VonChristian Masengarbschließen
Die 85 Senioren, die noch in dem von Corona betroffenen Heim in Schliersee leben, sollen vorerst dort bleiben. Wegen zuletzt erheblicher Mängel eine schwere Entscheidung für den Krisenstab.
Schliersee – Es war ein Dilemma für Olaf von Löwis. Mit dem Corona-Krisenstab am Landratsamt musste der Landrat entscheiden, ob die 85 verbleibenden Bewohner der vom Coronavirus betroffenen Seniorenresidenz in Schliersee in der Einrichtung bleiben – trotz dort zeitweise erheblicher Mängel – oder in andere Heime verlegt werden. Beide Möglichkeiten bergen Risiken. Löwis: „Diese Entscheidung hat mir unruhige Nächte beschert.“
Schliersee: Bewohner bleiben in Problem-Heim
Am Freitag hat der Krisenstab nun beschlossen, die Bewohner im Heim zu lassen – „vorerst“, wie es in einer Pressemeldung heißt. Die Entscheidung war keineswegs selbstverständlich.
Noch am Mittwoch hatte das Landratsamt geurteilt, die Einrichtung könne derzeit nicht ohne die rund 30 Bundeswehrsoldaten betrieben werden, die dort seit Wochen im Einsatz sind (wir berichteten). Pfleger hatten unter anderem von ungewaschenen Senioren und verdorbenen Vorräten erzählt, die Behörden ermitteln wegen Körperverletzung. Weil die Bundeswehr am Sonntag abzieht, musste der Krisenstab aber nun festlegen, wie es ab Montag weitergeht.
Dafür, die Senioren trotz aller Probleme im Heim zu belassen, sprechen laut Krisenstab zwei Gründe. Erstens: Juristisch sei es schwierig, ein Heim zu schließen. Weil die Bewohner Vertrauensverhältnisse zu Pflegern, Nachbarn und Routinen aufbauen, sollen sie so lange wie möglich dort bleiben. Zur Beseitigung von Mängeln müssten Auflagen erlassen werden. Eine Schließung sei das letzte Mittel, wenn die Auflagen nicht erfüllt werden.
Die Einrichtung habe die Auflagen der Heimaufsicht zuletzt aber sogar übererfüllt. Führung und Personal wurden fast vollständig ausgewechselt, die Fachkräftequote liege zehn Prozent über den Vorgaben. Bei der abschließenden Kontrolle habe ein Gremium aus Heimaufsicht, Gesundheitsamt, Ärzten und Pflegefachkräften, Vertretern der Regierung von Oberbayern und Technikern festgestellt: Der Betrieb funktioniert inzwischen auch ohne Bundeswehr. Also können die Bewohner bleiben.
Grund zwei: Die Bewohner im Heim zu belassen, sei verglichen zur Verlegung die sicherere Option. Teils schwer behinderte und pflegebedürftige Senioren in Heime in ganz Bayern zu verlegen, könne diese ängstigen, vereinsamen und ohne Halt im Leben schlimmstenfalls sterben lassen. Das wolle der Krisenstab ihnen ersparen.
Bauchschmerzen, das wird in der Pressemitteilung deutlich, hat das Landratsamt mit der Entscheidung dennoch. In sieben Tagen sei es unmöglich, alle Mängel abschließend zu beseitigen. „Es ist eine ganz schwierige Abwägung, die wir zusammen getroffen haben“, sagt Löwis.
Um die Bauchschmerzen zu mindern, wird die Heimaufsicht die Einrichtung engmaschig überprüfen und Auflagen zur Beseitigung aller Mängel erteilen. Die erste: ein Aufnahmestopp. Der Betreiber soll sich auf die vorhandenen Senioren konzentrieren. Erfülle er diese und weitere Auflagen nicht, „werden alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft“. Auch die Verlegung der Bewohner sei dann möglich.
Das Landratsamt hält auch fest: Die Heimaufsicht habe ihre Aufgaben im Heim erfüllt. Sie habe die Einrichtung wie vorgeschrieben einmal pro Jahr kontrolliert, zuletzt im November. Dabei seien keine gravierenden Mängel festgestellt worden. Sie seien vergleichbar mit anderen Einrichtungen im Landkreis gewesen. Auch zwei anlassbezogene Kontrollen hätten 2019 keine besonderen Ergebnisse erbracht.
