VonBernhard Jepsenschließen
Fast zwei Stunden wurde in der vorgezogenen Pollinger Bürgerversammlung über das Kunstprojekt „Stoa 169“ diskutiert – letztlich ohne Ergebnis.
Polling – Es ist eine verfahrene Situation: Die „Freunde der Natur“ kritisieren die Stoa respektive das hinter verschlossenen Türen abgewickelte Genehmigungsverfahren – und die Befürworter regen sich darüber auf, dass sich die „Freunde der Natur“ aufregen.
Auch in der Bürgerversammlung, die vergangenen Donnerstag vor knapp 300 Besuchern in der Tiefenbachhalle über die Bühne ging, kochten die Emotionen bisweilen hoch. Negatives Beispiel war die vorformulierte Wortmeldung von Walter Habermann, in der spöttisch um „geistige Erleuchtung“ für ein „Lehrerehepaar“ gebeten wurde. Das war auf Gisela und Klaus Seidler gemünzt, die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Bürgermeisterin Felicitas Betz eingereicht hatten.
Wirklich neue Erkenntnisse und Informationen brachte die Diskussion nicht – mit Ausnahme der Nachricht, dass Bernd Zimmer einen städtebaulichen Vertrag unterschreiben wird. Dazu wäre der Künstler eigentlich nicht mehr gezwungen, weil er die Baugenehmigung für sein Grundstück an der Ammer bereits in der Tasche hat. In dem Vertrag geht es um die Kostentragung für die Erschließung und Infrastruktur, um den naturschutzrechtlichen Ausgleich, um die Rechtsnachfolge für den Fall, dass es die Stoa-Stiftung irgendwann nicht mehr geben sollte (Betz: „Die Gemeinde wird die Stoa nicht übernehmen“) und um den Betrieb der Säulenhalle. Die im Handout zur Bürgerversammlung als „globales Kunstprojekt“ beschriebene Stoa soll nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein: „Lediglich für Behinderte wird es Ausnahmen geben“, erklärte Betz.
„Viel nachholen, was vorher schief gelaufen ist“
Ex-Gemeinderat Franz Vielhuber wunderte sich indes, warum der städtebauliche Vertrag erst jetzt formuliert wurde. In Bezug auf die Transparenz wäre es nun geboten, den Kontrakt vor der Unterzeichnung zu veröffentlichen: „Das würde viel nachholen, was vorher schief gelaufen ist“, so Vielhuber.
Zimmer wiederum skizzierte grob die Stoa-Pläne, etwa den Standort für die WC-Anlagen („Verborgen hinter den Büschen, man wird sie nicht sehen“) sowie Zeitplan und Logistik für die Bauarbeiten. Der Baustellenverkehr soll demnach komplett über die Staatsstraße Weilheim-Peißenberg abgewickelt werden. Laut Zimmer wird im Frühjahr 2020 zunächst ein Anfangsmodul mit 64 oder 81 Säulen entstehen, die Erweiterung folge nach und nach.
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„Stoa 169“ widerspreche der ökologischen Gewässerentwicklung an der Ammer
Derzeit läuft die Ausschreibung für die Bodenplatte, die noch im Herbst 2019 fundamentiert werden soll. „Sie werden die Arbeiten gar nicht richtig mitbekommen“, erklärte Zimmer: „Es wird eine wahnsinnig schöne Sache für Polling und eine Aufwertung für das Landschaftsschutzgebiet.“ Das wiederum sah die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt im Genehmigungsverfahren ganz anders. Gabriele Seidenschwarz („Freunde der Natur“) verlas Notizen, die sie bei der Einsichtnahme der fachlichen Stellungnahme gemacht hat. Demnach widerspreche die Stoa unter anderem der ökologischen Gewässerentwicklung an der Ammer und einer Reaktivierung des ehemaligen Auengebiets. „Die Untere Naturschutzbehörde hat das Projekt abgelehnt. Aber das wurde vom Baujuristen im Landratsamt mit einem Federstrich weggewischt“, so Seidenschwarz.
Das rief Andrea Jochner-Weiß auf den Plan. Die Landrätin sprach von einem „Abwägungsprozess“ innerhalb ihrer Behörde, in der die Stellungnahme des Fachbereichs „Naturschutz“ nur ein Baustein sei: „Man sollte jetzt die Energie aufwenden, gemeinsame Lösungen zu finden“, so Jochner-Weiß.
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Gegen Ende Schlagabtausch mit Bürgermeisterin Felicitas Betz
Doch dafür dürfte es vermutlich zu spät sein. Die Fakten sind mit der Baugenehmigung längst geschaffen, dessen ist man sich auch bei den „Freunden der Natur“ bewusst: „Wir haben uns drei Jahre zu spät als Interessensgemeinschaft formiert“, konstatierte Klaus Seidler. Sein Sohn Florian lieferte sich zum Ende der Diskussion einen Schlagabtausch mit der Bürgermeisterin, in dem er an ihr Verantwortungsbewusstsein appellierte. Betz habe seit Bekanntwerden des Stoa-Projekts in der Öffentlichkeit nichts zur Aufklärung beigetragen.
Die Rathauschefin konterte: Sie treffe nicht allein die Entscheidungen. Ihr Auftrag sei es, Beschlüsse des Gemeinderats umzusetzen. Über ein „privates Bauvorhaben“ dürfe sie nichts nach außen tragen. „Es tut mir leid, wie es gelaufen ist. Aber wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen“, so Betz – und: „Ich habe keinen Keil ins Dorf getrieben.“
jep

