„Es ist mit rauen Händen geschrieben“

So ist das Heimatbuch der Geflüchteten und Vertriebenen aus Pusztavám entstanden

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Da steckt viel Arbeit drin: Letzter überlebender Urvater des Heimatbuchs aus Pusztavám ist Andreas Netzkar.
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Seit 40 Jahren gibt es das Heimatbuch der Geretsrieder Geflüchteten und Vertriebenen aus Pusztavám. Andreas Netzkar ist einziges noch lebendes Mitglied des Heimatausschusses, der das Buch verwirklichte.

Geretsried – Bei seiner Recherche über die Ungarndeutschen und Pusztavám ist Georg Hodolitsch über einen runden Geburtstag gestolpert. Im Gespräch mit Andreas Netzkar, der wie viele Geretsrieder die Vertreibung am eigenen Leib erlebt hat, stellte sich heraus, dass das Heimatbuch der Geflüchteten und Vertriebenen aus Pusztavám heuer 40 Jahre alt geworden ist. Als einziges noch lebendes Mitglied des Heimatausschusses, der das Buch verwirklichte, hat Netzkar die Entstehung mitgeprägt. „Er selbst feierte in den letzten Tagen rüstig und geistig rege seinen 92. Geburtstag“, schreibt Hodolitsch, der ebenfalls ungarndeutsche Wurzeln hat.

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Franz Stammler sen. hatte die Idee zu dem Buch, und eine zehnköpfige Mitarbeitergruppe sammelte und erstellte über einen Zeitraum von fünf Jahren die notwendigen Unterlagen, Pläne und Personendaten. „Das Buch beschreibt das Dorf mit seinen Bewohnern und ihr Brauchtum im Jahresverlauf.“ Es gehe unter anderem auf die Geschichte, das Handwerk, seine evangelische und katholische Kirchengemeinde und die Mundart ein. Viel Mühe machte auch der Ortsplan mit den Häusern und deren Familienvorständen (Stand von 1944). „Erschwerend kam hinzu, dass in den 1970er Jahren viele Ausschussmitglieder generell nicht nach Ungarn und damit Pusztavám einreisen durften“, so Hodolitsch. Nicht vergessen wurde im Buch die Schilderung des arbeitsreichen Neuanfangs in Geretsried und die ersten Jahrzehnte der Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn, die Netzkar 50 Jahre angeführt hat. Historische Bilder runden das Heimatbuch ab. „Es ist mit rauen Händen geschrieben, und mit Hingabe und Liebe zur Sache ein geschichtliches Dokument geworden,“ so Mitarbeiter Lehrer Franz Schell in seinem Dank damals an den Heimatausschuss. Redigiert hat das Buch federführend der Historiker Dr. Anton Tafferner. Seine Tochter Lioba Tafferner, beschäftigt in der bayerischen Staatsbibliothek, unterstützte Jakob Pfeil tatkräftig bei seinen Recherchen.

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Studierende aus Budapest, der Humboldt-Universität in Berlin, Germanistikstudentinnen aus Pusztavám und auch eine Schülerin des Gymnasiums in Geretsried interessierten sich in den vergangenen Jahren für das Heimatbuch. „Dadurch zeigt sich, dass das Schicksal der Ungarndeutschen immer noch aktuell ist“, so Hodolitsch. „Für Interessierte gibt es sogar noch einige Exemplare“, ergänzt Netzkar.

Als wichtige Ergänzung zum Heimatbuch sieht Anni Netzkar die 2016 von Hodolitsch mit Spenden der Pusztavámer geschaffene und enthüllte Erinnerungstafel an die Flucht und Vertreibung in den Jahren 1944 bis 1948 im Foyer des Rathauses: „Hiermit wird für die Schulen, die bayerische Bevölkerung und die Nachfolgegenerationen die Geschichte der deutschen Siedlungsgebiete im östlichen Mitteleuropa dargestellt und bewahrt.“  nej

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