Klaus Heilinglechner steht Rede und Antwort

Sektkorken, Marienbrunnen, „Stillstandshausen“: Ein Interview mit Wolfratshausens Rathauschef

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Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner (55) stand kurz vor dem Jahreswechsel dem Redaktionsleiter des Isar-Loisachboten/Geretsrieder Merkur, Carl-Christian Eick, Rede und Antwort.
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Kurz vor dem Jahreswechsel stand der Wolfratshauser Bürgermeister Klaus Heilinglechner (55) unserer Zeitung ausführlich Rede und Antwort.

Wolfratshausen – Ein Jahr mit Höhen und Tiefen liegt hinter der Flößerstadt. Der Stadtrat trug das Surfwellen-Projekt zu Grabe, das städtische Gebäude am Untermarkt 10 ist mit der Tourist-Info wiederbelebt worden, bei einem Bürgerentscheid sagten die Wolfratshauser Nein zu der vom Stadtrat beschlossenen Versetzung des Marienbrunnens. Redaktionsleiter Carl-Christian Eick sprach kurz vor dem Jahreswechsel mit Wolfratshausens Rathauschef Klaus Heilinglechner über Euphorie, „Stillstandshausen“ und ein zentrales Parkhaus in der Flößerstadt.

Sektkorken, Bürgerentscheid und „Stillstandshausen“: Ein Interview mit Wolfratshausens Rathauschef

Herr Bürgermeister, was war für Sie 2022 die größte Enttäuschung?

Dass die Menschen immer dünnhäutiger werden. Dass der eine oder andere seinen persönlichen Frust an anderen auslässt. Ansonsten kann ich rückblickend nicht feststellen, dass es große Enttäuschungen gab. Ich bin aber jemand, der schnell verdrängen kann – Sie können mir gerne auf die Sprünge helfen.

Die Surfwelle war bekanntlich ein Herzensprojekt des Bürgermeisters, und Sie haben für die Versetzung des Marienbrunnens gekämpft. Beide Vorhaben haben sich zerschlagen.

Richtig. Das tut in gewisser Weise schon weh. Aber das ist Politik. Wenn ich jedes Mal ein persönliches Drama daraus machen würde, dann könnte ich meinen Job an den Nagel hängen. Wie gesagt: Ich kann so etwas relativ schnell abhaken – in dem Bewusstsein, dass ich es probiert habe, dass ich mich für das Projekt eingesetzt habe.

Woran hat’s denn gelegen?

Bei der Surfwelle war’s ein schleichender Prozess. Das Projekt hat sich ständig verteuert, sodass schließlich die Reißleine gezogen werden musste. Auch wenn die Surfwelle – davon bin ich nach wie vor überzeugt – dem Image Wolfratshausens sehr gut getan hätte. Aber es geht halt nicht zu jedem Preis. Beim Marienbrunnen hätte man vielleicht noch ein bisschen intensiver Aufklärungsarbeit betreiben müssen. Aber für Projektgegner ist es grundsätzlich immer leichter, einfach eine Behauptung in den Raum zu stellen und die nicht umfassend Informierten auf ihre Seite zu holen. Doch ich ziehe mir den Schuh an: Man hätte in Sachen Marienbrunnen zeitlich früher mit der offensiven Aufklärungsarbeit beginnen müssen.

Welche Lehren kann man aus den Themen Surfwelle und Marienbrunnen ziehen?

Dass es grundsätzlich sehr schwierig ist, Vorhaben, von denen man selbst überzeugt oder gar euphorisch ist, anderen nahezubringen.

Weil die anderen keine Ahnung haben?

Nein, Unsinn, natürlich nicht. Sondern weil’s einfach unterschiedliche Blickwinkel gibt – und das ist gut so, und das muss man respektieren.

Sie liefern ein gutes Stichwort: Fehlt’s dem Stadtrat manchmal an Euphorie? An großer, freudiger Geschlossenheit?

Jeder Stadtrat muss im Einzelfall die Argumente pro und kontra abwägen und eine persönliche Entscheidung treffen. Leider gab’s Beschlüsse – Beispiel Parkhaus auf dem Hatzplatz –, die der Stadtrat wieder aufgehoben hat. Heute stellen wir fest, dass wir um das Thema, um eine erneute Entscheidung nicht herumkommen...

...ein Parkhaus in der Innenstadt?

Genau. Man sieht es übrigens oft beim Blick in die Nachbarstadt. Dort gibt’s offenkundig eine größere Geschlossenheit, das muss man neidvoll anerkennen.

Seit dieser Amtsperiode gibt’s sogar fünf Fraktionen im Wolfratshauser Stadtrat.

Ja, das macht’s nicht einfacher. Meine Arbeit ist dadurch noch anspruchsvoller geworden als in meiner ersten Amtsperiode.

Wie darf sich der Bürger das Ringen um politischen Mehrheiten vorstellen? Trifft man sich regelmäßig in verschlossenen Hinterzimmern?

(lacht) Nein, ich und meine Stellvertreter Günther Eibl und Annette Heinloth treffen uns immer förmlich im Rahmen einer Fraktionssprecher-Sitzung mit den Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen. Ich denke nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger möchten, dass Stadtpolitik im Hinterzimmer gemacht wird. Und ich möchte so etwas auch nicht! Doch noch ein Wort zur Geschlossenheit: Wir brauche n die dringend für Projekte, die noch anstehen. Allen voran die Sanierung und Erweiterung der Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg. Da hat eine, ich sage mal nicht durchgängige Geschlossenheit dazu geführt, dass wir eineinhalb Jahre und viel Geld verloren haben.

„Das Parkraumkonzept wird in der Stadtratssitzung im Februar vorgestellt. Wir werden uns parallel dazu intensiv noch einmal Gedanken über ein zentrales Parkhaus machen müssen.“

Sie meinen den Vorstoß der CSU-Fraktion, das vom ehemaligen Kulturreferenten Alfred Fraas ungefragt erarbeitete Schulbaukonzept von Fachleuten prüfen zu lassen. Das war doch ein politischer Schachzug, oder?

(zögert) Ich habe schon oft darauf hingewiesen: Wir sind hier dafür verantwortlich, Politik für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Wolfratshausen zu machen. Es geht auch nicht um mich. Ich baue auch keine Brücken, an die ich Schilder hänge: „Diese Brücke wurde erbaut unter...“

...das unterscheidet Sie von Amtsvorgängern.

(schmunzelt) Das mag sein. Auch die Aufwertung der Altstadt treibe ich nicht aus persönlichen Gründen voran. Ich will das für die Bürgerinnen und Bürger, die sich mit Wolfratshausen identifizieren sollen – und ich und vermutlich die große Mehrheit des Stadtrats wollen das zum Wohle der Gewerbetreibenden. Grundsätzlich darf’s nie darum gehen, sich persönlich zu profilieren, sondern es geht immer um die zukünftige Ausrichtung, um die optimale Aufstellung der Stadt.

Wann sind Sie heuer nach Hause gekommen und haben sich gedacht: Das war ein guter Tag, heute köpfe ich eine Flasche Sekt.

Leider verlernt man, das Positive zu sehen. Man hat das Gefühl, von einer Krise in die nächste zu rauschen. Man darf aber die Vorhaben nicht vergessen, die durchgesetzt worden sind. Es freut mich zum Beispiel außerordentlich, dass das Rathauscafé in diesem Jahr eröffnet wurde – und sehr gut angenommen wird. Es freut mich auch sehr, dass die Schlüsselimmobilie am Untermarkt 10 mit städtischer Tourist-Info und ab Februar mit unserem neuen Museum wiederbelebt worden ist. Nicht zu vergessen: Ich freue mich schon darauf, wenn im nächsten Jahr die Bauarbeiten am Standort des ehemaligen Isar-Kaufhauses abgeschlossen sind – und an der Stelle ein neues Wohn- und Geschäftshaus steht. Es hat sich in diesem Jahr sehr, sehr, viel bewegt in unserer Stadt, und trotzdem lasse ich natürlich nicht dauernd die Sektkorken knallen.

Herr Bürgermeister, lebt die Stadt Wolfratshausen über ihre finanziellen Verhältnisse?

Der latente Vorwurf, Sie seien der Bürgermeister von „Stillstandshausen“, prallt also inzwischen an Ihnen ab?

Nein, diese Unterstellung, dieses Vorurteil wurmt mich immer noch sehr. Was mich aber auch ärgert: Wir, Bürgermeister und Stadträte, wollen stets eine Veränderung zum Positiven und dann werden aus den eigenen Reihen Stimmen laut, die rufen: „Es soll sich nichts verändern, alles muss so bleiben, wie es schon immer war.“ Dann denke ich, dass im Begriff „Stillstandshausen“ leider ein Körnchen Wahrheit steckt. Und: Wir verlieren uns viel zu oft im Klein-Klein. Zur Entscheidung wird noch ein Gutachten gebraucht, dann noch eins und das noch und das noch. Schließlich hat man das Große und Ganze nicht mehr im Auge.

Die Sanierung und Erweiterung der Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg kostet rund 50 Millionen Euro, die Aufwertung der Altstadt etwa 14 Millionen Euro – die Rechtsaufsicht am Landratsamt hat vor einer „verdeckten Überschuldung“ Wolfratshausens gewarnt. Lebt die Stadt über ihre Verhältnisse?

Nein. Es kommen große, kostspielige Aufgaben auf uns zu, das stimmt. Stichwort Hammerschmiedschule: Das Projekt hätten wir schon früher anpacken sollen, eine Schule ist kein Leuchtturmprojekt, sondern eine absolut notwendige Investition, die sein muss. Und bei der Marktstraße hat man 2009 mit der Einbahnregelung begonnen – und letztlich ist es bis heute nichts Halbes und nichts Ganzes. Ähnliches gilt für die geplante Neugestaltung des westlichen Loisachufers und den Bau eines Parkhauses. Man geht die Themen an und kurz vor der Umsetzungsphase verlässt die Entscheidungsträger dann der Mut. Natürlich muss man die Finanzen immer im Blick halten. In den vergangenen rund zehn Jahren haben wir kräftig Schulden abgebaut. Aber jetzt kommt eine Phase, in der wir investieren müssen. Es macht doch keinen Sinn, dass die Stadt sich totspart.

Das heißt: Zur Not so viel Geld aus dem Sparschwein holen wie möglich – und zusätzlich neue Darlehen aufnehmen?

Ja. Wir können die Zukunft unserer Stadt nicht gestalten, wenn wir nicht bereit sind, zu investieren. Wir dürfen uns nicht überschulden, wir dürfen aber auch keine Angst davor haben, Geld auszugeben, wenn die Investition unsere Stadt voranbringt.

Spielt in diesem Zusammenhang der Wettbewerbsdruck eine Rolle?

Sicherlich. Wenn ich in die Nachbarstadt schaue, stelle ich fest: In Geretsried hat man Mut, dort wird investiert. Obwohl es bei den Nachbarn ja auch kein Gold vom Himmel regnet.

Zudem, so mein Eindruck, tritt der Stadtrat in Geretsried zumindest nach Außen geschlossen auf. In Wolfratshausen kritisieren Stadträte in sozialen Netzwerken die vom Gremium gefällten Entscheidungen, jüngst stieß die Wolfratshauser Liste ein Bürgerbegehren an, um einen Stadtratsbeschluss zu kippen.

Ja, so etwas gibt’s in anderen Kommunen nach meinem Wissen nicht. Aus dem Stadtrat heraus ein Bürgerbegehren zu initiieren, das hat eine ganz neue Liga aufgemacht. Natürlich zählt der Bürgerwille, ein Bürgerentscheid ist ein demokratischer Prozess. Aber das ist eine Stadtratsentscheidung auch.

„In meinen Augen ist es kontraproduktiv, wenn der Wirtschaftsreferent die Gewerbetreibenden mit erhobenem Zeigefinger vor der Altstadt-Aufwertung warnt, die angeblich großes Ungemach mit sich bringt.“

Die Liste WOR hat angekündigt, weitere Einzelpunkte der geplanten Altstadt-Aufwertung kritisch unter die Lupe nehmen zu wollen. Sehen Sie das Gesamtprojekt gefährdet?

Die Entscheidungen trifft der Stadtrat.

Wünschen Sie sich mehr Rückendeckung von Ihrer Fraktion, der Bürgervereinigung? Fühlen Sie sich manchmal alleingelassen?

Nein, alleingelassen fühle ich mich nicht.

Bei der Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag stellt sich heraus, ob der Kanzler noch über eine eine Mehrheit im Parlament verfügt. Steht die Mehrheit des Stadtrats hinter dem Bürgermeister?

Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich ein bisschen gewagt. Aber ja, ich gehe davon aus, dass ich mich in vielen Bereichen auf die Mehrheit des Stadtrats verlassen kann. Doch ganz abgesehen von mir: Um die großen Herausforderungen meistern zu können, vor denen wir stehen, muss die Geschlossenheit forciert werden. Die Arbeit wird künftig definitiv nicht leichter.

Der Schulneubau und die Altstadt-Aufwertung stehen für 2023 auf der Agenda. Sonst noch ein Großprojekt?

Nein. Ich habe nicht vor, noch ein Großprojekt aus dem Hut zu zaubern. Wir haben genug, was vorangebracht beziehungsweise zum Abschluss gebracht werden muss. Natürlich muss aber der Stadtrat entscheiden, ob und was er zudem noch verändern möchte.

Was wollen Sie verändern?

Mir geht’s um die Aufwertung der Stadt. Sei es durch bauliche Maßnahmen in der Altstadt oder dies sogar in Kombination mit der Neugestaltung des westlichen Loisachufers. Wohl wissend, dass eine teure Sanierung und Erweiterung der Hammerschmiedschule ansteht. Das ist eine Pflichtaufgabe. Deswegen darf aber nicht alles andere zurückgestellt werden.

Hatte die Stadt in jüngster Vergangenheit zu viele Bälle in der Luft, wollte man zu viele Projekte realisieren?

Grundsätzlich ist es ja etwas sehr Positives, viele Projekte auf der Agenda zu haben. Allerdings litt darunter zuletzt die Verwaltung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden über Gebühr beansprucht.

Hätten bestimmte Projekte nicht aufeinander aufbauen müssen? Erst ein Parkraumkonzept, dann die Aufwertung der Altstadt?

Beide Projekte waren schon länger geplant, wir hatten beide oft durchdiskutiert.

Die Entwurfsplanung für die Altstadt-Aufwertung sieht keine Parkplätze in der Marktstraße vor. Ergo muss wieder über ein Parkhaus nachgedacht werden?

Bekanntlich war das auf dem Hatzplatz geplant. Doch der Stadtrat hat es schließlich abgelehnt. Ich hätte mir gewünscht, dass man sich mit dem Konzept noch einmal vertieft befasst, bevor man die Pläne zu Seite legte.

Also kommt’s 2023 noch einmal auf die Agenda?

Das Parkraumkonzept wird in der Stadtratssitzung im Februar vorgestellt. Wir werden uns parallel dazu intensiv noch einmal Gedanken über ein zentrales Parkhaus machen müssen.

Erneute Kandidatur bei der Bürgermeisterwahl 2026?

Auf dem Hatzplatz oder am Hammerschmiedweg, hinter dem Sparkassen-Gebäude?

(zögert) Wir reden über ein zentrales Parkhaus in Altstadtnähe.

Für viele Gewerbetreibende könnte die Altstadt-Aufwertung zu spät kommen. Hier und da geht’s unter anderem um die Frage, ob die Kinder das elterliche Geschäft weiterführen – oder ihr Heil in der Flucht suchen.

Da sehe ich tatsächlich eine Gefahr für unsere Innenstadt. Deswegen will ich rechtzeitig gegensteuern. Diese gefährliche Entwicklung sollte übrigens auch der Wirtschaftsreferent des Stadtrats (Helmut Forster, Wolfratshauser Liste, Anm. d. Red.) sehen. Ein Wirtschaftsreferent sollte sich für zukunftsorientierte Lösungen stark machen, sollte die Stimme der Gewerbetreibenden sein. In meinen Augen ist es kontraproduktiv, wenn der Wirtschaftsreferent die Gewerbetreibenden mit erhobenem Zeigefinger vor der Altstadt-Aufwertung warnt, die angeblich großes Ungemach mit sich bringt. Stattdessen sollte er die positiven Aspekte des vom Stadtrat mit großer Mehrheit beschlossenen Vorhabens betonen.

Ihr Wunsch für 2023?

Dass die laufenden Projekte erfolgreich weitergeführt werden und wir mit dem Parkplatz und der Altstadt- Aufwertung vorankommen.

Sie meinen das Parkhaus auf dem Hatzplatz?

(lächelt) Auf den Standort lasse ich mich heute nicht festnageln.

Für wie viele Pkw?

100 bis 120 Pkw-Stellplätze sollten es sein. Wir können nicht nur Parkplätze in der Innenstadt auflösen, wir müssen auch neue schaffen. Das ist auch ein Ergebnis des Bürgerbeteiligungsprozesses im Rahmen der Altstadt-Aufwertung.

Ihr Amtskollege in Geretsried, Bürgermeister Michael Müller, hat erklärt, dass er bei der Kommunalwahl 2026 noch einmal als Rathauschef kandidieren möchte. Und Sie?

Das lasse ich noch offen.

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