Kampfkommandant stellte sich gegen „SS“-Schergen

Posthume Ehrung für Karl Luber, den Retter Wolfratshausens

+
Stadtarchivar Simon Kalleder hatte den Auftrag, die Geschehnisse am 30. April 1945 in Wolfratshausen sowie die Vita des damaligen Kampfkommandanten Dr. Karl Luber nochmals genau zu beleuchten. Das Ergebnis: Es spreche nichts gegen die posthume Ehrung von Luber, bilanziert Bürgermeister Klaus Heilinglechner.
  • schließen

Gedenktafel an der Andreasbrücke wird an Wehrmachtsoffizier Dr. Karl Luber erinnern. Zuvor war eine aufwändige Recherche notwendig.

Wolfratshausen – Der „Retter von Wolfratshausen“, Kampfkommandant Dr. Karl Luber, wird nun definitiv posthum geehrt. Das bestätigt Bürgermeister Klaus Heilinglechner auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Würdigung des 1977 verstorbenen Mannes, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in der Flößerstadt zwei Menschen vor der Ermordung durch „SS“-Schergen rettete und die Sprengung der Andreasbrücke verhinderte, stießen im Herbst 2020 die zwei Zeitzeugen Christian Steeb und Hans Reiser an.

Die erste Reaktion des Rathauschefs auf den Antrag der beiden jeweils über 80 Jahre alten Wolfratshauser klang vielversprechend: „Ein würdiges Andenken in Form einer Gedenktafel kann ich als Bürgermeister vollumfänglich unterstützen.“ Das war im März 2021 Jahres auch der Tenor im Kulturausschuss des Stadtrats. Allerdings beauftragte das Gremium die Verwaltung, die Geschehnisse in den letzten Kriegstagen, vor allem aber die Vita Lubers, noch einmal penibel zu recherchieren. Eine offene Frage lautete: Ist eine Ehrung des Wehrmachtsoffiziers Luber überhaupt möglich?

Stadtarchivar lobt: Steeb „hat sehr gut recherchiert“

Stadtarchivar Simon Kalleder begab sich auf Spurensuche. Er recherchierte im Bundesarchiv, im Militärarchiv in Freiburg und forschte im Personenarchiv in Berlin, um alle Zweifel auszuräumen. Fazit: Das, was Hobby-Historiker Steeb zur Causa Luber in vielen Interviews mit Zeitzeugen erfahren hatte, stimme. Er habe „sehr gut recherchiert“, und seine Aussagen hätten sich „bestätigt“. Steeb hat wie berichtet in seiner umfangreichen Dokumentation „Der erste und der letzte Tag des III. Reiches in Wolfratshausen“ die dramatischen Ereignisse vom 30. April 1945 akribisch nachgezeichnet. Während die Amerikaner von Icking her auf den damaligen Markt vorrückten (Wolfratshausen wurde erst 1961 zur Stadt erhoben), war die „SS“ vor Ort fanatisch entschlossen, eine Übergabe Wolfratshausens an die Alliierten zu verhindern. Dass dies gelang, ohne dass die Loisachstadt schweren Schaden nahm und Bürger ihr Leben lassen mussten, ist Luber, seinerzeit als Kampfkommandant verantwortlich für die Verteidigung der Region, zu verdanken. Er war nicht willens, die sinnlosen Befehle zu befolgen. Stattdessen rettete er unter Einsatz seines eigenen Lebens Vize-Mesner Ignaz Leeb und Mesners-Witwe Karoline Engelhardt vor der Ermordung durch die „SS“.

Dr. Karl Luber war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs Stadtkommandant des Landesschützen-Bataillons in Wolfratshausen – und verhinderte am 30. April 1945 die Sprengung der Andreasbrücke, damals Untere Brücke genannt, durch die „SS“.

Leeb berichtete Hobby-Historiker Steeb viele Jahre später: Der von den Nazis abgesetzte Bürgermeister Hans Winibald habe die Lage verkannt und ihn, den Vize-Mesner, sowie Engelhardt angewiesen, am Kirchturm der Sankt-Andreas-Kirche eine weiße Fahne, das Zeichen der Kapitulation, zu hissen. Zu früh: „Schwer bewaffnete SS-Leute riegelten sofort die Ausgänge der Kirche ab und fahndeten nach den Urhebern“, so Steeb in seiner Dokumentation. Entdeckt wurden Leeb und Engelhardt in der Sakristei. Sie sollten umgehend gehängt werden. Major Karl Luber kam dem zuvor, indem er die beiden Männer in der damaligen Knabenschule (dem späteren Isar-Kaufhaus) in „Schutzhaft“ steckte.

Zum Selben Thema: Er rettete zum Weltkriegsende viele Menschenleben

So gerieten der Wehrmachtsoffizier und sein Adjudant Ludwig Killmeier selbst in den Verdacht, mit dem Feind zu kollaborieren. Als ein „SS“-Mann Luber fragte, ob er der Gesuchte sei, erwiderte der laut Recherchen von Steeb geistesgegenwärtig: „Was habt ihr nur für einen Saustall auf der Dienststelle. Die vier sind tot, ich bin schon der neue Kommandant.“

Noch am selben Tag durchkreuzte Luber den Versuch der „SS“, die Andreasbrücke, damals Untere Loisachbrücke genannt, zu sprengen. Auf seinen Befehl hin wurde das mit der Zerstörung betraute Kommando mit vorgehaltener Pistole überrascht. Die „SS“ verließ fluchtartig die Brücke, mutige Bürger warfen die mit Sprengstoff gefüllte Kisten in die Loisach. Er habe als Kind zu dem Zeitpunkt nur wenige hundert Meter entfernt von der Stahlbetonbrücke gespielt, so Christian Steeb. „Ich hätte die Explosion sicher nicht überlebt.“

Luber ging US-Panzern entgegen

In den Abendstunden des 30. April 1945 ging Luber schließlich den herannahenden US-Panzern entgegen und rief den Besatzungen zu: „Hier wird nicht gekämpft. Ich übergebe Ihnen hiermit den Markt Wolfratshausen.“

Bürgermeister Heilinglechner hatte stets auf Steebs Angaben vertraut – und hält es dennoch für „richtig und wichtig“, dass Stadtarchivar Kalleder alles noch einmal unter die Lupe nahm. Weil nur wenig belastbar dokumentiert ist und fast alle Zeitzeugen inzwischen verstorben sind, könne nicht kategorisch ausgeschlossen werden, dass es auf Lubers Weste einen dunklen Fleck geben würde. Doch dies sei „extrem unwahrscheinlich“, bilanziert Heilinglechner nach Rücksprache mit Kalleder. Es spreche „nichts gegen eine Ehrung“.

Die Gedenktafel soll in der Nähe der Andreasbrücke angebracht werden. Wo genau, das entscheidet der Kulturausschuss des Stadtrats. Der hat auch das letzte Wort hinsichtlich des Textes, der auf der Tafel über den „Retter von Wolfratshausen“ zu lesen sein wird. Heilinglechner hat die Initiatoren der posthumen Ehrung, Steeb und Reiser, bereits über die Entscheidung informiert.

cce

Alle Nachrichten aus Wolfratshausen lesen Sie hier.

Bei der Entnazifizierung freigesprochen

Geboren wurde Karl Luber am 8. April 1896 in München als Sohn eines Bierbrauers. Am 28. Januar 1915 rückte er als Kriegsfreiwilliger ins Heer ein. Fast vier Jahre verbrachte er im Ersten Weltkrieg an der Westfront. Zunächst politisch weit rechts stehend, näherte er sich der Sozialdemokratie an. 1923 heiratete er eine Tochter von Erhard Auer, von 1918 bis 1933 SPD-Vorsitzender in Bayern.

Am Tag des „Hitler-Putsches“ am 8. November 1923 hielt er sich im Münchner Bürgerbräukeller auf. Weil die Nazis Auers nicht habhaft werden konnten, wurde Luber als Geisel festgenommen, bald danach aber wieder freigelassen. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde Erhard Auer restlos enteignet. Nun war Luber, von Beruf Apotheker, gezwungen, die vielköpfige Familie seines Schwiegervaters allein zu ernähren. Dazu zählten auch einige Juden, die vom Berufsverbot bedroht waren.

Der NSDAP trat Luber nicht bei. Im November 1933 schloss er sich dem „Stahlhelm“ an, einem Bund von Ex-Frontsoldaten. 1934 wurde der „Stahlhelm“ in die Reserve der „Sturmabteilung“ (SA) überführt und diese 1937 in die Partei. Somit war Luber seit 1937 automatisch Mitglied der NSDAP. Wie Luber im Jahr 1943 als Kommandeur des Landesschützenbataillons in die Loisachstadt kam, ist nicht ganz eindeutig. Zeitzeugen berichten, dass er aus seiner Abneigung gegen die Nazis kein Hehl machte, auch oberen Rängen gegenüber nicht, denen er öfter über den Mund fuhr und sagte: „Erzählen Sie keine Märchen!“ Zudem verweigerte er den Gruß „Heil Hitler“ und sagte stattdessen konsequent „Grüß Gott“.

Nach dem Krieg stellten alle Zeugen Luber ein gutes Zeugnis aus. Bei der Entnazifizierung wurde er freigesprochen. Laut Recherchen des Hobby-Historikers Christian Steeb arbeitete Luber als Oberregierungsrat bei der Bayerischen Ärzteversorgung. Für seine Verdienste beim Aufbau der Ärzteversorgung in Bayern erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Dr. Karl Luber starb am 7. Februar 1977.

Kommentare