Nachruf

Sie half über 3000 Babys auf die Welt: Trauer um die ehemalige Tölzer Hebamme Gertrud Peterek

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Gertrud Peterek lebte seit 1995 im Josefistift. „Das wurde mir zum Zuhause, da fühlte ich mich wohl und angenommen“, heißt es in einem Brief, den sie hinterlassen hat.
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Ihrem Beruf als Hebamme galt ihre ganze Liebe: Mehr als 3200 Babys hat Gertrud Peterek auf die Welt geholfen. Jetzt ist sie im Alter von 98 Jahren gestorben.

Bad Tölz – Mehr als 3200 Kindern hat Gertrud Peterek auf die Welt geholfen. Hebamme zu sein, das war für die gebürtige Oberschlesierin, die selbst keine Familie hatte, viel mehr als nur ein Beruf. Ihre ganze Liebe galt dieser Aufgabe. „Ich liebte meine Muttis, meine Babys, und bis zum Ende meines Lebens blieb jede Begegnung mit meinen Muttis Freude und dankbares Rückerinnern“, schreibt Gertrud Peterek in einem Brief, den sie hinterlassen hat. Am Donnerstag ist sie im Alter von 98 Jahren im Josefistift gestorben,

Bereits seit 1995 lebte sie in dem Tölzer Pflegeheim – und das gerne. „Sie hat das alles immer in den höchsten Tönen gelobt und sich dort sehr wohlgefühlt“, sagt Franz Rampf. Der Tölzer lebte viele Jahre im selben Haus wie Gertrud Peterek, die auch Taufpatin seiner Lebensgefährtin ist. Als die rührige Seniorin nicht mehr alles alleine regeln konnte, übernahm er die rechtliche Betreuung.

Gertrud Petereks Verlobter fiel an der Front 

Der Eingangsbereich des Heims war der Stammplatz von Gertrud Peterek. „Da hat sie immer gesessen und allen zugewunken“, sagt Heimleiterin Bettina Emmrich. Als „offene und liebenswerte alte Dame“, beschreibt sie ihre langjährigste Bewohnerin. Bis vor wenigen Jahren sei sie sehr aktiv und gesellig gewesen. „Sie hat leidenschaftlich gerne gekegelt und einige Pokale abgeräumt“, erzählt Emmrich mit einem Lächeln.

Geboren wurde Gertrud Peterek 1921 in Deutsch-Krawarn in Oberschlesien. Ihre Leidenschaft für ihren späteren Beruf erbte sie von ihrer Mutter Maria. Auch sie war Hebamme. Der Krieg brachte viel Leid über die Familie. Bruder Leo und ihr Verlobter fielen 1945 an der Front. Im September 1946 mussten sie und ihre Eltern dann die Heimat verlassen. „In Viehwaggons waren wir drei Tage und drei Nächte unterwegs in eine ungewisse Zukunft“, schreibt Gertrud Peterek. Aber die Familie hatte Glück, kam in Mittelfranken auf einem Bauernhof unter, „der uns zur zweiten Heimat wurde“. 1949 trat die junge Frau zum Hebammenlehrgang in Erlangen an. Ein jahr später legte sie ihr Examen ab. Nach einer Station an einer Münchner Privatklinik kam sie 1953 nach Bad Tölz. „Der Anfang war schwer“, schreibt sie. In einer hilfsbereiten, freundlichen Kollegin fand sie aber schnell eine Vertraute. „Es wurde eine Freundschaft fürs Leben.“

Ihr Vater starb beim Zugunglück in Warngau

1956 zogen ihre Eltern zu ihr nach Tölz, die Mutter war da schon herzleidend. 18 Jahre später starb sie nach dem vierten Schlaganfall. „Nach ihrem Tod wurde mein Vater ein fast hilfloser Mann“, schreibt seine Tochter. Im Juni 1975 verlor er sein Leben beim Zugunglück in Warngau.

Gertrud Peterek war zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich bereits stark angeschlagen. „Schweren Herzens musste ich einsehen, dass ich meinen Beruf nicht mehr werde ausüben können.“ Die Frau, für die die Hebammentätigkeit ihr ganzes Leben war, stürzte in ein tiefes Loch. „Ich sah keinen Sinn mehr, keinen Ausweg. Es wurde dunkel um mich“, schreibt sie. Es war ihr tiefer Glaube, der Gertrud Peterek rettete. Sie selbst schildert den Moment so: „Wunderbar kam die Antwort vom Herrn, in einem einzigen Augenblick – alles Schwere fiel von mir ab, es wurde Licht um mich. Friede, Freude und tiefe Dankbarkeit erfüllten mein Herz.“ Und diese Gefühle begleiteten sie ihr ganzes weiteres Leben.

Tiefgläubig blieb sie bis zuletzt. Engelchen, Kreuze und viele Heiligenbilder in ihrem Zimmer im Josefistift zeugen davon. Gertrud Petereks Brief in ihrem Nachlass endet mit diesem Satz. „Ich wünsche mir nur eines: In diesem Frieden, mit Freude und Dank einst vor meinen Herrgott treten zu dürfen.“ Am Donnerstagmorgen, so berichtet Bettina Emmrich, ist Gertrud Peterek ganz friedlich eingeschlafen.

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