VonChristoph Petersschließen
Geliebte Puppen-Raritäten von anno dazumal, abgeknuddelte Bären und eine ganz besondere „Ärztin“: Ein Besuch beim „Puppendoktor“ – und eine kleine Zeitreise.
Schongau – 90 Jahre alt ist der Patient, der vor Ute Geier auf dem Tisch in der Geschäftsstelle der Schongauer Nachrichten liegt. Der Zahn der Zeit, er hat Spuren hinterlassen: Durch die durchgewetzten Pfoten des mitleidig daliegenden Bären tritt die Holzwolle zutage. „Da braucht es neue Tatzen“, stellt Geier mit prüfendem Blick sofort fest. Kein Problem für die Puppen- und Bärendoktorin. Das Heilen von Wehwehchen und Blessuren dieser Art ist ihre Profession. Am Freitag hatte Geier zur Sprechstunde bei den Schongauer Nachrichten geladen und sorgte mit ihrer Kunst für viel Freude bei den herbeieilenden Kunden.
Extra aus Murnau haben sich Elisabeth Walcher und Peter Porsch auf den Weg nach Schongau gemacht, um besagten Teddy behandeln zu lassen. Ebenfalls im Krankenstand dabei: Puppe Heidi, die es immerhin auf stolze 70 Jahre bringt. „Beide habe ich als Kind bekommen“, sagt Walcher. „Es sind Erinnerungsstücke, an denen man hängt.“
Eine Kiste voller Ersatzteile
Geschickt schneidet Geier den Filz zurecht, mit dem sie dem Bären anschließend neue Tatzen beschert. In einer weiteren OP, bei der sie dem Patienten mit der Nagelschere vorsichtig den Rücken aufschneidet, setzt die Puppenärztin dem Teddy eine neue Stimme ein – nach jahrelangem Schweigen brummt der Bär endlich wieder. Anschließend ist Heidi dran, der Puppe aus Zelluloid ist ein Arm kaputt gegangen. In ihrem Auto wühlt sich Geier durch Kisten voller Ersatzteile. 4000 Stück hat sie immer dabei, in der Werkstatt im oberfränkischen Lisberg lagern noch viel mehr.
Die Murnauer haben Glück: Geier findet den passenden Arm. Und weil sie schon einmal dabei ist, erneuert sie in einem Aufwasch auch gleich die Gummis, mit denen die Gliedmaßen am Körper der Puppe befestigt sind. Ausgeleierte Gummis seien eines der häufigsten Probleme, weiß die Puppenärztin. Etliche Puppen an diesem Tag leiden unter diesen Beschwerden. Auch jene von Emilie Keller.
Sammlerwert einer Gliederpuppe: 1000 Euro
Die Schwabsoierin hat ein ganz besonderes Exemplar vorbeigebracht. Über 70 Zentimeter misst die hölzerne Gliederpuppe mit Echthaar. Ihr Alter schätzt Geier auf über 100 Jahre. Der Sammlerwert: 1000 Euro. „In der Größe habe ich eine solche Art noch nie gesehen“, schwärmt die Expertin begeistert. Und das will etwas heißen, schließlich hat sich Geier in ihrer Karriere schon um viele Patienten gekümmert. Eine sehr gute Freundin, die mit 90 Jahren verstorben sei, habe sie ihr geschenkt, erzählt Keller, während sie liebevoll die Puppe betrachtet, die mit neuen Gummis ausgestattet endlich wieder einen imposanten Eindruck macht. „Ich habe gar nicht gewusst, dass sie so etwas Besonderes ist.“
Auf dem Operationstisch gelandet
Etwas Besonderes, das ist auch die nächste Puppe, die auf dem OP-Tisch in der Geschäftsstelle landet. Als Kind hat Andrea Leibnitz sie geschenkt bekommen, über 60 Jahre hat die Puppe seitdem die Hohenfurcherin begleitet. Vor ein paar Wochen dann das große Unglück: Das gute Stück stürzte vom Regal im Schlafzimmer. Diagnose: Beinbruch. Als sie in der Zeitung gelesen habe, dass die Puppendoktorin komme, „war klar, da muss ich unbedingt hin“. Und natürlich kann Ute Geier auch in diesem Fall helfen. Schnell ist das neue Bein am richtigen Fleck. Der Patient habe noch Glück im Unglück gehabt, sagt die Puppenärztin. Oft gehe bei Stürzen der Kopf zu Bruch. Den könne man zwar austauschen, doch ohne den Original-Kopf verliere die Puppe ihre Identität. Dann ist selbst die Puppenärztin mit ihrem Latein am Ende.
Lesen Sie auch:
Die Besitzer des Saliterhofes in Kurzenried hatten ihren Maibaum in trügerischer Sicherheit gewähnt, berichten die Burschen und Madln aus Burggen, die das gnadenlos auszunutzen wussten.

