Verbot wäre Katastrophe für die Bauern im Landkreis

Plädoyer für Sommerweidehaltung: „Ich kämpfe nur für meine Heimat“

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Glückliche Kühe vor traumhafter Bergkulisse: Auf den Almen und Weiden, wie hier der Horn-Abfahrt verbringen die Kühe mehr als ein halbes Jahr.
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Ein eindringliches Plädoyer für ihre Heimat hat Tessy Lödermann verfasst. Auf 31 Seiten verdeutlicht die Tierschützerin den Sinn und die Vorteile der Sommerweidehaltung im Landkreis. Diese findet bei den Plänen der rot-gelb-grünen Regierung, die die Anbindehaltung abschaffen will, bislang keine Beachtung.

Garmisch-Partenkirchen – Sie sind gesund, vital und auch stolz. Tessy Lödermann gerät ins Schwärmen, wenn sie von den Kühen in ihrer Werdenfelser Heimat spricht. Tieren, die in der Regel mindestens sechs Monate auf einer Alm oder den Wiesen im Tal verbringen. Die sich von gesunden Gräsern und Kräutern ernähren, frei bewegen können. „Die auch alt werden dürfen“, betont die Vorsitzende des Tierschutzvereins im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, die zudem Vizepräsidentin der bayerischen Tierschützer ist. 10 bis 15 Jahre werden sie im Schnitt. Vor diesem Hintergrund stellt sie sich ganz entschieden gegen die Pläne der rot-gelb-grünen Bundesregierung, die im Koalitionsvertrag das Ende der Anbindehaltung ankündigt. Der Garmisch-Partenkirchnerin stößt dabei sauer auf, dass das Ganze nicht differenziert betrachtet wird.

Wie überall im Leben gibt es eben auch bei diesem Thema nicht nur Schwarz und Weiß. Außer den Betrieben, die auf ganzjährige Anbindehaltung setzen, bei denen die Kühe also ständig im Stall festgebunden sind und sich entsprechend wenig bewegen können, existieren nicht nur die hochgelobten Laufställe. Daneben betreiben Landwirte die so genannte Kombihaltung, bei der das Vieh mindestens 120 Tage pro Jahr wenigstens zwei Stunden täglich Auslauf haben soll. Oder die Sommerweidehaltung. „Die betreiben wir hier im Landkreis“, sagt Lödermann. Und daran will sie festhalten.

Heft geht an die zuständigen Ministerien und Abgeordnete

Würde diese verboten, „wäre das eine Katastrophe für unsere kleinbäuerlichen Strukturen“, sagt auch Landrat Anton Speer (Freie Wähler). Und Klaus Solleder, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, stellte bereits mehrfach klar: „Ein generelles, ganzjähriges Verbot würde das Ende für viele kleine Betriebe bedeuten.“

Um die Hintergründe und vor allem die Vorteile darzulegen, hat Lödermann auf 31 Seiten eindrucksvoll festgehalten, warum sie ganz klar Ja zur Abschaffung der Anbindehaltung, aber auch deutlich Nein zum Verbot der Kombinations-/Sommerweidehaltung sagt. Das Heft mit einer Auflage von circa 400 Stück ist schon in Druck gegangen. Auf ihre Kosten. „Ich schicke es dann an die zuständigen Ministerien in Berlin, die Mitglieder des Landwirtschaftsausschusses und die Ministerien in Bayern.“ Rückhalt geben ihr der Landesbund für Vogelschutz, die Imker, alle Bürgermeister im Landkreis und die überwiegende Mehrheit des Kreistags. „Ein Plädoyer, das von denen allen mitgetragen wird, muss doch Beachtung finden“, hofft die Dritte Landrätin (Bündnis 90/Die Grünen). Was dazu kommt: Sie ist keine Interessensvertretern. „Ich kämpfe nur für meine Heimat.“

Kleine landwirtschaftliche Bertriebe mit 16,7 Kühen im Schnitt

Wie sehr ihr daran liegt, beweist die frühere Landtagsabgeordnete der Grünen seit Jahrzehnten. „Ich kann Dinge nicht hinnehmen, bei denen ich weiß, dass sie falsch sind und auf Unkenntnis beruhen.“ Deshalb will sie das hiesige System, das ihr zufolge ineinander verwoben ist, „in die Köpfe von Politikern und anderen Verbänden bringen“. Dass sie sich mit ihrem Vorstoß gegen ihren eigenen Verband stellt, ist ihr bewusst. Das nimmt sie in Kauf. Aus tiefer Überzeugung.

Das Jungvieh verbringt die Sommermonate auf einer der 47 Almen im Landkreis. Die Milchkühe werden derweil auf die Wiesen im Tal getrieben – manche nur tagsüber, andere auch über Nacht. Gemolken werden sie dann mithilfe mobiler Melkstände. Im Schnitt haben die Landwirte vor Ort 16,7 Rinder. „Das sind kleine Betriebe“, betont Lödermann. Von den 436 Bauern im Landkreis haben 251 bis 14 Kühe, 105 immerhin 15 bis 29. „Traditionell sind das alte Mittertennhöfe in den historischen Ortskernen.“ Aus Denkmalschutz- und Platzgründen sei ein Umbau oft nicht möglich. Die Tiere halten die Bauern in der Regel wie Familienmitglieder. Diesen Betrieben sei es zu verdanken, dass das Murnau-Werdenfelser Rind und andere alte Rassen überlebt haben.

Kurze Wege durch kommunalen Schlachthof

„Wir haben ein Kreislaufsystem.“ Die Tiere auf der Weide erleben die sozialen Strukturen in einer Herde, bekommen sämtliche Wetterreize mit und können ein „unglaubliches Futterangebot“ genießen. „Die brauchen nicht das ganze Jahr die Einheitspampe aus dem Silo fressen“, betont die Tierschützerin. Dadurch, dass die Tiere ausgetrieben werden, bleibe den Landwirten Zeit zur Heugewinnung. Mit der Folge, dass sie ihren Vierbeinern auch im Winter hochwertige Nahrung bieten können. Dazu kommt, dass sich über 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe an Vertragsnaturschutzprogrammen beteiligen. „Das ist einmalig, damit sind wir bundesweit Spitze.“ Ein weiterer Baustein, den Lödermann ins Feld führt, ist der Schlachthof in Garmisch-Partenkirchen. „Der einzige kommunale in ganz Bayern“, sagt sie. Kurze Wege, kein Verkehr und keine Akkordschlachtungen seien der Vorteil – und fördern die Direktvermarktung.

„All das hängt an unseren kleinen bäuerlichen Betrieben und ist ineinander verwoben.“ Darauf will die Tierschützerin aufmerksam machen. „Die große Politik kann doch nicht dafür sorgen, dass nur noch große Betriebe überleben.“ Mit der aus Lödermanns Sicht verheerenden Folge, dass auch ihre Heimat geopfert wird. Dagegen stellt sie sich mit ganzer Kraft.

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