VonChristiane Mühlbauerschließen
So etwas soll sich nie mehr wiederholen: Der Tod des verunglückten Schneepflugfahreres Hans Kiefersauer war eines der Themen, mit denen sich die Fachleute bei der Zusammenkunft der Lawinenkommissionen in Bad Heilbrunn beschäftigten.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Die teilweise extremen Schneefälle im zurückliegenden Winter haben den Einsatzkräften im ganzen Landkreis viel abverlangt. Über alle Entwicklungen wurde bei der Zusammenkunft der Lawinenkommissionen im Gasthof Reindlschmiede in Bad Heilbrunn berichtet. Diesmal waren auch Landrat Josef Niedermaier, Bürgermeister, Vertreter von Wasserwirtschafts- und Staatlichem Bauamt sowie Vertreter von Polizei und Landratsamt zahlreich erschienen.
Statistik zeigt Extreme
Gekommen waren auch der Leiter des Lawinenwarndienstes (LWD) Bayern, Hans Konetschny, und sein Stellvertreter Thomas Feistl. Sie stellten Zahlen und Statistiken im Vergleich zu früheren Wintern vor. „Die starken Schneefälle sind in drei Perioden gekommen“, sagte Konetschny. Dabei seien maximale Messwerte aufgetreten, im Januar sogar neue Extreme. „Im Januar lag am Brauneck dreimal so viel Schnee wie normal“, sagte Feistl. Der höchste jemals gemessene Wert dort waren drei Meter Schnee Anfang Februar. Sogar jetzt, im April, liegen am Berg noch über zwei Meter. „Das ist schon außergewöhnlich.“ Selbst in mittleren Lagen finde man jetzt noch beträchtliche Schneemengen. Im Januar galt länger die zweithöchste Lawinenwarnstufe vier. „So eine konstant hohe Lawinengefahr in so einem langen Zeitraum hatten wir noch nie“, sagte Feistl.
So einen Winter – Konetschny sprach von einem „Flash“ – gebe es im Schnitt alle 20 Jahre, sagte der Leiter des LWD und erinnerte an 1999 (Katastrophe in Galtür). Kann man auch den jüngsten Winter als Katastrophe definieren? Trotz der sehr starken Schneefälle sei bayernweit die Zahl der Lawinenabgänge, der Toten und Verletzten nicht überdurchschnittlich hoch, sagte Feistl und definierte die Zeit als „starken Winter“.
Schaut man bei dem Treffen in der „Reindlschmiede“ in der Regel auf die Orte unmittelbar am Alpenrand, so wurde diesmal über die Lage im ganzen Landkreis gesprochen. Die Belastungen in der „Hoch-Zeit“ im Januar waren unterschiedlich. Im nördlichen Landkreis ging es vor allem ums Thema Schneebruch, im südlichen Landkreis um die Lawinen, sagte Martin Herda vom Staatlichen Bauamt. „Alle Straßensperrungen erwiesen sich als richtig“, sagte Herda. Überall seien Bäume umgefallen. Für die Straßenmeistereien war der Winter „eine ziemliche Ausnahmesituation“, so Herda. Sehr erfreulich sei die Feststellung, dass alle Teams sehr gut zusammengearbeitet haben.
Holzarbeiter in Gefahr
Das wurde im Laufe der Gespräche von allen Seiten angesprochen und gelobt. Auch die Arbeit der Lawinenkommissionen sei „von einer extrem hohen Kameradschaft geprägt“, sagte Landrat Josef Niedermaier. Viele Entscheidungen waren nicht leicht zu treffen. Die Mitglieder zeigten „großes Verantwortungsbewusstsein“ und seien „hoch motiviert“. Niedermaier dankte auch im Namen von Ministerpräsident Markus Söder für den ehrenamtlichen Einsatz und überbrachte dessen Dankes-Bekundung.
„Das war ein Winter, den wir so schnell nicht vergessen“, sagte Georg Fischhaber für die Lawinenkommission Lenggries-Fall. Er bezeichnete ihn als „intensiv, arbeitsreich und tragisch“ (siehe Kasten). Die Kommission sei fast täglich draußen gewesen. Ein großes Problem waren die Schneelast auf Bäumen beziehungsweise die Situation im Wald und am Straßenrand. Für Holzarbeiter habe Lebensgefahr bestanden.
Insgesamt 21-mal und damit „so oft wie schon lange nicht mehr“ rückte die gesamte Lawinenkommission von Lenggries aus, berichtete Ralf Kirchgatterer. „Hinzu kommen noch viele Einzelfahrten.“ Mit dem Team der Brauneck-Bergbahn habe man hervorragend zusammengearbeitet und „bei Bedarf sofort gesprengt“.
Auch Peter Lorenz, Chef der Brauneck-Bergbahn, bezeichnete die Tage im Januar als extrem. Wie berichtet musste die Bahn mehrmals den Betrieb einstellen, unter anderem, weil Bäume in die Lifttrassen gefallen waren. Diese wurden aus sicherer Entfernung herausgesprengt. Die Situation sei so gefährlich gewesen, „dass wir da keinen reingelassen haben“, sagte Lorenz. Den Betrieb habe man aber auch einstellen müssen, weil die Rettung von Skifahrern nicht mehr gewährleistet werden konnte. „Die Bergwachtler waren anderweitig eingespannt und wären im Notfall nicht schnell hier gewesen.“
Kritik an Verhalten von Sportlern
Beim Katastrophenfall von 10. bis 15. Januar waren 3500 Helfer im Landkreis im Einsatz, berichtete Toni Stowasser, im Tölzer Landratsamt zuständig für Sicherheit und Ordnung. Auch er dankte allen Ehrenamtlichen nochmal für ihr Engagement.
Dass die Kommunikation unter allen Beteiligten reibungslos klappte, lobte auch Christian Held von der Kochler Lawinenkommission, als er über Straßensperrungen und Lawinensprengungen im Bereich Fahrenberg/Herzogstand berichtete.
Bei der Zusammenkunft wurde auch mehrmals darüber gesprochen, wie die Bevölkerung zum Beispiel auf Straßen- und Wegesperrungen reagierte. „Dass wir beschimpft werden, sind wir gewohnt“, sagte Fischhaber. Die Lawinenkommissionen seien großem Druck ausgesetzt, vor allem von Autofahrern und Skifahrern, sagte Landrat Niedermaier. Kochels Bürgermeister Thomas Holz zeigte sich wütend über „Freizeitmenschen“, die Sperrungen nicht beachten und dann in Not geraten. „Und dann begeben Ehrenamtliche sich in Gefahr, um die Leute da rauszuholen“. Holz sieht hier dringenden gesellschaftlichen Diskussionsbedarf. Ähnlich äußerte sich der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl.
Abgesehen von den schwierigen Tagen im Januar sei es dann aber auch „ein schöner Winter gewesen“, wurde mehrfach gesagt. Bergbahn-Chef Lorenz sprach von einem „ganz guten Geschäft“: „Wir hoffen, dass es nächsten Winter wieder schneit, aber nicht mehr so viel.“
Gedenken an verunglückten Schneepflugfahrer Hans Kiefersauer
Mit einer Gedenkminute erinnerten die Teilnehmer an Hans Kiefersauer. Der Mitarbeiter der Tölzer Straßenmeisterei verunglückte am 11. Januar tödlich, als er mit seinem Räumfahrzeug von der Lawinenumfahrung nahe der Bundesstraße 307 abkam und in die Isar stürzte (wir berichteten). Toni Stowasser, im Tölzer Landratsamt zuständig für Sicherheit und Ordnung, ging in seinem Rechenschaftsbericht darauf ein. Das dramatische Unglück bewegte auch außerhalb der Landkreisgrenzen viele Menschen. Der Tod von Kiefersauer tue „brutal weh“, sagte Georg Fischhaber für die Lawinenkommission Lenggries-Fall. Der Unfallhergang beschäftigt auch die Mitarbeiter des Staatlichen Bauamts, berichtete Martin Herda. Man werde sich die Situation anschauen, bewerten und Schlüsse ziehen, „damit so etwas nie wieder passiert“, sagte Martin Herda.
