Poettinger setzt Fokus auf die Stammkunden

Ausblick auf 2023: Strompreis tendiert zu 50 Cent – „Lebenshaltungskosten könnten um 300 Prozent steigen“

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Klein, aber fein: das Farchanter Kraftwerk versorgt ungefähr 2500 Kunden mit Strom.
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Der Ausblick auf die Strom-Tarife im nächsten Jahr sehen düster aus. Die Gemeindewerke Garmisch-Partenkirchen und das Kraftwerk Farchant geben nun eine ziemlich genaue Prognose.

Garmisch-Partenkirchen/Farchant – Wo geht die Reise hin bei den Energiepreisen? Wie sehr werden die Verbraucher darunter leiden? Fragen, die viele Landkreis-Bewohner quälen dürften. Eine Antwort darauf geben nun die Verantwortlichen der beiden größten Energieversorger im Loisachtal: die Gemeindewerke Garmisch-Partenkirchen und das Kraftwerk Farchant.

Energiepreise könnten 2023 in der Region auf 50 pro Kilowattstunde landen

Markus Poettingers Prognose ist schon relativ genau: „Wir werden beim Strom irgendwo zwischen 45 und 50 Cent pro Kilowattstunde landen“, betont der Geschäftsführer im Kraftwerk. „Die endgültigen Preise haben wir in einer Woche.“ Die 50-Cent-Marke hat auch Wodan Lichtmeß für Garmisch-Partenkirchen im Blick. „In die Richtung wird es gehen.“ Bisher mussten die zirka 20.000 Stromkunden in seinem Haus rund 29 Cent zahlen. Ähnlich die Lage in Farchant: „Wir unterscheiden uns von den Gemeindewerken immer maximal um einen oder zwei Cent“, sagt Poettinger, der seit 27 Jahren den Betrieb leitet. Beim Gas erwartet Lichtmeß einen deutlichen Sprung von 6,2 Cent auf zirka 15 Cent – das wäre das Zweieinhalbfache. „Andere liegen jetzt aber schon bei 16 Cent.“

Geht’s beim Strom tatsächlich von 29 auf 50 Cent hinauf, kommt das einer Erhöhung von 70 Prozent gleich. Nur: Mit dem neuen Satz, wo auch immer er für 2023 exakt liegen wird, sind die Endverbraucher in der Region noch gut bedient. Versucht man sein Glück auf Vergleichsportalen im Internet, werden Verträge mit minimal 69 Cent, eher mit mehr als 70 Cent angeboten. „Bei E.on. sind es auch schon 60 Cent“, sagt Lichtmeß. Sein großer Marktvorteil: „Wir haben eine Eigengewinnung von mehr als 50 Prozent.“ Die großen Investitionen in regenerative Energieformen wie Photovoltaik-anlagen oder Wasserkraft zahlen sich nun aus. „Darüber dürfen wir wirklich glücklich sein, denn ohne könnten wir solche Preise nicht halten.“

In Farchant will man Strom-Hopper ausbremsen

Bei Poettinger, der rund 2500 Kunden versorgt, fällt der Faktor Eigengewinnung nicht ganz so sehr ins Gewicht. 20 bis 25 Prozent erwirtschaftet er aus den Wasserkraftanlagen selbst. Doch: Die Zahl der Verbraucher, die auf den Ökostrom aus der Loisach setzen, sei verschwindend gering. Also speist er die erzeugte Energie ins Netz ein, kassiert die Erlöse und kauft wieder ein. Zum Thema Öko hat er eine Anekdote parat: Ein Farchanter Bauer sei vor 20 Jahren auf die Kraftwerksbetreiber mit der Frage zugekommen, ob denn bei Öko ein anderer Strom aus der Dose komme? Da musste der Verantwortliche verneinen. Worauf der Einheimische meinte: „Du brauchst doch nicht glauben, dass ich für denselben Strom mehr bezahle.“ „Lebenswirklichkeit“, sagt Poettinger dazu. So erlebe er das Geschäft beinahe jeden Tag.

In Sachen Energie fahren die heimischen Anbieter in Zeiten der Krise nun einen strikten Kurs. Verträge werden nur noch Kunden angeboten, die neu in das Netzgebiet ziehen. Nicht etwa nur den Anbieter wechseln. Sogenannte Strom-Hopper, ständige Wechsler, die aufgrund von Bonuszahlungen jedes Jahr Strom von einem anderen Versorger beziehen, um zu sparen, sollen bewusst ausgebremst werden. „Für solche Leute haben wir nur noch den Ersatzversorgungstarif“, sagt Lichtmeß. Und der liege bei rund 70 Cent pro Kilowattstunde. Seine klare Warnung: „Wer jetzt kündigt und aussteigt, weil er denkt, er bekommt den Strom woanders günstiger, der kommt nicht mehr zurück. Der braucht auch nicht meinen, dass er dann zur Bürgermeisterin geht und sich beschwert, das ist alles abgesprochen.“

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Stammkunden bekommen den günstigeren Preis

Damit rennt der Werkechef beim Kollegen in Farchant offene Türen ein. Der kann mit den Dauerwechslern nichts anfangen. „Die haben sich verkalkuliert und werden sich noch umschauen. Was sie bisher gespart haben, werden sie nun locker obendrauf legen müssen.“ Eines stellt Poettinger unmissverständlich klar: „Wir sind dafür da, um unseren Farchanter Bürgern zu helfen, diese Krise so erträglich wie möglich zu gestalten.“ Natürlich unter der Prämisse, dass das eigene Unternehmen überleben muss. Daher gilt für Poettinger: Der Strom, den er in den Jahren 2019 bis 2021 zu erträglichen Konditionen eingekauft hat, „ist für unsere Stammkunden reserviert“. Nur durch diese Einkäufe sei es möglich, die Tarife nun in dem genannten Bereich bis 50 Cent zu halten – teilweise 20 Cent weniger als große Konkurrenten.

Und doch steigen die Preise erheblich, weil die Kalkulationen größere Risiken umfassen, unsichere Netzentgelte und Abgaben eingerechnet werden müssen. Beide Experten betonen unisono, dass die Energiekrise keine direkte Folge des Ukraine-Kriegs ist. „Die Preise sind davor schon gestiegen“, sagt Lichtmeß. Poettinger macht die Ampel-Politik in Berlin für die Misere verantwortlich. „Der Ausstieg aus Atomkraft und Kohle treibt die Preise in die Höhe. Die ganze Welt lacht über uns.“ In Norddeutschland gingen bereits reihenweise Unternehmen pleite, weil die Energiekosten nicht mehr zu stemmen seien. „Das ist bei uns nur noch nicht angekommen.“ Für die kommenden Jahre stellt er eine düstere Prognose bezüglich der Lebenshaltungskosten. „Die werden um 200 oder 300 Prozent steigen, denn alles bei uns wird mithilfe von Energie hergestellt.“

Stadt- und Gemeindewerke geben Übergewinne durch Preisgestaltung an ihre Kunden zurück

Eine genaue Prognose für die Zukunft traut sich derzeit niemand zu. Lichtmeß sieht noch eine weitere Bedrohung: Die Bundesregierung trägt sich derzeit mit dem Gedanken, die sogenannten Übergewinne der Versorgungsunternehmen einzukassieren. Gemeint sind jene Erträge, die ein Betrieb wie die Gemeindewerke aus der eigenerzeugten Energie generieren und die dazu beitragen, die Preise für den Endverbraucher niedriger zu halten als Versorger, die keinen Eigenanteil haben. „Wenn das der Fall ist, können wir unsere Preise in die Tonne klopfen“, schimpft er. Der Plan der Politik: Diese Gelder sollen an den Kunden zurückgegeben werden. Nur: Das tun derzeit eben die bewusst handelnden kleineren Kommunalunternehmen wie Stadt- oder Gemeindewerke über deren Preisgestaltung.

Lichtmeß ist gespannt. In jedem Fall werden die Kunden Anfang des Jahres die Realität auf ihren Abrechnungen finden. Er hofft, den Bürgern weiterhin attraktive Konditionen unterbreiten zu können. Bei Abwasser und Müll sollen sie übrigens in Garmisch-Partenkirchen gleich bleiben: „Wir haben keine Erhöhung in Planung“, betont er. „Derzeit“, schiebt er hinterher. Denn auf neue politische Ideen von ganz oben müsse man immer gefasst sein. Daher weiß keiner so genau, wo die Reise über die üblichen Ein-Jahresverträge hinaus tatsächlich hingehen wird.

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