Kreistag

Situationsbericht der Wolfratshauser Kreisklinik: „Ein extrem verlorenes Jahr“

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Knapp zwei Millionen Euro Defizit fuhren Kreisklinik und Kreispflegeheim im vergangenen Jahr ein.
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Das hatte sich Ingo Kühn, Geschäftsführer der Wolfratshauser Kreisklinik, vermutlich anders vorgestellt. Nach seinem Situationsbericht im Kreistag musste er sich die eine oder andere kritische Anmerkung anhören.

Bad Tölz-Wolfratshausen - Zuvor hatte Kühn auf über zwei Jahre Pandemie zurückgeblickt. 515 Corona-Fälle wurden seit Anfang 2020 in der Kreisklinik behandelt – 136 davon auf der Intensivstation. Im Schnitt dauerte die Beatmung 4,7 Tage. „Mein herzlicher Dank geht ans Personal. Ohne diese Mitarbeitenden wäre das so nicht zu bewältigen gewesen.“

Das Defizit beläuft sich auf 1,4 Millionen Euro - ohne das Kreispflegeheim

Im vergangenen Jahr lag das Defizit der Klinik bei 1,43 Millionen Euro. Berücksichtigt man noch das Lenggrieser Kreispflegeheim, das (noch) an der Kreisklinik hängt, beläuft sich das Minus auf knapp zwei Millionen Euro. Das Ergebnis des in die Jahre gekommenen Heims verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Da mittlerweile auch Fachkräfte fehlen, können seit Längerem nicht mehr alle Betten belegt werden.

Kreispflegeheim ist ein Problem, das sich bald lösen könnte

Dieses Problem wird sich mittelfristig aber lösen. Die Gemeinde Lenggries plant wie berichtet einen Neubau, der 2025 in Betrieb gehen soll. Der Kreis hat bereits vor Längerem beschlossen, die Trägerschaft aufzugeben. Bereits zum 1. Januar 2023 könnte der künftige Betreiber des Pflegeheims, der Caritasverband München, das Heim übernehmen. „Das würde eine Planungssicherheit für die Beschäftigten und Betreuten bringen“, sagte Kühn. Noch sei das aber nicht ganz spruchreif: „Wir sind in Verhandlungen.“

Gutes Vorjahresergebnis liegt auch an hohen Ausgleichszahlungen

Doch auch ohne Heim ist das Defizit rund eine Million Euro höher als im Vorjahr. Investitionen, Kostenanstieg bei Arzneimitteln und „sonstige Effekte“ führte Kühn dafür ins Feld. Allerdings sei das Ergebnis deutlich besser als erwartet, schließlich sei der Wirtschaftsplan von einem Jahresfehlbetrag von rund 2,7 Millionen Euro ausgegangen, so Kühn. Das bessere Abschneiden lag allerdings in erster Linie an der Großzügigkeit des Bunds, wie Landkreis-Controller Hans Gey bereits im April dem Kreisausschuss erklärt hatte. Der Bund ließ den Kliniken in der Pandemie umfangreiche Ausgleichszahlungen dafür zukommen, dass diese über weite Strecken bestimmte Operationen nicht durchführen durften und dadurch Einnahmeausfälle hatten. Die Kreisklinik fuhr offenbar mit diesen Ausgleichszahlungen merklich besser, als es normalerweise mit den erwarteten Operationen der Fall gewesen wäre.

Geschäftsführer spricht von einem „respektablen Ergebnis“

Mit eingerechnet ist übrigens auch nicht der Defizitausgleich des Landkreises für die Geburtshilfe an diesem Standort in Höhe von 1,5 Millionen Euro.

Insgesamt habe die Kreisklinik, so Kühn, „ein respektables Ergebnis erzielt“ – auch im Vergleich mit den Jahresergebnissen der umliegenden Kliniken. „Auch andere Krankenhäuser sind in den roten Zahlen.“

Landrat Niedermaier: „Es darf kein Weiter so geben“

Das Gremium war hier skeptischer. Die Situation für die Klinik sei nicht einfach, sagte Landrat Josef Niedermaier (FW). Im Gesundheitswesen bleibe derzeit „kein Stein auf dem anderen“. Der Kosten- und Reformdruck auf dem Gesundheitssektor sei enorm. „Diesen neuen Ideen muss man sich anpassen – ob man sie gut findet oder schlecht: Wir müssen danach handeln“, sagte der Landrat. Wer da das Ziel habe, „dass in der Kreisklinik alles so bleiben muss, wie es ist, ist der Totengräber der Klinik“. Es dürfe „kein Weiterso geben“, sagte Niedermaier. Jeder Euro aus dem Kreishaushalt könne nur einmal ausgegeben werden. Wer eine Bezuschussung der Klinik in unbegrenzter Höhe verteidige, „ist jenseits von Gut und Böse“.

Es gibt keine Bestrebungen, die Klinik zu schließen

Seit der emotional geführten Debatte über die Zukunft der Kreisklinik vor einem Jahr sei schlicht nichts passiert. Dabei habe es durchaus Arbeitsaufträge durch den Aufsichtsrat an die Führungskräfte der Klinik gegeben. „Wenn in einem Unternehmen ein Jahr lang nichts passiert, ist das ein extrem verlorenes Jahr.“ Man müsse endlich in die Diskussion einsteigen, wo der Platz der Kreisklinik sei, welche Nischen sie besetzen könne, welche Partner sinnvoll seien. Niedermaier bat aber auch darum, nicht wieder Gerüchte zu streuen, dass er oder der Kreistag die Klinik schließen wolle. „Das ist einfach falsch.“

Kreisrat vermisst Konzepte, wie sich die Klinik aufstellen will

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Noch deutlicher in seiner Kritik wurde Alois Bauer (FW): Er höre hier immer nur, dass alles gut ist. „Aber es wäre wichtig, dass die Klinik Nischen und Partner sucht. Das vermisse ich.“ Aus seinem Verständnis heraus müsse ein Unternehmen wirtschaftlich arbeiten. „Sie sind ein Kommunalunternehmen, sie brauchen nur kostendeckend zu sein“, sagte Bauer. Man müsse doch irgendwann die Zeichen der Zeit erkennen. Es brauche ein Konzept, wie sich die Klinik zukunftssicher aufstellen will.

Kühns Bericht wurde nur zur Kenntnis genommen.

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