VonSebastian Schuchschließen
Günther Bonin (63) vom Garchinger Gründerzentrum hat ein Ziel: die Weltmeere von Plastik zu befreien. Dafür hat er vor acht Jahren den Verein „One Earth – One Ocean“ gegründet.
Garching – In Günther Bonins Büro im Garchinger Gründerzentrum „Gate“ hängt eine Weltkarte, wie man sie in jedem Atlas findet: mit den verschiedenen Kontinenten, Ländern und Weltmeeren. Doch etwas ist anders. Auf der Karte finden sich drei große rote Kreise: südöstlich von Madagaskar, an der Ostküste der USA und im Südpazifik. Die drei Kreise markieren nicht etwa Bonins Lieblingsurlaubsinseln, sondern die drei größten Plastikansammlungen in den Weltmeeren. Und für den 63-Jährigen sind die sogenannten Plastikinseln deutlich wichtiger, als das nächste Urlaubsziel.
Die Vision: 99 See-Elefanten und 500 Seekühe
Günther Bonin hat 30 Jahre lang in der IT gearbeitet. 2008 auf einer Segeltour fasste er den Entschluss, dem Plastik in den Weltmeeren Herr zu werden. Keine leichte Aufgabe, bei rund sechs bis 20 Millionen Tonnen, – die Schätzungen gehen weit auseinander – die jedes Jahr neu dazu kommen. Aber Günther Bonin hat eine Vision, wie das gelingen kann: „99 See-Elefanten mit einem Verbund von jeweils 500 Seekühen.“ See-Elefanten und Seekühe sind dabei keine Meeres-Säugetiere, sondern umgerüstete Schiffe. Die Seekühe sammeln das Plastik in den Meeren und bringen es zu einem See-Elefanten, der den Müll sortiert, presst und aufbereitet.
Die Seekuh sammelt bis zu 200 Kilo Plastikmüll an einem Tag
Und ein Teil von Bonins Vision ist auch schon Wirklichkeit geworden. Seit 2016 fährt die erste Seekuh über die Meere und sammelt Plastik – bis zu 200 Kilo am Tag. Bei bis zu 20 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr ist das zwar eher ein Tropfen auf den heißen Stein, aber: „Sie ist auch dafür da, zu zeigen, dass es technisch möglich
ist“, sagt Günther Bonin. Das hat sie seit ihrer Taufe vor allem in Asien, beispielsweise vor Hongkong. Alleine dort gibt es täglich 7000 Tonnen Müll, 4000 davon Plastik, schätzt Bonin. Und ein Teil davon landet im Wasser und schlussendlich im Meer. Und dann fischt die Seekuh einen Teil wieder raus. Mit einer kleinen Flotte an Seekühen könnte man dort schon etwas bewegen.
Der Müll soll gar nicht erst in die Meere gelangen
Wobei der 63-Jährige, der 2010 den gemeinnützigen Verein „One Earth, One Ocean“ – Eine Welt, ein Ozean – gegründet hat, nicht nur am Ende der Kette gegen die Verschmutzung vorgehen will, sondern schon vorher eingreifen möchte. Dass der Müll gar nicht erst in die Meere gelangt. Deshalb bezahlt „One Earth, One Ocean“
beispielsweise in Kambodscha Menschen dafür, dass sie Müll an den Gewässern sammeln und entsprechend entsorgen. „Wir bezahlen sie, egal wie viel sie rausholen. Uns geht es nicht um die Menge, sondern dass das Zeug da raus kommt.“
Und diese Arbeit hat mehrere positive Effekte: Zum einen machen die Menschen ihre Heimat sauber. Zum anderen zahlt „One Earth, One Ocean“ laut Bonin besser als einheimische Unternehmen. Dadurch kommen die Arbeiter zu einem gewissen Wohlstand, dieser wiederum eröffnet die Chance auf eine höhere Bildung – und schlussendlich ein höheres Bewusstsein für die Umwelt.
„Wir sind alle Teil des Problems und müssen Teil der Lösung sein“
Dass Klimaschutz oder Müll in den Meeren in vielen Ländern der Welt relativ weit unten auf der Agenda ist, ist Günther Boninn bewusst. „Die kämpfen jeden Tag ums Überleben, da kämpfen sie nicht für Umweltschutz.“ Deshalb sieht er vor allem die großen Industrieländer in der Pflicht, sich dafür einzusetzen – und die Industrie. „Es geht nicht darum, wer ist schuld, Konsument oder Hersteller. Wir sind alle Teil des Problems und müssen Teil der Lösung sein“, sagt er. Daimler und die Telekom hätten das bereits erkannt und unterstützten den Verein schon länger. Oder die Röchling-Stiftung. „Sie kommen aus der Kunststoffindustrie, sagen, sie sind Teil des Problems und haben uns deshalb die erste Seekuh finanziert“, erklärt Bonin. Das waren immerhin 650 000 Euro.
Aus sortenreinem Plastik könnte man schwefelfreies Schweröl herstellen
Und ganz nebenbei könnten Firmen mit dem gesammelten Plastik auch richtig Geld machen. „Das ist ein Milliarden-, vielleicht sogar Billionen-Geschäft“, ist Bonin überzeugt. Denn: „Sagen wir, für eine Tonne gemischtes Plastik bekommt man 100 Dollar, dann bekommt man für eine Tonne sortiertes Plastik vielleicht 1000 Dollar.“ Und das sei noch nicht alles. Aus sortenreinem Plastik könnte man laut Bonin auch schwefelfreies Schweröl herstellen, aus einer Tonne etwa 800 Liter. „Damit könnten Schiffe fahren – und zwar nachhaltig“, sagt er. Demnach sei seine Idee äußerst lukrativ.
Wobei Bonin auch Realist ist. Schon heute wirklich nachhaltig arbeiten, das sei schwer. Ein zum See-Elefanten umgerüsteter, 100 bis 300 Meter langer Tanker müsse natürlich noch mit Schweröl betrieben werden. In der Zukunft sollen die Schiffe aber autark fahren können, mit Wind- und Solarenergie.
Der See-Elefant existiert bislang nur in der Theorie, doch schon 2021 oder 2022 will Bonin den ersten in Betrieb nehmen. Davor bekommt aber erst einmal die Seekuh Nachwuchs: mit der Seekuh 2. Diese Variante unterscheidet sich stark von der bereits existierenden. „Sie soll in Flüssen eingesetzt werden, sodass das Plastik gar nicht erst ins Meer kommt“, erklärt Bonin. Über eine Rampe schwimmt das Plastik auf die Ladefläche und kann dann sortiert werden. Vorläufiger Einsatzort: Südostasien.
Im Sommer 2022 gibt es eine Begegnung der besonderen Art - mit einem russischen Atom-U-Boot, das sich in der Ostsee tummelt.
Für Bundespreis nominiert
Der See-Elefant, das Müllverwertungsschiff der Umweltorganisation One Earth – OneOcean, dessen Konzeption und Machbarkeitsstudie im Mai 2019 fertiggestellt und von der gemeinnützigen Röchling Stiftung aus Mannheim finanziell unterstützt wurde, ist für den diesjährigen Bundespreis „ecodesign“ nominiert. Aus mehr als 300 Einreichungen wählte die Fachjury aus Design- und Umweltexperten in Berlin 31 Projekte aus, darunter auch die Machbarkeitsstudie und das Umsetzungskonzept zum Pilotsystem See-Elefant. Am 25. November wird Bundesumweltministerin Svenja Schulze dann die diesjährigen Gewinner im Rahmen einer festlichen Preisverleihung im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit in Berlin auszeichnen.
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