VonAlexandra Korimorthschließen
Thoma eine „antisemitische Drecksau“, Goethe ein „korruptes Schwein“: Diese Sätze hörten die Realschüler beim Besuch eines bekannten Schauspielers. Und noch mehr...
Gmund – Als „Baby Schimmerlos“ hat er sich ins kollektive Fernseh-Gedächtnis gebrannt. Beim Besuch an der Realschule Tegernseer Tal in Gmund mit Lesung und Diskussion hat der Regisseur, Schriftsteller und Schauspieler Franz Xaver Kroetz (73) seinem Ruf als Provokateur alle Ehre gemacht.
Deutschlehrerin Silvia Neubauer freute sich, ihren Schülern einen lebenden Literaten vorstellen zu können: „Normalerweise haben sie es nur mit toten Dichtern zu tun“, wandte sie sich an den Gast. Der 73-Jährige – bekannt als gnadenlos ehrlicher, schlagfertiger Provokateur – outete sich schon da als unberechenbarer Gesprächspartner: „Naja, ich bin ja schon alt, und so lange geht es ja auch nicht mehr“, sagte er lachend, um sogleich seine Kurzgeschichte über den eigenen Herzinfarkt vorzulesen – als Beispiel, dass es bei ihm um „Blut, Sperma und Tränen“ gehe und er zur literarischen Sturmabteilung gehöre.
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Die Schüler schauten einigermaßen verdutzt, geradezu irritiert, als sich Kroetz „nur die hübschen Schülerinnen“ als Gesprächspartnerinnen an die Seite wünschte. Die Frage etwa von Clara Koenigsbeck nach seinem Lieblingsunterricht („Das war der Religionsunterricht, in dem wir über alles geredet und philosophiert haben, nur nicht über Gott – das hat keine Sau interessiert“) beantworte er auch gerne. Die Bitte von Leon Rübestahl nach einer Selbstbeschreibung nicht: „Das ist eine Frechheit! Ich habe Theater-Geschichte geschrieben. Ich habe rund 50 Stücke geschrieben, sechs davon waren Welterfolge.“
Dennoch gab Kroetz im Lauf der Schülerinterviews viel von sich preis. Etwa dass er die Arbeit mit Regisseur Helmut Dietl bei „Kir Royal“ gehasst und seine Paraderolle als „Baby Schimmerlos“ nur gespielt habe, um nicht arbeitslos zu sein. Oder dass er seine Kurzgeschichten auf Reisen geschrieben habe, um sich nicht um die Kindererziehung und -bespaßung der Tochter kümmern zu müssen. Aber auch, dass Schreiben für ihn eine Art zu leben ist, vielleicht auch eine Art Verhaltensstörung, von der man sich von keinem Arzt heilen lassen möchte – aus lauter Angst, künstlerisch impotent zu werden. „Um zu schreiben, muss man dem Leben einen Schaden zufügen. Dann springt es auf und man kann es anfahren.“ An die Jugendlichen gerichtet sagte er: „Selbermachen ist kreativ. Nicht das Teilen vorgefertigter Meinungen. Das Internet verführt dazu, dass wir uns kongenial fühlen. Dabei sind wir kleine Würstchen, die nichts in der Birne haben.“
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Kroetz weigerte sich, zurückzublicken: „Jeder Rückgriff auf das eigene Werk ist ekelhaft und geht mir am Arsch vorbei. Nie will ich meine Memoiren schreiben und mich rückwärts ins Grab bewegen.“
Auch wenn man nach dem Vortrag meinen könnte, Kroetz stehe in direkter Linie mit Charles Bukowski, so bezeichnete er sich als von Hemingway, Brecht und vom süddeutschen Volkstheater, also Horváth, Fleißer, Anzengruber, Nestroy und auch von Ludwig Thoma beeinflusst. Thoma nannte er dabei eine „antisemitische Drecksau“ und Goethe ein „korruptes Schwein“.
Auf die Frage, ob er gezielt provoziere, sagte er: „Was 1971 noch ein Skandal war, ist doch heute normal. Ihr könnt euch doch Tag und Nacht die Pornos reinziehen und macht euch mit dem Scheiß am Ende die Birne kaputt.“ Da waren die Schüler sprachlos. So hatten sie sich einen berühmten Autor jenseits der 70 sicherlich nicht vorgestellt. Die Lehrer ließen sich nicht anmerken, ob es ihnen genauso erging oder ob ihnen mit der verbalen Schocktherapie à la Kroetz ein Beitrag zur Sprachhygiene gelungen ist. Dazu könnte man nur gratulieren.
