Pizzageruch, lautes Stimmengewirr, garniert mit Lachern und Seufzern: Einmal im Monat findet in der Geretsrieder Stadtbücherei ein Spieleabend statt - dieser geht nicht selten bis spät in die Nacht.
Geretsried – In einer Bibliothek herrscht für gewöhnlich konzentrierte Stille. Einmal im Monat wird das rücksichtsvolle Flüstern in der Geretsrieder Stadtbücherei jedoch abgelöst: Beim Spieleabend erfüllen Stimmengewirr, Lachen, Seufzen und das Geräusch von rollenden Würfeln die Räume an der Adalbert-Stifter-Straße.
So auch an einem Freitagabend im Dezember. Die Besucher, die nacheinander an den großen Tischen zwischen den Regalen „Heimatkunde“ und „Kochbücher“ eintrudeln, begrüßen sich wie alte Bekannte. Gut 20 Spielbegeisterte kommen an diesem Abend zusammen. Alle sind per du und plaudern entspannt über Familie und Hobbys. Seit dem Frühjahr 2016 treffen sich Jung und Alt jeden ersten Freitag im Monat, um gemeinsam einen unterhaltsamen Abend zu verbringen. „Die Hälfte der Leute hier waren von Anfang an dabei“, erklärt Büchereileiter Björn Rodenwaldt, der die Idee dazu hatte.
Am Tisch neben der Tür stehen das Kennerspiel des Jahres, „Die Quacksalber von Quedlinburg“, und das futuristisch aussehende Spiel „Terraforming Mars“ zur Debatte. Letzteres macht das Rennen, und Michael Kreser fängt an, bunte Steinchen und Karten auf dem Spielbrett und unter den Mitspielern zu verteilen. „Es geht darum, den Mars bewohnbar zu machen“, erklärt der routinierte Spieleabend-Besucher aus Bichl. Dabei stellt jeder Teilnehmer einen multinationalen Konzern dar und möchte am Ende das Meiste zur Bewirtschaftung beigetragen haben. Spielzeit: Minimum 90 Minuten. „Wir haben es aber auch schon vier Stunden lang gespielt“, gibt Kreser zu. Damit hat am Tisch allerdings niemand ein Problem. Es kommt nicht selten vor, dass die Fenster der Bücherei bis spät in die Nacht erleuchtet sind.
Eine melodische Stimme dringt aus dem Raum nebenan. Der 19-jährige Michael Martin liest den Vorspann eines Rollenspiels. Neben erwachsenen Männern sitzen Kinder im Grundschulalter, jeder hängt ihm gebannt an den Lippen. „Beim heutigen Spiel ,Aventuria‘ werden Kurzabenteuer durchlaufen“, erklärt Martin. Dazu wählt jeder Teilnehmer zu Beginn einen Charakter aus, der mit verschiedenen Eigenschaften ausgestattet ist. Diese kommen ihm bei den Aufgaben zugute, die er bewältigen muss – oder eben nicht, wenn Herausforderung und Fähigkeiten nicht zusammenpassen.
Vier Buben sitzen auf den bunten Hockern und Sitzsäcken im „Gaming Room“ – umgeben von säuselnder Musik. „Ich treffe hier oft Freunde, und wir legen zusammen ein Videospiel ein“, sagt der zwölfjährige Fabian, auf dessen Bildschirm das Nintendo-Spiel Mario Kart läuft. „Aber wenn sich drüben eine Brettspielrunde bildet, die uns gefällt, sind wir auch da dabei“, kündigt der Schüler an.
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Dieser Fall tritt prompt ein. Einige Mütter entscheiden sich nebenan für „Kodama“. Bei diesem Kartenspiel schmückt jeder Teilnehmer seinen Baum mit Blumen und Pilzen, wenn er an der Reihe ist. Gelingt es dem Spieler, ihn möglichst attraktiv zu gestalten, lässt sich dort ein japanischer Baumgeist häuslich nieder. „Bei uns zu Hause ist das Spiel sehr beliebt, weil es auch nach vielen Malen noch Spaß macht“, sagt Betti Wittmeyer.
Die begeisterten Büchereibesucher unterbrechen ihre konzentrierten Wettkämpfe nur einmal an diesem Abend. Rodenwaldt dreht eine Runde zwischen den Tischen und stellt die von allen heiß ersehnte Frage: „Wer möchte Pizza?“ Die Bestellung hat Tradition, denn mit vollem Magen spielt es sich gleich doppelt so gut.
Info
Der Spieleabend in der Stadtbücherei findet jeden ersten Freitag im Monat ab 19 Uhr statt, das nächste Mal an diesem Freitag.
lm