tolle Musik. Unter anderem Stücke, die den Weg aus der populären Musik in den liturgischen Rahmen gefunden haben. Leonard Cohens weltliches Halleluja oder den Song „I will follow him“, den nicht nur Little Peggy March einst sang, sondern der auch an die Komödie „Sister Act“ erinnerte. Aber es wurde auch klassisch: Aus Anlass des 200. Geburtstags von Anton Bruckner wurde dessen Werk „Locus iste“ gespielt.

Heribert Riesenhuber

Kommentare