VonChristina Jachert-Maierschließen
Corona hat den geplanten Eröffnungstermin des Wiesseer Jodschwefelbads platzen lassen. Doch es gibt Hoffnung. Das Probebaden hat begonnen.
Bad Wiessee –Die Bauzeit: lange. Die Kosten: hoch. Das Konfliktpotenzial: enorm. Viele Male habe ich über das Für und Wider des neuen Wiesseer Jodbads geschrieben. Heute soll das kein Thema sein. Heute tauche ich einfach mal ein. Lasse mich vom warmen Jodschwefelwasser umspülen und die Wirkung genießen. Es ist mein erstes Heilbad. Und auch eines der ersten überhaupt in dem gerade fertiggestellten Neubau.
„Möglicherweise klappt nicht alles perfekt“, meint Jodbad-Chefin Renate Zinser bei der Begrüßung. Erst Anfang der Woche hat das Probebaden im 7,6 Millionen Euro teuren Neubau begonnen. Bis jetzt lief fast alles bestens. Nur an Kleinigkeiten wird noch getüftelt. Das allererste Wannenbad im neuen Haus hat Zinser nach all dem Stress übrigens selbst genommen: „Das habe ich mir gegönnt.“
Mitarbeiter und einige Stammgäste testen das neue Bad
Jetzt dürfen Mitarbeiter baden, vereinzelte Stammgäste, und auch unsere Zeitung wurde eingeladen. Auf mich wartet Badefrau Sigrid Biechl (62). Seit 23 Jahren ist sie Teil des Jodbad-Teams. „Im Altbau war’s praktisch“, erinnert sie sich. Viel Platz, viele Wannen. Eine Wohlfühloase war’s nicht. Zuletzt machten die veraltete Technik und das marode Gemäuer immer mehr Zicken. Ende Dezember 2016 war im – jetzt abgerissenen – Altbau Schluss. Das Jodschwefelbad zog in ein Übergangsquartier über dem Badepark. Drei Jahre lang schwitzten Biechl und ihre Kolleginnen in stickigen und engen Räumen. „Nur eine Kabine hatte ein Fenster. Die wollten natürlich alle haben“, erinnert sie sich.
Ihr neues Reich ist luftig und hell. „Hier hat jeder ein Stück Himmel“, sagt Jodbad-Chefin Zinser über die neuen Kabinen. Wer in der Wanne liegt, blickt durch viel Glas ins Freie. Hölzerne Lamellen schirmen Blicke von außen und grelle Sonne ab, ein Ahornbäumchen vor jedem Fenster tut dem Auge gut. Holz, Licht und Glas, sanfte Farben, Mosaike und Brunnen verleihen dem von Star-Architekt Matteo Thun geschaffenen Bau ein Ambiente, das die Seele streichelt. Im Innenhof wurzelt eine Gleditschie, ein Lederhülsenbaum.
Ein Ahornbäumchen und viel Himmel für jede Kabine
„Hier sind alle Kabinen gleichwertig“, sagt Badefrau Biechl. Aber die 14 Wannen sind nicht alle identisch. Manche passen für große Menschen mit viel Masse, andere für kleine. Es sind Spezialanfertigungen, körpergerecht geformt. Denn weil das Heilwasser auch Salz enthält, gibt es dem Badenden viel Auftrieb. Ist im Verhältnis zum Mensch zu viel Wasser in der Wanne, ploppt der Körper nach oben. „Das wäre nicht entspannend“, erklärt Zinser. Darum muss die Wanne Halt geben.
Für mich reicht das kleine Modell. Badefrau Biechl lässt das Jodschwefelwasser ein. Es schießt aus einem unterirdischen Tank und ein spezielles Leitungssystem durch eine Öffnung am Wannenboden. Dank des hohen Wasserdrucks dauert das nur zwei Minuten. „Im Übergangsquartier waren es zehn Minuten, das war schwierig für uns“, meint Zinser. Ein wenig vorbehandelt ist das Wasser aus den Jodschwefelquellen, bevor es in den Tank kommt. Gas und Öl werden abgeschieden. Etwas Paraffin bleibt im Wasser, das mich jetzt wohlig einhüllt.
Ein wenig ölig ist es und sehr weich. Den Schwefelgeruch nehme ich nach ein paar Minuten nicht mehr wahr. Das Wasser trägt mich und lässt meine Haut ein wenig kribbeln. „Es arbeitet“, sagt Badefrau Biechl. Zwanzig Minuten dauert eine Anwendung. Die Haut sei dann gesättigt, erklärt Bichl: „Sie ist wie ein Schwamm.“ Nach den 20 Minuten geht es tropfnass zwischen weiche Laken aufs Ruhebett am Fenster. Der Körper ist merkwürdig schwer geworden, die Haut samtweich. Eine halbe Stunde ruhen gehört zur Anwendung dazu. Danach fühle ich mich prächtig.
Heilsames Wasser hilft bei vielen Beschwerden
„Man soll sich an dem Badetag auch Zeit nehmen“, sagt Biechl. Noch fünf Stunden nach dem Bad wirke die Jodschwefelverbindung auf den Körper. Die Anwendungen helfen zum Beispiel bei Schmerzen in den Gelenken, bei Hautproblemen und bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Es wirkt bei niedrigem und bei hohem Blutdruck, das kann keine Tablette dieser Welt“, erklärt Zinser. Letztlich profitiere jeder von der Auszeit im heilsamen Wasser und den Kräften der Natur, ist sie überzeugt. „Es mobilisiert auch.“
Teils werden die Bäder verschrieben, das Gros der Kunden zahlt die Anwendung aber selbst. 40 Euro kostet die Stunde im neuen Heilbad. Im Übergangsquartier waren nur 28 Euro fällig. „Der Preis ist angemessen“, meint Zinser. Auch Sprühbäder, Augenbäder und Massagen gehören zum Angebot.
Eröffnung in den nächsten Wochen
Viele Gäste warten ungeduldig auf die Eröffnung. Sie musste wegen Corona verschoben werden. Nachdem es sich nicht um ein Freizeitbad, sondern eine Gesundheitseinrichtung handelt, dürfte die Eröffnung in den nächsten Wochen möglich sein. Die Mitarbeiterinnen werden Mundschutz tragen, die Badenden können darauf verzichten. Sie sind schließlich allein in der Kabine, wie Zinser erklärt: „Wir haben hier kein Infektionsproblem.“
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