Betroffenen eine Stimme geben

Radl-Aktion gegen Missbrauch in der Kirche: Emotionales Treffen mit Abt am Kloster Schäftlarn

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Stellt sich dem Thema Missbrauch in der Kirche offen: Abt Petrus Höhensteiger zusammen mit den Organisatoren der Pilgerradreise Kilian Semel, Dietmar Achleitner und Robert Köhler. Ich stand fassungslos davor, dass Menschen, die jeden Tag das Evangelium hören, zu solchen Taten fähig sind. Abt Petrus Höhensteiger
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Bei einer großen Radl-Aktion gegen Missbrauch in der Kirche kam es jetzt zum emotionalen Treffen mit Abt Petrus am Kloster Schäftlarn.

Schäftlarn – Die Glocken läuteten, als die rund 50 Teilnehmer der Pilgerradreise vom Münchner Marienplatz aus starteten. Unter dem Motto „Wir brechen auf! Kirche, bist Du dabei?“ wollen Betroffene und Unterstützer auf die Opfer sexuellen Missbrauchs und Gewalt in der Kirche aufmerksam machen. In mehreren Etappen fahren sie nach Rom zu einer Audienz bei Papst Franziskus. Erstes Ziel der Teilnehmer war das Kloster Schäftlarn.

Betroffener: „Mir hat keiner geglaubt“

„Ich bin nie richtig gehört worden“, sagt Betroffener und Pilgerreise-Teilnehmer Hans Dull (75). Er hat Missbrauch, Demütigung und Gewalt in Bamberg erlebt. „Mir hat keiner geglaubt.“ Unter den Erlebnissen leidet er noch heute, ebenso wie unter dem Verhalten der Kirche. „So, als ob wir nachträglich verspottet und verachtet werden.“

In Schäftlarn wurde die Gruppe von Abt Petrus Höhensteiger willkommen geheißen. „Ihrem Mut verdanken wir, dass sich etwas bewegt und neue Wege begangen werden. Doch auch, wenn noch Vieles im Argen liegt und Vieles nicht in wünschenswerter Weise erfüllt worden ist – es ist gut, dass zu einem Thema, das so präsent, aber gleichzeitig so marginalisiert worden ist, Bewusstsein geschaffen wird“, sagte der Geistliche.

Missbrauchsfälleim Kloster Schäftlarn

Das Kloster selbst ist ebenfalls von den Missbrauchsvorwürfen betroffen. „2010 war der Dornröschenschlaf beendet“, erinnert sich der Geistliche. „Auch wir müssen uns der Vergangenheit stellen.“ In den 50er und 60er Jahren haben im Kloster Schäftlarn zwei Mönche und ein Lehrer Straftaten sexualisierter Gewalt begangen. Zwei davon haben eine Gefängnisstrafe verbüßt. Betroffene im Alter zwischen 70 und 80 Jahren hätten sich daraufhin bei Abt Petrus gemeldet. „Wie furchtbar muss es sein, ein solches Leid so lange mit sich herum tragen zu müssen, sich erst jetzt öffnen zu können?“ zeigt er sich sichtlich erschüttert. Doch Veränderung könne es nur geben, „wo Menschen den Mut haben, aufzustehen und sich zu Wort zu melden.“ Die Gespräche haben in Abt Petrus allerdings auch Wut ausgelöst. „Ich stand fassungslos davor, dass Menschen, die jeden Tag das Evangelium hören, zu solchen Taten fähig sind.“

Gespräche und Präventionskonzept

Innerhalb des Klosters suchte Abt Petrus seinerseits das Gespräch mit den Mönchen. Einer der Glaubensbrüder meinte, dass er erst 2010 wirklich verstanden habe, dass es eine Opferseite gibt und was der Missbrauch aus ihnen gemacht habe. „Das war eine sehr wichtige Erkenntnis.“ Man begann ein Präventionskonzept zu entwickeln, dass für alle – Mönche, Lehrer, Präfekten und Angestellte – Gültigkeit hat. „,Die Schwarze Pädagogik’, also Erziehungsmethoden, die mit Gewalt, Kontrolle, Einschüchterung und Demütigung verbunden sind, hat meines Erachtens den sexuellen Missbrauch gefördert, und dagegen wollten wir mit einem schriftlichen Zeugnis vorgehen.“

Nun gibt es innerhalb des Klosters eine Schulpsychologin und Missbrauchsbeauftragte, die jederzeit ansprechbar ist. Und: „Wissende Kinder sind geschützte Kinder“, zitiert Abt Petrus aus dem Konzept. Es werden Kurse zu den Themen Antigewalt und Zivilcourage, der Selbstbewusstseinsstärkung und Nein sagen zu lernen angeboten. Ebenso bekommen die Eltern der Fünftklässler in einem Elternbrief aufgelistet, wo die Grundregeln zum Schutz vor Missbrauch liegen.

Leid der Betroffenen ernst nehmen

Zudem gibt es für alle Gruppen, die im Kloster arbeiten, Fortbildungen, von Mitarbeitern externer Dienstleister werde ein erweitertes Führungszeugnis erwartet. „Wir versuchen alles zu tun“, so Abt Petrus, „damit sexuellem Missbrauch die Grundlage entzogen wird.“ Der Geistliche zitierte Kardinal Reinhard Marx: „Es geht nicht mehr darum, den Ruf der Kirche zu sichern, sondern das Leid der Betroffenen ernst zu nehmen.“ Denn genau das hätte über lange Zeit gefehlt.

Missbrauchs-Betroffener Hans Dull ging nach Abt Petrus’ Rede auf diesen zu und drückte ihm herzlich die Hand. „Ich danke Ihnen.“

Die Organisatoren

Organisiert haben die Pilgerradreise, bei der bewusst die Öffentlichkeit mit einbezogen werden soll, Dietmar Achleitner (80), Pfarrer Kilian Semel (56), Richard Kick (66) vom Betroffenenbeirat und Robert Köhler (59), der als Ettaler Missbrauchsopfer das Projekt „Wir wissen Bescheid“ initiiert hat.

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