Ortstermin bei Lenggries

Schauen, schätzen, rechnen: Mit dem Katierer unterwegs auf FFH-Flächen

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Erklärten, wie die Kartierung vor Ort funktioniert: Anna Deischl (li.) und Katharina Löw.
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Viele Grundstücksbesitzer sind in Sorge, weil derzeit Menschen auf ihren Flächen unterwegs sind, die schauen, welche Pflanzen dort wachsen und welche Tiere dort leben. Was sie dort genau machen, wurde bei einem Ortstermin erklärt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Beim Wort „FFH“ stellt es vielen Grundstücksbesitzern die Nackenhaare auf. Bei der Ausweisung der Flora-Fauna-Habtitat-Flächen vor etlichen Jahren wurden die Anmerkungen der Betroffenen meist nicht mit einbezogen, der Schutzstatus vielmehr einfach über die Flächen gestülpt. Bei der Aufstellung der Managementpläne für die Gebiete setzen die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Ebersberg und Holzkirchen sowie die Regierung von Oberbayern nun auf deutlich mehr Transparenz. Alle Interessierten waren zu zwei Ortsterminen im FFH-Gebiet „Jachenau und Extensivwiesen bei Fleck“ eingeladen. Dabei wurde erklärt, was die Kartierer auf den Flächen machen.

Eine Handvoll Zuhörer war zum Begang bei Letten gekommen. In einem Waldstück erklärten Anna Deischl vom Kartierteam und Katharina Löw vom AELF Holzkirchen ihr Vorgehen. Das dortige Waldstück gehört zum FFH-Gebiet „Jachenau und Extensivwiesen bei Fleck“. Dieses ist etwa 1438 Hektar groß und Teil des europaweiten Natura-2000-Netzes. Ziel von Natura 2000 ist es, die natürlichen und naturnahen Lebensräume sowie die dort vorkommenden Arten zu erhalten. Um das zu erreichen, werden derzeit Bewirtschaftungspläne, sogenannte Managementpläne, aufgestellt. Diese sollen unter anderem Maßnahmen aufzeigen, um den guten Zustand der Flächen zu erhalten oder, wo nötig, zu verbessern.

Lebt unter anderem in kleinen Wasserlaken: Die seltene Gelbbauch-Unke.

Aufgabe der Kartierer, die auf den Flächen unterwegs sind, ist, den Ist-Zustand zu dokumentieren. Welche Baumarten gibt es und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wie sieht es mit der Verjüngung aus? Nur drei von vielen Fragen. Deischl hat ein Formblatt, in das sie Zahlen eintragen muss. Dafür ist ein gutes Auge und Erfahrung nötig, denn Deischl muss schätzen.

Der Zustand des Walds? Der Computer sagt „B“

 „Wie viel Totholz – umgerechnet in Festmeter – liegt hier?“, fragt Löw. Die Umstehenden blicken abschätzend auf die liegenden Bäume, dann ein Schulterzucken. „Wie viel Prozent des Baumbestands macht die Buche aus?“ Dafür müsste man jetzt eigentlich das ganze Areal ablaufen. Aber die Gruppe ist beim Ortstermin eher gehfaul. Gut, dass Deischl das Ganze schon vorher erfasst hat. Sie tippt die Zahlen in ihr Laptop. Am Ende errechnet der Computer daraus, in welchem Zustand sich das Areal – ein Waldmeister-Buchenwald – befindet. Er spuckt ein „B“ aus. „Das bedeutet günstig“, sagt Löw. Einige Bewertungskriterien seien aber nur mit C bewertet worden. Für diese werden im Managementplan Vorschläge für eine Verbesserung gemacht. „Es wäre schön, wenn die Maßnahmen umgesetzt würden. Aber das ist rein freiwillig“, betont Löw. Die Verbesserungsvorschläge denken sich übrigens nicht die Kartierer aus. „Es gibt dafür einen festgelegten Katalog.“

Im Zuge der Infoveranstaltungen im Landratsamt waren einige Grundstücksbesitzer unglücklich, dass die Kartierer ohne ihr Wissen über die Flächen laufen. Einzelne verlangten, bei den Kartierbegängen dabei zu sein. Aber das sei einfach nicht möglich, sagt Deischl – zumal sie beim Begang „oft nicht weiß, wem die Grundstücke gehören oder wo die Flurstücksgrenzen verlaufen“. Genau dadurch sei aber gewährleistet, dass die Kartierung neutral über die Bühne gehe.

Mit der 3D-Brille durch den Hochgebirgswald

Deischl läuft übrigens nicht jeden Quadratmeter Wald ab. Gerade in Hochgebirgslagen sei das nicht möglich. Hier bedienen sich die Kartierer moderner Technik. Aus Luftbildern werden 3D-Modelle, die der Kartierer mittels 3D- Brille unter die Lupe nimmt.

Unter die Lupe nehmen die Teilnehmer beim Ortstermin in Letten auch eine kleine Pfütze am Wegesrand. Löw muss ganz schnell sein, um die im Bestand stark gefährdete Gelbbauch-Unke kurz auf die Hand nehmen zu können, um sie zu zeigen. Auch die Mopsfledermaus und das Große Mausohr seien hier heimisch – genauso wie der Alpenbock, eine Käferart. Außerdem finden sich in diesem FFH-Gebiet neben dem Waldmeister-Buchenwald auch noch bayernweit seltene Lebensräume wie Auwälder, Orchideen-Buchenwälder und Moorwald. Üppig wächst der Frauenschuh. „Die Kartiererin, die dafür zuständig ist, hat gesagt, dass sie noch nie so viel Frauenschuh in einem Gebiet gesehen hat“, berichtet Löw. Das macht einen Zuhörer hellhörig. Ob man später in den Managementplänen sehen könne, wo Frauenschuh wächst, will der Mann wissen. „Nein“, antwortet Deischl. „Die Standorte von so gefährdeteten Arten wie dem Frauenschuh werden nicht eingezeichnet. Sie müssen keine Sorge haben, dass sich die Leute die Karte anschauen und dann auf der Suche nach Frauenschuh durch ihren Wald stapfen.“

Die Kartierer werden noch eine ganze Weile beschäftigt sein. Im Herbst 2019 könnte ein erster Entwurf für den Managementplan vorliegen. Den können die betroffenen Grundstücksbesitzer bei den Gemeindeverwaltungen einsehen. An einem Runden Tisch soll dann darüber diskutiert werden. Fertig sein wird der Plan vermutlich 2020.

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