VonVolker Ufertingerschließen
Wer heutzutage Liebe sucht, der tummelt sich auf Internetportalen. Umso rührender muten die Briefe an, mit denen ein Mitarbeiter der Haerlinschen Papierfabrik in Gauting vor 70 Jahren um eine Münchnerin warb. Am Samstag bringen Gerd Holzheimer, Elisabeth Carr und Hermann Geiger die Korrespondenz auf die Bühne.
Gauting – Für den weithin bekannten Sammler Hermann Geiger aus Unterbrunn ist es nichts Ungewöhnliches, wenn ihm die Leute etwas überlassen. Vor einiger Zeit war es eine geheimnisvolle braune Kiste. Der Inhalt: Briefe. Offenbar handelte es sich um eine Korrespondenz, und zwar zwischen einem Mann und einer Frau, die er umwarb. Geiger konnte nur die Briefe des Mannes entziffern, der mit lateinischen Buchstaben schrieb. „Mir ist aufgefallen, wie poetisch und gefühlvoll er sich ausgedrückt hat.“ Was damit zu tun ist, war ihm schnell klar: Er übergab sie an den Gautinger Generalbeauftragten für poetische Angelegenheiten aller Art, Gerd Holzheimer. Und zwar mit den Worten: „Schau Dir das an, da kannst Du Deinen Goethe vergessen.“
Das machte den Schriftsteller und Literaturwissenschaftler aus der Villenkolonie dann doch neugierig. Er vertiefte sich in die Korrespondenz – und war extrem beeindruckt. Die Briefe des Gautingers, Mitarbeiter in der Haerlinschen Papierfabrik, waren für ihn in mehrfacher Hinsicht eine Entdeckung: Literarisch – der einfache Arbeiter fügte in seine Episteln sogar Gedichte ein –, aber auch historisch und menschlich. „Es ist großartig, wie höflich und zurückhaltend da formuliert wird.“ Hin und wieder warnt der Gautinger seine Braut sogar, indem er darauf hinweist, dass er nicht viel verdient, sie solle sich eine Ehe gut überlegen. „Er hat die Erwartungen heruntergedimmt“, sagt Holzheimer. „Wer macht das heute noch?“ fragt er. „Das ist Welten entfernt von den Kontaktportalen der heutigen Zeit, wo es nur einen Mausklick braucht.“
Schwierigkeiten machten lediglich die Briefe der umworbenen Münchnerin. Sie schrieb nämlich Kurrent, eine Art Sütterlin, was damals weit verbreitet, heute aber für Ungeübte kaum mehr zu entziffern ist. Ehefrau Inge Holzheimer versuchte es. Eine Zeit lang erwog sie, Künstliche Intelligenz dafür zu nutzen, inzwischen gibt es dafür entsprechende Programme. Doch das erwies sich als zu kompliziert. „Also habe ich es ganz altmodisch selbst transkribiert.“
Allmählich fügten sich die Briefe zu einer Liebesgeschichte aus längst vergangener Zeit zusammen. Der Gautinger – dessen Namen Geiger und Holzheimer aus Datenschutzgründen verschweigen – wurde 1894 geboren. Lange lebte er mit seiner Schwester zusammen. 1955 – also in fortgeschrittenem Alter – fasste er sich ein Herz und schaltete in einer Tageszeitung eine Kontaktanzeige. Darauf antwortete eine Münchnerin Jahrgang 1908, die als Dienstmädchen tätig und deutlich jünger war. Zwei Jahre lang gingen Briefe hin und her, seine sehr gefühlvoll, ihre eher nüchtern. So bekam er unter anderem den Hinweis, dass es an der Zeit wäre, die Küche zu weißeln. An Sonntagen – seinerzeit der einzig freie Tag – trafen sich die zwei, hin und wieder übernachtete sie auch bei ihm. 1957 wurde in Andechs geheiratet. Damit endet die Korrespondenz. Später kamen hin und wieder noch einige dazu – wenn die Gemahlin zu ihrer Verwandtschaft nach Niederbayern fuhr, um bei der Ernte zu helfen.
Jetzt kommt dieser Briefwechsel auf die Bühne: Im Rahmen des „Literarischen Herbstes“ lesen Gerd Holzheimer und Elisabeth Carr ab 16 Uhr die Korrespondenz zwischen Franz und Josefine – so die Pseudonyme des Paares. Ob Elisabeth Carr teilnehmen kann, ist noch nicht ganz klar, doch eine Ersatzfrau steht bereit. Der Ort der Veranstaltung könnte kaum besser gewählt sein: Es ist das Atelier von Puppet-Player Stefan Fichert, im Schlosspark unmittelbar an der Würm. Es hat einst zur Papierfabrik gehört, es diente als Garage. Und Hermann Geiger – wie könnte es anders sein – steuert aus seiner umfangreichen Sammlung Requisiten bei, etwa alte Bilder und eine Walze aus der Fabrik. Alles ist bereit, um Josefine, Franz und ihre Liebe für eine Stunde wieder lebendig werden zu lassen. Menschen aus einer Zeit, in der alles noch seine Zeit brauchte. Vor allem die Liebe.
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