Das Aus der deutschen Elf bei der WM in Russland hat nicht nur sportliche Konsequenzen. Barbetreiber fragen sich, ob sie jetzt die Leinwände abbauen sollen oder nicht. Und Sporthändler drohen auf ihren Fan-Trikots sitzen zu bleiben.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Eigentlich war alles für die große Party vorbereitet: Ein Zelt im Hinterhof von Chili’s Tex-Mex-Bar in Wolfratshausen sollte 300 begeisterten Fußballfans Platz bieten, wenn die deutsche Elf alles in Grund und Boden spielt. Doch dann passierte das Gegenteil. „Nach der Niederlage gegen Südkorea haben wir das Zelt wieder abgebaut“, berichtet Barbesitzer Stefan „Jason“ Thalhammer. Statt einer vierwöchigen Fete, wie sie Thalhammer geplant hatte, ist nach drei Mal Public Viewing Schluss. Einen Grund kennt der Fußballfan auch: „Die einzigen, die bei den drei Deutschland-Spielen richtig Gas gegeben haben, waren meine Bedienungen.“ Ganz auf Fußball verzichten möchte er aber nicht: „Wer die wichtigen Spiele der Weltmeisterschaft sehen will, kann sie sich im Lokal anschauen.“
Diese Möglichkeit gibt es nach wie vor auch im Bistro Inkognito in Bad Tölz. „Wir zeigen alle WM-Spiele, ganz egal, ob Deutschland dabei ist oder nicht“, sagt Bistro-Chef Florian Haupt. Bisher habe sich der Ansturm in Grenzen gehalten. Nur das Spiel zwischen Spanien und Portugal sowie die Auftritte der kroatischen Nationalmannschaft seien gut besucht gewesen. Dass die DFB-Kicker aus Russland abgereist sind, bedauert Haupt: „Für uns als Gastronomen wäre das Viertel- oder Halbfinale wünschenswert gewesen. Aber muss man im Sport eben auch mit Misserfolgen rechnen.“
In Badehose und Bikini sollten Fans die deutsche Mannschaft im Tölzer Freibad Eichmühle anfeuern. Weil die Stadtwerke heuer 125-jähriges Bestehen feiern, werden alle Spiele ab dem Achtelfinale übertragen. Kleiner Haken an der Sache: Deutschland ist nicht mehr dabei. „Wir werden trotzdem die Leinwand aufbauen und hoffen, dass zu den Partien dennoch einige Zuschauer kommen“, sagt Stadtwerke-Mitarbeiter Reinhard Oberleitner.
Und was ist mit den vielen Deutschland-Trikots in den Sportgeschäften? Werden sie jetzt zum Landenhüter? Nicht für Rudi Utzinger, Chef der gleichnamigen Intersport-Filiale in Geretsried. „Wir haben gut kalkuliert“, sagt er. Bereits vor der Gruppenphase sei ein Großteil der weißen Shirts mit grauer Musterung ausverkauft gewesen. Nach dem siegreichen Gruppenspiel gegen Schweden am vergangenen Samstag habe er mit dem Gedanken gespielt, noch einige Kartons nachzubestellen. „Heute bin ich froh, dass ich das nicht gemacht habe.“
Auf das sportliche Weiterkommen hätte man auch bei Intersport Reiser in Wolfratshausen reagiert. „Wenn sich Deutschland für das Achtelfinale qualifiziert hätte, wären noch einmal Trikots bestellt worden“, sagt Mitarbeiter Jörg Pietschmann. Die Restbestände werden nicht zum Spottpreis verschleudert. „Die Trikots verkaufen sich auch ohne Weltmeisterschaft das ganze Jahr, zum Beispiel als Weihnachtsgeschenk oder als Einstimmung auf die Europameisterschaft in zwei Jahren.“ Wer anderen Nationen bei der WM die Daumen drückt, kann gerne nachfragen: „In manchen Fällen können wir auch nicht-deutsche Trikots bestellen“, sagt Pietschmann. So habe es bei der letzten Europameisterschaft einen unerwarteten Ansturm auf die blauen Trikots der isländischen Mannschaft gegeben. Damals ist der Hersteller aus Italien mit der Produktion nicht mehr hinterhergekommen.
In große Kisten hat Reiner Knabner die schwarz-rot-goldenen Fahnen, Autodeko und Fanschmuck verpackt. „Die Sachen bewahren wir uns für die Europameisterschaft in zwei Jahren auf. Da kommt nichts weg“, sagt Knabner. Der Kioskbetreiber aus Lenggries hofft, dass die Stimmung unter den deutschen Fans bis dahin wieder besser wird. Denn die Verkaufszahlen der Fanartikel waren eher mäßig: „Die Euphorie war schon vor der Weltmeisterschaft gedämpft.“ Und jetzt erst recht.
Dominik Stallein
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