- VonCarina Ottillingerschließen
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will das Gendern an Schulen und in Verwaltungen untersagen. Was halten Rektoren und Rathäuser davon? Wir haben nachgefragt.
Landkreis – Binnen-I oder Sternchen – nicht mit Markus Söder. Bayerns Ministerpräsident will das Gendern an Schulen und in Verwaltungen verbieten. Bei Bürgermeistern und Schulleitern im Landkreis kommt das Genderverbot aus der Staatskanzlei nicht gut an. Die Mehrheit ist sich einig: Gendern ist die Sprache von morgen, bei den Jüngeren gar schon Alltag.
Die Gemeinde Ismaning gendert seit über drei Jahren. In allen öffentlichen Texten verwendet sie ein Sternchen. Überall, wo der Platz eng wird, schreibt sie die maskuline Form und begründet es. „Wir müssen mit der Zeit gehen“, sagt Christa Scharl, Referentin des Bürgermeisters. „Sprache hat sich verändert, und wir wollen nah am Menschen sein.“ Vor 30 Jahren sei es egal gewesen, ob Ismaninger oder Ismaningerin in den Ortsnachrichten stünde. Heute sei das anders. „Wir haben uns überlegt, wie wollen wir mit Sprache umgehen, und uns für das Gendern entschieden.“ Bei den Bürgern komme das gut an. Beschwerden hat Scharl keine erhalten.
„Es gibt nicht nur Freunde des Genderns.“
Auch die Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn gendert. „Es ist kein großes Thema mehr, sondern normal,“ sagt Geschäftsleiterin Nina Schierlinger. Wenn Söder das Genderverbot durchbringt, glaubt sie, dass es vermutlich nur die behördlichen Texte betreffen würde. Satzungen zum Beispiel. Und da hätte die Gemeinde nicht vor zu gendern. Schierlinger sagt: „Wir wollen alle Personengruppen abbilden.“ Das gehe nur mit einer Sprache, die alle anspreche. Meistens verwendet die Gemeinde das Gendersternchen. Überall dort, wo es sich anbietet, steht die substantivierte Form – Mitarbeitende statt Mitarbeiter. Nicht alle Reaktionen seien positiv. „Es gibt nicht nur Freunde des Genderns.“ Manchmal höre Schierlinger die Kritik, Gendern störe den Sprachfluss.
Auf der Webseite der Gemeinde Taufkirchen findet sich ein Flyer, der einem erklärt, wie man im Ort richtig gendert: Taufkirchner*innen oder TaufkirchnerInnen. Jeder so, wie er möchte. Trotzdem steht Zweiter Bürgermeister Michael Lilienthal (FW) dem Gendern skeptisch gegenüber. Er halte sich nicht konsequent daran und verwende meistens ein Wort, das alle anspricht. Selbst viele Frauen fänden es überflüssig. Ob jemand gendert oder nicht, werde nicht kontrolliert. Zu Söders Idee sagt er: „Ein Verbot ist genauso falsch wie ein Zwang.“
Schüler dürfen im Aufsatz gendern
Landrat Christoph Göbel (CSU) will sich zum söderschen Genderverbot hingegen nicht äußern. Das Landratsamt weist lediglich darauf hin, dass man Wert lege auf eine bürgernahe Sprache: „Frauen und Männer sollen gleich behandelt werden.“ Grundlage ist ein Leitfaden des Innenministeriums. Auf Sternchen, Binnen-I oder Schrägstriche werde verzichtet. Und warum? Formulierungen in Schriftstücken müssten so verfasst werden, dass sie zitierfähig seien.
Ein etwaiges Verbot könnte auch Schulen betreffen. An der Johann-Andreas-Schmeller-Realschule in Ismaning wird nicht gegendert. „Ich will keine ideologische Diskussion zum Gendersternchen führen“, sagt Schulleiter Stefan Ambrosi. Im Deutschaufsatz könnten die Schüler ein Sternchen verwenden. Allerdings: „Das ist ein Rechtschreibfehler“, sagt Ambrosi. Weitere gegenderte Wörter wären Folgefehler. Der Rektor mahnt grundsätzlich aber zu „mehr Gelassenheit beim Thema Gendern“. Das angedrohte Verbot von Söder sei „nicht zeitgemäß“.
Auch Schulleiterin Michaela Trinder vom Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching kann einem Genderverbot nichts abgewinnen. Das Kollegium sei angehalten, beide Geschlechter auszuschreiben, aber keine Sonderzeichen zu verwenden. Eine einheitliche Regel gibt es nicht. „Die Schüler dürfen gendern”, sagt Trinder. „Wir wollen ihnen das nicht verbieten.” Im Deutschaufsatz sei das Sternchen auch kein Fehler. Es gebe sogar ein paar Schüler, die das Binnen-I sprechen. Für Schulleiterin Trinder kein Problem: „Sprache prägt das Denken.” Deswegen sei es wichtig, alle Geschlechter einzubeziehen. Im Arbeitskreis “Buntes LMGU” sprechen die Schüler über Diskriminierung. Bisher sei Gendern kein Thema gewesen.
Weitere Nachrichten aus dem Landkreis München finden Sie hier.