VonMagnus Reitingerschließen
Der Weilheimer Richard Oehmann ist Mit-Autor des Singspiels beim Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg. Warum ihm Einschaltquoten und Politikermeinungen dabei egal sind, verrät er im Interview.
Weilheim/München – Zweimal haben Richard Oehmann und Stefan Betz bislang das Singspiel bei der traditionellen Starkbierprobe auf dem Münchner Nockherberg geschrieben und gestaltet – zuletzt 2019. Beide Male gab’s beste Kritiken dafür. Nach drei Jahren Pause aufgrund der Pandemie und des Kriegsbeginns in der Ukraine ist es nun wieder soweit: Am Freitag, 3. März, geht das Politiker-Derblecken vor reichlich Prominenz über die Bühne, live übertragen ab 19 Uhr im BR Fernsehen. Wann das Singspiel für ihn ein Erfolg ist und was er am Samstag danach macht, das erzählt Oehmann (56) – der aus Weilheim stammt und auch für „Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater“ bekannt ist – im Interview der Heimatzeitung.
Wie steht’s um die Aufregung, so kurz vor der Singspiel-Aufführung? Können Sie noch ruhig schlafen?
Da gibt es wenig Unterschied zu sonst. Ich bin sowieso ein schlechter Durchschläfer. Das kann aber durchaus praktisch sein, wenn nachts zum Beispiel ein Liedtext herauskommt.
Was könnte Ihnen denn den Schlaf rauben?
Was ganz Banales: Die Grippe. Zwei Darsteller sind grad erkrankt und können hoffentlich am Ende der Woche singen und tanzen.
Worum geht’s im Singspiel 2023?
Um eine von uns erfundene, groteske Extrakrise und um den Wettbewerb, wer besser Krisen meistert: die Regierung Söder oder die Ampelregierung? Eine Miteinander-Gegeneinander-Durcheinander-Farce, die wir vielleicht mit Hilfe einer irischen Melodie positiv enden lassen. In derart doppeldüsteren Zeiten haben wir Lust gehabt, mal die Demokratie zu preisen.
Worauf sollten wir Zuschauer ganz besonders achten?
Da könnte ich wieder zum Spaß die Dialog-Sätze nennen, bei denen in der Probe am meisten gelacht wird: „Alles cool“, „Na gut, das klingt plausibel“ und „Ich hab’ zwar gerade nicht zugehört...“. Ich fürchte aber, dass diese goldenen Worte beim Interviewlesen nicht genauso lustig sind.
Das Personal hat sich ja doch in großen Teilen geändert seit 2019: Keine Merkel mehr auf der politischen Bühne, kein Seehofer – und vor allem kein Scheuer. Wer kann Letzteren denn wenigstens ansatzweise ersetzen?
Derart pittoreske Schmarrnbenis wie der Scheuer sind natürlich recht dankbar zu schreiben. Das CSU-Kabinett gibt da leider wenig her. Wir haben uns deswegen eine Figur herausgesucht, die stellvertretend für die ganze Partei derbleckt wird. Roland Schreglmann wird das fabelhaft spielen, so viel kann ich versprechen.
Geblieben ist immerhin Markus Söder. Schon mal drüber nachgedacht, ihm einfach nur eine Nebenrolle zuzuweisen?
Diese Maßnahme hat es eher beim Team Rosenmüller gegeben, weil das Nachfolgethema Seehofer-Söder irgendwann alle gelangweilt hat. Bei den Singspielen von Stefan Betz und mir war der Söder gut einsetzbar: Mal kurz vor der Gipfeleroberung, dann frischer Ministerpräsident oder auf dem Weg nach Berlin. Derzeit ist er im Dauerwahlkampf, denn man sollte nicht vergessen: Seit er Ministerpräsident ist, hat die CSU zwei große Wahlen völlig vergeigt. Das führt beim Söder zu noch mehr Eigenlob. Bei uns ist er zwar Teil eines wuseligen Ensembles, ragt aber schon deswegen heraus, weil wir dem neuen Darsteller Thomas Unger einen guten Start bereiten wollen.
Was ist über die Jahre der schönste Söder-Gag, den Sie sich verkniffen haben?
„Über die Jahre“ ist gut. Wir haben zwei Singspiele vollstreckt, und zwei sind durch Seuche und Krieg vereitelt worden. Auch beim neuesten Text haben wir uns, glaub’ ich, nix verkniffen. Wir zeigen ihn absolut naturgetreu mit allen Hilfsmitteln des grotesken Realismus.
Das „Derblecken“ auf dem Nockherberg ist ja selber ein Politikum. Spüren Sie heute eigentlich mehr Druck als bei Ihrem ersten Singspiel 2018?
Nein. Es freuen sich nach der Zwangspause einfach noch mehr Leute drauf. Auch im Singspiel-Team übrigens. Das ergibt aber keinen Druck, sondern Spiel- und Lebensfreude.
Wie hat sich Ihr Leben durch diesen medienwirksamen „Job“ verändert?
Der Kollege Betz und ich stehen ja zum Glück nicht im Vordergrund, und beim Nockherberg legt sich der Rummel nach ein paar Tagen. Manchmal kriegt man komische Post von Leuten, die irgendwas schlimm gefunden oder nicht verstanden haben. Ehrenvoller find ich es weiterhin, wenn ich von Kindern auf der Straße als der Typ von Doctor Döblingers Kasperltheater erkannt werde.
Ein solches Satirestück in einer Zeit auf die Bühne zu bringen, da in Europa Krieg geführt wird – ist das eine besondere Herausforderung?
Zugegeben: Wir mogeln uns diesmal fröhlich an den diversen Weltuntergängen vorbei. Es ist sehr schwierig, durch parodierte Figuren irgendwas Angemessenes zum Kriegsthema zu äußern.
Wann ist das Singspiel 2023 für Sie ein Erfolg?
Wenn wir das alles einigermaßen so, wie es gedacht war, über die Bühne gebracht haben. Um so besser, wenn dann noch das wirklich sensationelle Ensemble, aber auch Musik, Bühne und Kostüm angemessen gewürdigt werden! Einschaltquoten oder Politikermeinungen sind egal. Übrigens auch die vielen seltsamen Netz-Kommentare, wo man – fast unabhängig vom konkreten Inhalt – wahlweise als Hofnarr, Vaterlandsverräter oder CSU-Scherge geschmäht wird. Da herrscht oft eine faszinierende Ahnungslosigkeit.
Und was machen Sie am Samstag, wenn die Show vorbei ist?
Erst ausschlafen, und dann geh’ ich vielleicht da hin, wo ich hingehöre: in den Schallplattenladen.
