Telefon-Betrug

Schockanruf im Isarwinkel: Frau versucht, Täter in Falle zu locken

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Nicht nur Senioren laufen Gefahr, den überaus geschickt agierenden Telefonbetrügern ins Netz zu gehen.
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Eine Frau aus dem Isarwinkel hat versucht, Telefon-Betrüger zu einer fingierten Geldübergabe zu treffen. Was sagt die Polizei zu dieser Strategie?

Bad Tölz-Wolfratshausen – Abzocke per Schockanruf: Viele Menschen wissen prinzipiell über die gängigen Maschen von Telefonbetrügern Bescheid. Trotzdem kann es jedem passieren, dass einen die Täter auf dem falschen Fuß erwischen – und man am Ende viel Geld los ist. Diese Erfahrung machte jetzt auch ein älteres Ehepaar aus dem Isarwinkel, das sein Erlebnis dem Tölzer Kurier schildert. Dank einer geistesgegenwärtigen Reaktion blieb der Betrugsversuch in diesem Fall erfolglos – doch es gibt genug andere Beispiele.

Angebliche Oberkommissarin verlangt Kaution für Tochter

Vor einigen Tagen, so berichtet es die Isarwinklerin unserer Zeitung, habe sich am Telefon eine angebliche „Oberkommissarin“ mit einer wahrlich erschütternden Mitteilung gemeldet: Die Tochter des Ehepaars habe in München-Perlach einen 28-jährigen Radfahrer totgefahren. Anschließend habe sie Fahrerflucht begehen wollen, sei aber gefasst worden. Ihr Ehemann, der mit im Wagen saß, sei schwer verletzt. Im Hintergrund war sein vermeintliches Schluchzen zu hören. Die Tochter selbst befinde sich nun in Untersuchungshaft und könne nur gegen Kaution freikommen.

Der Mann aus dem südlichen Landkreis, dem dieser angebliche Horror berichtet wurde, war völlig schockiert. Seine Ehefrau berichtet, sie sei ins Zimmer gekommen und habe ihren Mann gerade entsetzt ins Telefon rufen hören: „Aber sie können meine Tochter doch nicht in Untersuchungshaft nehmen! Sie hat kleine Kinder!“ Im selben Moment sei ihr klar gewesen, was da gerade ablief. „Ich habe meinem Mann den Hörer aus der Hand genommen und der ,Oberkommissarin‘ zum Schein gesagt: ,Natürlich zahlen wir die Kaution, wo können wir Sie treffen?‘“ In dem Moment habe die Person am anderen Ende der Leitung aber aufgelegt. „Wahrscheinlich hat sie meiner Stimme angehört, dass ich ihr nicht glaubte.“

Täter erzeugen psychische Ausnahmesituation

Die Geschichte mit dem schweren Unfall und der Untersuchungshaft „ist genau die Masche, die derzeit am meisten zur Anwendung kommt“, bestätigt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. „Damit erzeugen die Täter bei ihren Opfern eine psychische Ausnahmesituation.“ Die Betrüger versuchen laut Sonntag, möglichst heftige Emotionen zu wecken. Sie gehen laut Sonntag dabei „so versiert“ vor, dass absolut jeder Gefahr laufe, in ihre Falle zu gehen. „Das betrifft nicht nur ältere Menschen, sondern viele, die in der Mitte des Lebens stehen.“ Auch der Isarwinkler Mann sei eigentlich sehr gut informiert, berichtet seine Frau – was ihn in dem kritischen Moment aber nicht davor bewahrte, in akute Sorge um seine Tochter auszubrechen.

Dass die Ehefrau so geistesgegenwärtig reagierte und einschritt, ist aus Sicht des Polizeisprechers „toll zu hören“. Und was hält der Experte davon, die Täter in eine Falle locken zu wollen? „Das müssen wir jedem selbst überlassen“, sagt Sonntag. Maßgeblich sei, ob sich derjenige der Situation gewachsen sehe, über eine gewisse Zeit das Gespräch mit einem Straftäter aufrechtzuerhalten.

„Wer sich dadurch sehr belastet oder unsicher fühlt, für den ist es auch eine gute Möglichkeit, einfach aufzulegen, dann ist die Sache für ihn erledigt.“

Für fingierte Geldübergabe unbedingt Polizei involvieren

Ein fingiertes Treffen für eine „Geldübergabe“ einzufädeln, „kann aber klappen“, sagt Sonntag. Unbedingt müsse man dabei die Polizei involvieren. Während eine Person mit dem Betrüger telefoniert – „die Täter halten ihre Opfer oft über Stunden am Telefon“ – könne ein anderer Haushaltsangehöriger von einem anderen Telefon aus die Polizei anrufen. Gelinge es dann tatsächlich, einen Geldabholer auf frischer Tat zu ertappen, sei das für die Polizei die beste Chance, der Täter habhaft zu werden.

Wichtig sei es in jedem Fall, nach einem solchen Anruf Anzeige zu erstatten – „auch wenn kein Vermögensschaden entstanden ist“, so Sonntag. Wenn der Polizei eine Häufung von Anrufen in einer bestimmten Region bekannt werde, könne sie gezielt über die Medien warnen. Außerdem sei die Kenntnis über die einzelnen Betrugsversuche wichtig, um mögliche Tatzusammenhänge herzustellen, wenn einmal ein Schuldiger gefasst wird.

67 Callcenter-Betrüger in der Türkei verurteilt

Dies ist zwar schwierig, aber eben nicht unmöglich, wie ganz aktuell ein Prozess im türkischen Izmir zeigt. Dort wurden laut Bayerischem Rundfunk 67 Callcenter-Betrüger zu hohen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten als falsche Polizisten Menschen vor allem im Raum München um über 120 Millionen Euro gebracht. Der Fall mache deutlich, wie wichtig die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Polizeibehörden sei, wenn sie funktioniert, meint Sonntag.

Vorbeugend könne die Polizei nur immer wieder aufklären, damit noch mehr Menschen so gewappnet sind wie die Isarwinklerin. Sonntag sind aber auch genug andere Fälle bekannt. Der größte Schaden, an den er sich bei einem Telefonbetrug erinnert, betrug etwa eine halbe Million Euro. Eine Frau hatte den Tätern Goldbarren und -münzen in diesem Wert ausgehändigt. Im allgemeinen liege die Schadenssumme zwischen einem niedrigen fünfstelligen und einem mittleren sechsstelligen Betrag.

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