VonDoris Schmidschließen
Deutschlandweit 100 Asylbewerberheime fördert das Bundesfamilienministerium mit einem besonderen Programm. Konkret geht es um den Schutz von Frauen und Kindern in Flüchtlingsunterkünften. In Oberbayern gibt es zwei Standorte, die für dieses Pilotprojekt ausgewählt wurden: Ingolstadt und Geretsried.
Geretsried – In der größten Stadt im Landkreis wird die Asylbewerberunterkunft (ABU II) am Schulzentrum nun von einer Gewaltschutzkoordinatorin betreut. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet Petra Enderle über ihre Arbeit – und geht auf die jüngsten Vorfälle ein.
-Frau Enderle, aus welchem Grund wurde Geretsried für das Pilotprojekt ausgewählt?
Zum einen aufgrund des Standorts. Zum anderen, weil in der staatlichen Gemeinschaftsunterkunft an der Jahnstraße sehr viele Familien und Kinder untergebracht sind. Damit ist die Unterkunft wie gemacht für das Projekt.
-Warum ist in Flüchtlingsunterkünften ein Programm zum Schutz von Frauen und Kindern
notwendig?
Weil sie besonders schutzbedürftig sind und eigene Rückzugsorte brauchen. Vieles gibt es ja in den Unterkünften der Regierung von Oberbayern schon, also beispielsweise abschließbare Toiletten und Duschen. Was jetzt noch dazu kommt, sind zusätzliche Aufenthaltsräume. Das kann ein Zimmer sein, das nur von Frauen betreten werden darf, oder ein Kinderspielzimmer.
-Gab es die vorher nicht?
Die waren im Belegungsplan schon angelegt. Aber es gibt ja in den Unterkünften unterschiedliche Zusammensetzungen durch die Bewohner. Das schauen wir uns an. Wir prüfen, welchen unterschiedlichen Bedarf es gibt und reagieren darauf. Nicht in jeder Unterkunft gibt es so viele Familien wie in der ABU II.
-Wie arbeiten Sie?
Ich habe in der Gemeinschaftsunterkunft ein eigenes Büro und bin an mindestens drei Tagen in der Woche vor Ort. Ich habe keine extra Sprechstunde, wir arbeiten niederschwellig. Ich möchte, dass die Bewohner jederzeit zu mir kommen können. Und ich habe die Aufgabe, die Bewohner auch an Angebote außerhalb anzuschließen und die externen Angebote in die Unterkunft reinzuholen.
-Das Projekt läuft seit Anfang des Jahres. Was ist in dieser Zeit geschehen?
Ganz zu Beginn des Projekts gab es vor Ort eine viertägige Schulung von Unicef, einem unserer Partner. Wir sind die Mindeststandards durchgegangen, haben eine Bedarfsanalyse gemacht und einen Fahrplan entwickelt.
-Wie sieht dieser
Fahrplan aus?
Als Schwerpunkt wurde festgelegt, dass wir unter anderem ein Kinderzimmer einrichten möchten. Außerdem wollen wir die Hausaufgabenbetreuung ausbauen und standardisierte Verfahrensabläufe bei Verdacht auf Gewalt oder bei Gewaltvorfällen erarbeiten. Und die Mitarbeiter wünschen sich ein Schulungskonzept. Mittlerweile konnte ich das Vertrauen der Bewohner gewinnen. Sie fühlen sich ernst genommen. Das ist nicht immer selbstverständlich.
-Wer kümmert sich um die Bewohner?
Wir haben eine Verwaltung der Unterkunft, einen Hausmeister und die Asylsozialberatung. Das ist der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch, mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten. Außerdem gibt es drei Security-Mitarbeiter, die 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche vor Ort sind und ebenfalls als Ansprechpartner für die Bewohner fungieren. Und wir haben einen Unterkunftskoordinator. Für die Bewohner gibt es also immer zumindest einen Ansprechpartner.
-Engagiert sich in der ABU II auch der Helferkreis?
Es gibt einige Ehrenamtliche, die regelmäßig vorbeikommen. Sie unterstützen die Asylbewerber und bieten Sprachkurse an. Schüler vom benachbarten Schulzentrum kommen ebenfalls herüber und helfen bei den Hausaufgaben. Vor ein paar Tagen fand ein Kinderkino statt, das von Ehrenamtlichen organisiert wurde. Demnächst werden wieder Hochbeete bepflanzt. In vielen Punkten arbeiten wir eng mit der städtischen Asylkoordinatorin zusammen. Bei Bedarf richtet sie Hilfsanfragen über ihr Netzwerk, das funktioniert hervorragend.
-Wie viele Menschen leben aktuell in der ABU II?
Derzeit sind es 208 Personen. Wir haben sehr viele Familienverbände, etwa 40 alleinreisende Frauen, darunter auch Mütter, zirka 80 Männer und über 70 Kinder.
-Woher stammen die Bewohner?
Die meisten sind aus Nigeria und Afghanistan. Außerdem haben wir Bewohner aus dem Irak, Syrien, Russland, Jordanien, Senegal, Tansania, Myanmar, dem Kongo, Uganda und Pakistan.
-Wie läuft aus Ihrer Sicht das Zusammenleben in der Unterkunft?
Die Stimmung ist gut. Wir sind im ständigen Austausch mit den Bewohnern, und es ist immer jemand da.
-Viele Asylbewerber würden gerne arbeiten, dürfen aber nicht. Nebenbei warten sie auf die Anerkennung ihres Status’ oft monatelang. Langweilen sich die Bewohner in der ABU II?
Ein Asylverfahren ist mit Wartezeit verbunden. In dieser Zeit ist nicht klar, wie es weitergeht. Vom Asylbescheid hängt das zukünftige Leben ab. Dass da eine gewisse Anspannung da ist, ist nachvollziehbar.
-Mündet Langeweile in Konflikten?
Dass Langeweile zu Konflikten führt, kann ich nicht bestätigen. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, dass sich unsere Bewohner langweilen.
-Wie sieht der Alltag eines Asylbewerbers aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Asylbewerber haben in der Regel viel zu tun und sind sehr engagiert. Beispielsweise müssen sie Arzttermine seitens des jeweiligen Gesundheitsamts wahrnehmen und Behördengänge erledigen, die sie oft auch überfordern beziehungsweise sehr beanspruchen. Und dafür müssen sie manchmal auch nach München fahren. Dann gibt es da noch die Sprachangebote und so weiter. Die Asylbewerber sind sehr viel unterwegs. Und wir versuchen, sie in Projekte einzubinden, zu animieren, selbst aktiv zu werden. Das gelingt ganz gut. Ansonsten haben sie ebenso wie wir mit strukturellen Problemen zu kämpfen.
-Die Suche nach einer Arbeitsstelle und einer Wohnung?
Genau. Und die Suche nach einem Kindergartenplatz. Dabei darf man nicht vergessen: das alles in einer komplett fremden Umgebung mit einer anderen Sprache.
-Kommen wir zu den jüngsten Vorfällen, die sich an der ABU II ereignet haben: Ein angetrunkener Nigerianer warf ein Fahrrad durchs Fenster, ein anderer Nigerianer schlug im Rausch einen Polizisten nieder, und ein Afghane soll versucht haben, seine schwangere Ehefrau zu erwürgen. Was sagen Sie als Gewaltschutzkoordinatorin dazu?
Die Vorfälle müssen differenziert betrachtet werden. In einem Fall war der Nigerianer kein Bewohner von uns. Der Polizist wurde auf dem Radweg niedergeschlagen, nicht in der Unterkunft. Und was vor dem Haus passiert, darauf haben wir grundsätzlich nur bedingt Einfluss. Auch unser Sicherheitsdienst darf da grundsätzlich nichts unternehmen, mit Ausnahme der sogenannten Jedermannsrechte. Das sind Rechte, die allen Personen nach den gesetzlichen Vorgaben bei Notwehr, Notstand, oder Selbsthilfe zustehen. Im Übrigen herrscht auf dem Gelände der Gemeinschaftsunterkunft ein Alkoholverbot. Im letzten Fall handelt es sich um eine klassische Beziehungstat. Leider kommt das auch außerhalb unserer Unterkunft häufig vor.
-Der Afghane hat seine Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Hat der Sicherheitsdienst rechtzeitig eingegriffen?
Dieser Fall hat uns bereits länger beschäftigt. Es gab sehr viele Hilfs- und Beratungsangebote von unserer Seite und anderen Stellen. Und wir haben die Security gebeten, wachsam zu sein. Doch was hinter verschlossenen Türen passiert, ist für uns, wie überall anders, nicht zu sehen, zumal die Bewohner auch ein Recht auf Privatsphäre haben. Dank des aufmerksamen Sicherheitsdienstes konnte Schlimmeres verhindert werden.
-Haben Sie die Konflikte überrascht?
Teilweise hat mich das sehr schockiert, aber nicht überrascht. Häusliche Gewalt im Allgemeinen überrascht mich nicht. Das passiert sehr häufig, und zwar unabhängig davon, wo jemand lebt und woher jemand kommt. Im Jahr 2016 gab es laut Statistik über 100 000 Fälle von häuslicher Gewalt in Deutschland und 350 versuchte Tötungsdelikte in Paarbeziehungen. Da gibt es keinen Zusammenhang zwischen Häufigkeit und Herkunft. Nichtsdestotrotz ist es uns ein besonderes Anliegen, gerade präventive Vorkehrungen zur Vermeidung von Konflikten weiter auszugestalten.
-Gab es bei den jüngsten Vorfällen Beschwerden von Anwohnern?
Wir haben einen guten Kontakt nach außen, und an uns wurden keine Beschwerden herangetragen. Nur bei der Fußball-WM, als Nigeria gewonnen hat, war es verständlicherweise ein bisschen laut (schmunzelt). Aber ich möchte betonen, dass wir jeden Vorfall ernst nehmen. Sollte es Ängste oder Probleme geben, muss das angezeigt werden.
-Ende des Jahres läuft das Projekt aus. Was wollen Sie noch umsetzen?
Konkret möchte ich zusammen mit den Bewohnern einen Verhaltenskodex erarbeiten. Partizipation ist das beste präventive Mittel gegen Konflikte. Nach den Sommerferien wollen wir die Hausaufgabenhilfe noch verstärken und die Zusammenarbeit mit der Schule intensivieren. Und ich könnte mir gemeinsame Kochveranstaltungen vorstellen, auch mit den Geretsrieder Bürgern. Über das Kochen funktioniert kulturelle Verständigung perfekt.
-Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Mehr Zeit. Ein Jahr für die Umsetzung von so einem Projekt ist schon sehr anspruchsvoll. Und für die vielen Mädchen und Buben in der Asylbewerberunterkunft Kindergartenplätze. Dass sie ihren Nachwuchs nicht unterbringen können, macht den Eltern große Sorgen. Aber dieses Problem hat Geretsried wie viele andere Kommunen auch.
nej
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