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Das Rieder Kindertheater feiert heuer 40. Geburtstag. Gründerin und Regisseurin Aja von Lerchenhorst nahm seither hunderte Mädchen und Buben unter ihre Fittiche. Sie hat ihnen nicht nur Spaß am Lesen und an Büchern vermittelt, sondern auch Selbstbewusstsein mit auf den Lebensweg gegeben.
VON CHRISTIANE MÜHLBAUER
Ried – Ein altes Bauernhaus in Ried, ein Rosenbusch blüht neben der Tür. Daneben eine Hausbank. Aja von Lerchenhorst sitzt auf einem blau--weiß karierten Polster und trinkt ein Glas Wasser. Wie viele Kinder schon durch diese Tür gegangen sind, hinauf in die umgebaute Tenne, in der die Proben stattfinden? Die 70-Jährige lächelt. „Da fragen Sie mich jetzt was“, sagt sie. „Dreihundert? Vierhundert ? Ich muss mal überlegen, wie viele Kinder mich immer so grüßen...“
Gezählt hat sie sie nie, alle Kinder, die seit 1979 am Rieder Kindertheater mitgewirkt haben. Ganz zu schweigen von den dutzenden Helfern für Kulissenbau und Kostüme und für die zig anderen Dinge, die plötzlich erledigt werden mussten. Es ging immer alles gut, wie von Zauberhand. Der gemeinsame Nenner: das Theater. Im Mittelpunkt: die Kinder. Denn Aja von Lerchenhorst steht selbst nicht gerne im Mittelpunkt. Bei ihr laufen die Fäden zusammen, sie sorgt für Halt. Und sie ist dankbar dafür, dass alles so läuft, wie es läuft. Ganz unaufgeregt.
Es begann im Sommer 1979 mit einem Zettel am Spielplatz in Ried: „Wer möchte Theater spielen?“. 15 Kinder, alle aus Ried, meldeten sich rasch an und führten 1980 das allererste Stück auf: „Schule mit Clowns“ von Friedrich Karl Waechter.
Das Theater an sich hat Aja von Lerchenhorst schon immer interessiert. „Aber ich wollte nie Schauspielerin werden, weil mir diese Welt nicht zusagt.“ Sie studierte Lehramt für die Volksschule und nahm in diesen Jahren aus Interesse auch Schauspiel- und Gesangsunterricht.
Aja von Lerchenhorst wurde in München geboren, ihre Großeltern stammen aus Ried. Ihr Großvater Fritz Burger kannte noch Franz Marc und war mit ihm sogar an der Front im Ersten Weltkrieg. In Briefen nach Hause berichtete er immer wieder „vom Franz“. Zwei Wochen nach dessen Tod nahe Verdun fiel dort auch Fritz Burger.
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1974 zog Aja, mittlerweile mit Franz von Lerchenhorst verheiratet, nach Ried. Das Paar bekam drei Töchter. Nach der Geburt des ersten Kindes 1979 ließ sich Aja von Lerchenhorst vom Schuldienst beurlauben. Die Zeit des Theaters begann. Und wurde ihre Lebensaufgabe. „Ich habe einfach gemerkt, das ist genau das, was ich machen will.“
Wer in der Truppe mitspielen will, muss sich für ein Jahr verpflichten. Manche Kinder sind drei, vier Jahre dabei. Genommen werden Schüler zwischen 10 und 15 Jahren. „Mitmachen darf jeder“, sagt von Lerchenhorst. Die Kinder sollen sich im Sommer melden. Gemeinsam mit den Schülern wird entschieden, welches Stück gespielt wird. Das dauert bis in den Winter. Die Pädagogin schaut, welche Rolle zu wem passt. „Wichtig ist, dass jedes Kind zufrieden ist.“
Nach den Weihnachtsferien beginnt die Probenarbeit für die Aufführungen im Sommer. Heuer studiert Aja von Lerchenhorst mit sieben Kindern „Die kleine Hexe“ ein. Geprobt wird jeden Donnerstag von 17.30 bis 19 Uhr, außerdem je eine Woche in den Oster- und Pfingstferien.
Aja von Lerchenhorst ist einfühlsam im Umgang mit den Kindern. „Ich sage nicht: ,Du bist gut, du bist schlecht.‘“ Die Pädagogin will keinen Druck aufbauen. Die Kinder würden selbst merken, wo sie sich verbessern müssten, etwa beim Lesen und Lernen von Texten. „Vieles geht in Zusammenhang mit Bewegung“, sagt die 70-Jährige. Sie möchte, dass die Kinder durchs Theaterspielen lernen, zu sich selbst zu stehen, und zu einer Persönlichkeit werden. „Die Kinder sollen zu sich selbst finden und nicht fremdbestimmt sein.“ Durchs Theaterspielen lerne man Logik und Denken sowie den Umgang mit Emotionen.
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In den vergangenen 40 Jahren wurden Klassiker aufgeführt wie „Das doppelte Lottchen“ und „Nils Holgersson“, Stücke von Michael Ende („Momo“, „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“) oder „Das Meer der Geschichten“ von Salman Rushdie. Aja von Lerchenhorst schreibt aber auch selbst Stücke, zum Beispiel „Zirkus Riedeo“, „Kloana Muck“, „Pepinos Geschichten“ und „Paul“. Letzteres ist die Erzählung über einen Außenseiter, der in der Schule beliebt wird, als man feststellt, wie gut er jonglieren kann. „In diesem Stück habe ich einige Erfahrungen aus meiner Schulzeit verarbeitet“, sagt die Lehrerin.
In den Pfingstferien ist es Tradition, für die Proben eine Woche wegzufahren. „Ich habe gespürt, das tut den Kindern gut. Man wächst als Gemeinschaft zusammen.“ Durch private Kontakte und auch durch die Hilfe der Salesianer Don Boscos ging es unter anderem nach Innsbruck, Heidelberg, Berlin, Wien oder an den Gardasee, immer begleitet von einigen Eltern.
Mit dem Rieder Kindertheater feiert auch das Rieder Kinderfest Geburtstag, denn das eine entwickelte sich aus dem anderen. Heute trifft sich dabei die erste Theater-Generation schon mit den eigenen Kindern. Außerdem gibt es seit 25 Jahren einen Verein, der sich um die Finanzen kümmert. „Ich bekomme durch das Theater so viel zurück“, sagt Aja von Lerchenhorst. „Es gibt nichts Spannenderes im Leben als die Arbeit mit Kindern.“
Premiere und weitere Infos:
„Die kleine Hexe“ feiert am 5. Juli um 19 Uhr in der Tenne des Klosters Benediktbeuern Premiere. Weitere Vorstellungen sind geplant. Das Kinderfest ist am 13. Juli. Um die Arbeit aufrechtzuerhalten, freut sich der gemeinnützige Verein über Spenden: Sparkasse Benediktbeuern, IBAN: DE20 7005 4306 0011 4680 48, Stichwort: Rieder Kindertheater. Weitere Infos im Internet auf www.rieder-kindertheater.de.
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