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Der Vorstand des TSV Wolfratshausen ist mächtig angefressen. Künftig gibt‘s weniger Geld für die Jugendarbeit. Der Bürgermeister erklärt die Sparmaßnahme.
Wolfratshausen – Alfred Barth tobt. „Ich bin entsetzt und wütend“, sagt der Vorsitzende des TSV Wolfratshausen gegenüber unserer Zeitung. Die Entscheidung des Kulturausschusses, die Jugendförderung für die Sportvereine zu kürzen, sei „wahnsinnig enttäuschend“. Nicht nur für den TSV Wolfratshausen – „es ist ein Affront gegen alle Ehrenamtlichen, die sich mit Kindern und Jugendlichen in Wolfratshausen beschäftigen“. Barth habe in den vergangenen Tagen mit vielen Menschen gesprochen, vor allem Sportlern und Vereinsfunktionären. „Denen fällt die Kinnlade runter, wenn sie das hören.“
Wolfratshausen: TSV-Chef Alfred Barth übt heftige Kritik an der Stadt - Jugend-Zuschuss wird gekürzt
Was ist passiert? In der Dezembersitzung des Ausschusses für Kultur, Jugend, Sport und Soziales wurde die städtische Förderung für die Jugendarbeit der Sportvereine gedrosselt. Heuer gab es pro jungem Sportler noch 24 Euro, in den kommenden beiden Jahren erhalten die Sportvereine nur 22 Euro (siehe Infobox unten).
Für Barth ein nicht nachvollziehbarer Beschluss: „Die Stadt doktert an solchen Kleinbeträgen rum und spart sich eine Minimalsumme damit ein.“ Für die Vereine hingegen würde eine wichtige Säule zusammengekürzt. „Uns werden im nächsten Jahr 2000 Euro fehlen, das ist schwerwiegend.“ Dass die Stadt sparen müsse, das könne er verstehen. „Aber die Jugendarbeit darunter leiden zu lassen“, sei nicht nachvollziehbar. „Es ist ein Symbol. Aber es ist genau das falsche.“
Jugendarbeit wird immer wichtiger, die Gelder weniger - Sportler nennt das „skandalös“
Politiker, Ärzte und Wissenschaftler würden immer wieder betonen, dass die Jugendarbeit gerade jetzt wichtig sei. „Wir sollen die Corona-Defizite nachholen und den Fokus auf die Jugend legen. Genau daran wird in Wolfratshausen gespart.“ Barth wird im Gespräch immer deutlicher: „Dieser Stadtrat ist sportdesinteressiert, unsensibel und hat jede Bodenhaftung verloren.“
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Dr. Manfred Fleischer stimmte in der Sitzung des Fachgremiums gegen die Reduzierung. Der Stadtrat der Wolfratshauser Liste ist Vorsitzender des BCF Wolfratshausen. „Ich kann die Entscheidung nicht verstehen“, sagt er. Ursprünglich sei vor Jahren festgelegt worden, dass die Förderbeiträge in regelmäßigem Turnus steigen sollen. „Stattdessen werden sie jetzt reduziert, nach zwei schwierigen Jahren durch Corona und während wir die Turnhalle in Farchet nicht nutzen können“. Dort sind wie berichtet ukrainische Geflüchtete untergebracht, für den Vereinssport steht die Farcheter Halle nicht zur Verfügung.
Weniger Zuschüsse für Sportvereine: „Das völlig falsche Signal“, sagt BCF-Boss
Die Kürzung der Förderung „ist das völlig falsche Signal“, sagt Fleischer. „Der Sport genießt in Wolfratshausen nicht die Wertschätzung, die er verdient.“ Zum einen monetär, zum anderen ideell: „Die Vereine leisten Integration, sie leisten individuelle Förderung. Wenn das Sozialpädagogen machen, dann wird es richtig teuer.“ Fleischer zieht einen Vergleich zur Nachbarstadt: In Geretsried würden die Sportvereine gefördert und müssten keine Nutzungsgebühren für die Sportstätten entrichten – anders als in Wolfratshausen.
Sportreferent bedauert die Entscheidung: „Im Moment geht es einfach nicht anders“
Sportreferent Maximilian Schwarz (Bürgervereinigung Wolfratshausen/BVW) kann die Enttäuschung der Sportler grundsätzlich verstehen. „Mir wäre es auch sehr viel lieber, wenn wir die Förderung mindestens auf gleichem Niveau beibehalten hätten – noch lieber, wenn wir sie hätten erhöhen können.“ Der Beschluss des Kulturausschusses – Schwarz fehlte in der Sitzung, weil er arbeiten musste – sei „kein pauschales Nein an die Sportler und die Vereine“, sondern aus der blanken Not entstanden. „Wir haben seitenweise Auflagen für unsere Haushaltsplanung bekommen“, sagt der Sportreferent des Stadtrats.
Stadt muss sparen: Rechtsaufsicht mahnt Finanzlage an
Die Rechtsaufsicht am Landratsamt hatte wie berichtet im Frühjahr angemahnt, dass die Stadt künftig sparen muss. „Wenn wir das nicht von selber tun, werden uns diese freiwilligen Leistungen komplett gestrichen – dann gibt es künftig gar nichts mehr für die Vereine. Das will niemand.“ Das Vorgehen gegenüber den Sportvereinen sei dasselbe wie bei anderen Einrichtungen, die auf Zuschüsse hoffen: Schwarz: „Wir sparen überall – und wir sparen nicht, weil wir das wollen, sondern weil wir es müssen.“
Dass der Beschluss Kinder und Jugendliche trifft, bedauert Schwarz. „Gerade in den letzten Jahren sind sie oft die Leidtragenden.“ Auch bei der Absage der „Eiszeit“ – der mobilen Eislaufbahn an der alten Floßlände – hätten vor allem die Kinder und Jugendlichen zurückstecken müssen. „Das sind Themen, die uns im Stadtrat auch bewegen. Es geht im Moment aber einfach nicht anders.“
Bürgermeister lädt zum Krisengespräch - die Fronten bleiben verhärtet
TSV-Boss Barth und sein Stellvertreter Walter Halamek besuchten am Dienstag Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW). Einen Durchbruch gab es nicht. „Es blieb ziemlich fruchtlos“, lautet Barths Fazit. Heilinglechner spricht gegenüber unserer Zeitung von einem „kurzen Gespräch“. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, dass die Kommune zu wenig Geld für den Nachwuchs bereitstelle. „Ich weiß gar nicht, wie viele Millionen Euro wir jährlich für Kinder und Jugendliche investieren.“ In den vergangenen Jahren habe es immer wieder Erhöhungen der Zuschüsse gegeben – „auch auf Antrag des Sportreferenten“, wie Heilinglechner betont.
Heilinglechner betont: Stadt gibt jährlich Millionen für Kinder und Jugendliche aus
Die größte Investition für die Jugend steht noch bevor: Rund 50 Millionen Euro für die Sanierung und Erweiterung der Grund- und Mittelschule am Hammerschmiedweg. Deshalb müsse die Stadt die Finanzen noch genauer im Blick haben. „Wir müssen an freiwilligen Ausgaben sparen.“ Das betreffe alle Bereiche – Kultur wie Sport, Senioren wie Jugendliche. „Da erbitte ich mir einfach Verständnis. Wir würden gerne mehr geben, aber das Geld muss auch irgendwoher kommen.“ Die Kritik von Barth empfindet der Bürgermeister in dieser Heftigkeit „nicht gerechtfertigt“. Er habe gehofft, dass die Vereine „das etwas solidarischer sehen und anerkennen, dass alle ein bisschen zurückstecken müssen“.
Stadt reduziert Zuschüsse
Wolfratshausen – Den ehrenamtlichen Einsatz von Trainern und Jugendbetreuern würdigte die Stadt in den Jahren 2021 und 2022 mit einem Förderbeitrag von 24 Euro pro Mitglied. Dazu zählen Kinder, Jugendliche sowie Auszubildende und Studenten im Alter von 18 bis 26 Jahren. Voraussetzung für diesen Zuschuss war, dass dieses Engagement in Wolfratshauser Einrichtungen stattfand. Als weitere Vorgabe hatte der Sportverein für die städtischen Sporthallen Miet- und Benutzungsentgelte an die Stadt zu entrichten.
Dies ändert sich nun, da die Hallen- und Raumnutzungsgebühren aufgrund der Änderung des Umsatzsteuerrechts angepasst werden müssen. „Aus steuerrechtlichen Gründen soll die Jugendförderung zukünftig nicht mehr an die Nutzung der Sporthallen gekoppelt werden“, erklärte Stadtkämmerer Peter Schöfmann im Kulturausschuss des Stadtrats. Alternativ schlug er vor, dass diejenigen Vereine Jugendförderbeiträge bekommen, die neben Kindern, Jugendlichen und Auszubildenden auch qualifizierte Übungsleiter beschäftigen.
Aufgrund der begrenzten Haushaltsmittel regte Dr. Ulrike Krischke (Bürgervereinigung) an, in den kommenden beiden Jahren einen Zuschuss von jeweils 22 Euro zu gewähren und diesen Betrag 2025 und 2026 auf 24 Euro zu erhöhen. Gerlinde Berchtold (SPD) beantragte dagegen, die Förderung vorerst auf die nächsten zwei Jahre zu beschränken. Danach solle je nach Entwicklung der Finanzlage über eine Erhöhung oder Reduzierung entschieden werden.
Gegen die beantragte Beschränkung auf zwei Jahre stimmten Assunta Tammelleo (Grüne) und Dr. Manfred Fleischer (Wolfratshauser Liste). Fleischer verwies auf die großzügige Jugendförderung der Nachbarstadt Geretsried und wehrte sich zudem gegen eine Erhöhung der Hallennutzungsgebühren.
Am Ende fügte Rathauschef Klaus Heilinglechner (Bürgervereinigung) dem Beschlussvorschlag drei weitere Voraussetzungen hinzu. Demnach müssen die Vereine in Wolfratshausen ansässig sein und von der Stadt sowie dem Landkreis bereits Zuschüsse erhalten. Dies wiederum passte der Jugendreferentin Jennifer Layton (Grüne) nicht, die sich eine Ausnahmeregelung für die in Königsdorf ansässige Taekwondo-Schule Sappl gewünscht hätte. Neben ihr verweigerten Tammelleo und Fleischer die Zustimmung für den Beschluss, der schließlich mit einer 7:3-Mehrheit durchgesetzt wurde. Peter Herrmann
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