Porträt

Chancen für behinderte Menschen: Lebenshilfe-Mitbegründerin Maria Schnitzer wird 90

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Legte den Grundstein für die Lebenshilfe im Landkreis: Maria Schnitzer.
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Als Mitbegründerin und Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe Bad Tölz-Wolfratshausen ist sie eine Pionierin der Behindertenarbeit im Landkreis. Diesen Mittwoch wird Maria Schnitzer 90.

Bad Tölz – Wenn Menschen mit Behinderung heute selbstverständlich am öffentlichen Leben teilnehmen, dann sieht Maria Schnitzer das mit Freude. Sie hat auch andere Zeiten erlebt – in denen Familien mit einem behinderten Kind nicht etwa ins Schwimmbad gingen, sondern es zu Hause versteckten. Menschen mit Handicap neue Möglichkeiten zu eröffnen, dazu hat Maria Schnitzer als Mitbegründerin der Lebenshilfe einen wichtigen Beitrag geleistet. Am Feiertag Mariä Himmelfahrt feiert die Tölzerin ihren 90. Geburtstag.

Geboren wurde sie 1928 als Maria Amler im Kreis Saaz im Sudetenland. Als 17-Jährige wurde sie aus ihrer Heimat vertrieben, musste zusammen mit Mutter und Schwester zu Fuß über das Erzgebirge laufen. Ihr Vater wurde in Juni 1945 beim Massaker in Postelberg ermordet.

Ihr Weg führte Mutter und Töchter bis nach Traunstein weiter. Dort verdingte sich Maria zunächst als Hausmädchen. Bald aber setzten sie ihre Dienstherren in ihrem Dirndlgeschäft ein. Hier lernte sie Anton Schnitzer kennen, einen Traunsteiner Kfz-Meister. 1955 heirateten sie.

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Zwei Jahre später kam das junge Ehepaar nach Bad Tölz, baute und eröffnete mit dem Partner Shell eine Tankstelle an der Ludwigstraße. Die Schnitzers vergrößerten sich bald um einen florierenden Reifenhandel und eine moderne Waschanlage.

1956 kam Tochter Edith zur Welt, 1958 folgte Sohn Toni. Bei der Geburt der Zwillinge Christoph und Markus 1962 kam es, auch aufgrund ärztlicher Fehleinschätzungen, zu ernsten Komplikationen. Markus, der Jüngere, trug eine schwere Schädigung des Sprachzentrums im Gehirn davon.

Maria Schnitzer, enorm umtriebig im Bemühen, Therapiemöglichkeiten aufzutun, stieß in diesem Zusammenhang einige Jahre später auf die Lebenshilfe, die bis dahin nur in München existierte. In einer Lebenshilfe-Zeitung entdeckte sie auch den Hinweis auf einen Spezialisten-Kongress zum Thema „Das behinderte Kind in der Familie“. Sie fuhr nach Hallstatt (Österreich) und nahm teil – als einzige betroffene Laiin unter medizinischen Koryphäen wie dem berühmten Kinderarzt Hans Asperger. Er war der erste, der ihr in Bezug auf Markus sagte: „Da können wir schon was machen.“ Er vermittelte sie an die Kinderklinik in Innsbruck sowie eine Kinderärztin aus Südtirol. Markus lernte nach und nach zu sprechen. Später machte er seinen Abschluss an einer „normalen“ Berufsschule in Regensburg.

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In Hallstadt war Maria Schnitzer auch dem Lebenshilfe-Gründer Tom Mutters begegnet. Er ermutigte sie, eine Kreisvereinigung in Bad Tölz zu gründen. Zwischen Miesbach und Murnau tat Maria Schnitzer sieben Familien mit behinderten Kindern auf. Ihnen stellte Landrat Anton Wiedemann einen Raum im damaligen Tölzer Jugendheim zur Verfügung, wo die Kinder regelmäßig vormittags betreut wurden, während die Mütter für ein paar Stunden eine Verschnaufpause hatten.

1970 wurde der Verein Lebenshilfe Bad Tölz-Wolfratshauen gegründet, Maria Schnitzer war bis 1981 Vorsitzende. Aus den kleinen Anfängen entwickelte sich einer der wichtigsten Träger der Behindertenarbeit im Landkreis. Heute betreibt die Lebenshilfe unter anderem die Von-Rothmund-Schule, eine Heilpädagogische Tagesstätte, eine Förderstätte und drei Wohnheime.

Maria Schnitzers Ehe währte 46 Jahre – „zu kurz“, wie sie sagt. 2001 starb Anton Schnitzer. Die Tankstelle führte sie danach zusammen mit Markus und Toni weiter. Markus betreibt bis heute den dazugehörigen Shop und Getränkemarkt. Ihren Geburtstag feiert Maria Schnitzer im Kreis ihrer Familie, zu der sechs Enkel und ein Urenkel gehören.

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